Aktienmärkte Angstbarometer signalisiert Happy End

Trotz der massiven Kursverluste im März 2020 entwickelten sich die Börsen während der Corona-Pandemie überraschend gut. Woran das liegt und warum Investoren sich trotz Entspannung auf Schwankungen einstellen sollten, erklären die Invesco-Experten Paul Jackson und András Vig.

20.05.2021, aktualisiert 27.05.2021 - 09:3227.05.21 - 09:32
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Konfettiregen an der Chicagoer Börse
Konfettiregen an der Chicagoer Börse: Die Invesco-Experten sind zuversichtlich, dass dieses Jahr ohne großes Drama enden wird© IMAGO / UPI Photo

Das wahrnehmungspsychologische Phänomen der „Peak-End-Rule“ besagt, dass unsere Erinnerung an Ereignisse vor allem davon abhängt, wie wir ihren Höhepunkt und ihr Ende erlebt haben. Paul Jackson, globaler Leiter der Vermögensstrukturierung und Forschung, und András Vig, Multi-Asset-Stratege bei Invesco, haben sich mit der Frage beschäftigt, wie Finanzmarktteilnehmer die derzeitige Ausnahmesituation in Erinnerung behalten werden.

Angstbarometer der Aktienmärkte

Dazu haben sie die Entwicklung des „Angstbarometers“ der Wall Street, des CBOE Volatility Index (VIX-Index), als Maß dafür herangezogen, wie schmerzvoll die Pandemie für Finanzmarktteilnehmer war. Das Ergebnis: Trotz des Traumas im März 2020 könnten ihre Erinnerungen an die Pandemie im Rückblick überraschend positiv ausfallen.

„Nach den dramatischen Wochen im Februar und März 2020 schalteten die Finanzmärkte größtenteils in einen optimistischen Modus“, schreibt Jackson in der aktuellen Ausgabe der Invesco-Publikation „Uncommon Truths“. Der VIX-Index, der die Volatilität des marktbreiten S&P 500 Index ausdrückt, zeigt, dass die Nervosität der Märkte im März 2020 ein nie zuvor gesehenes Ausmaß erreichte – der Höchststand des VIX-Index von 82,69 Punkten am 16. März markierte einen Tagesrekord. Mit der Erholung der Wirtschaft ging die Volatilität wieder zurück. Im April 2021 notierte der VIX-Index bei durchschnittlich 17,4 Punkten und damit deutlich unter dem historischen Durchschnitt von 19,5 (seit 1990). Nach Ansicht der Invesco-Experten deute das auf ein „Happy End“ der turbulenten Phase hin.

Allerdings weisen sie auch darauf hin, dass die Volatilität erfahrungsgemäß auch saisonalen Mustern folgt, wobei die niedrigsten VIX-Werte meist im Frühjahr und Frühsommer gemessen werden. Im Spätsommer folgt häufig eine Phase höherer Volatilität, die ihren Höhepunkt im Zeitraum September bis November erreicht. „Wenn dieser typische Verlauf auch 2021 eintritt, könnte die niedrigere Volatilität der vergangenen Wochen noch mehrere Monate anhalten“, so Jackson. Der Rückgang des VIX-Index von März bis April scheint 2021 sowohl saisonale als auch zyklische Gründe zu haben.

Kein Grund zur Sorge

Der Faktor, der nach Ansicht der Invesco-Experten das typische saisonale Muster herbeiführen könnte, bei dem die Volatilität im Herbst ansteigt, wäre ein – angekündigter oder von den Märkten antizipierter – Wegfall der geldpolitischen Unterstützung durch die US-Notenbank (Fed). Von der jüngsten Sitzung des Ausschusses der Fed sind zwar keine diesbezüglichen Signale ausgegangen. Eine Bloomberg-Umfrage unter 49 Ökonomen  jedoch ergab, dass diese mehrheitlich noch in diesem Jahr mit einer „Tapering“-Ankündigung, also einer Straffung der Geldpolitik, rechnen.

Für die Invesco-Strategen ist eine mögliche Rückführung der Assetkäufe der Fed hingegen kein Grund zur Sorge. „Tatsächlich würden wir uns mehr Sorgen machen, wenn es dazu in diesem Jahr nicht kommt, weil das signalisieren würde, dass entweder die Wirtschaft zu schwach ist oder die Fed zu weit hinter die Kurve zurückfällt“, so Jackson. „Wenn überhaupt, sehen wir das Risiko, dass die Fed zu langsam strafft und die Inflation dadurch über das hinaus steigt, was derzeit in den Märkten eingepreist ist.“

Jackson zufolge könnte die Rückführung der ultraexpansiven Geldpolitik zu einer gewissen Marktvolatilität führen – einem „milden Tantrum“, das kaum über den typischen saisonalen Anstieg der Volatilität hinausgehen dürfte und nicht vergleichbar wäre mit dem „Taper Tantrum“, also der heftigen Marktreaktion von 2013, als eine entsprechende Ankündigung der Fed zu Schockwellen an den Finanzmärkten führte.

Die schlimmste Phase liegt hinter uns

Die Invesco-Analysen signalisieren, dass die Volatilität in Phasen einer Straffung der US-Geldpolitik zumeist niedrig ist, weil das gewöhnlich Phasen einer starken wirtschaftlichen Entwicklung sind. „Damit uns diese Episode gemäß der Peak-End-Rule doch noch in schlechter Erinnerung bleibt, müsste sich die Corona-Krise noch einmal dramatisch zuspitzen oder es müsste sich herausstellen, dass die großen Zentralbanken bereits einen gravierenden Fehler begangen haben“, meint Jackson.

Die Invesco-Experten sind jedoch zuversichtlich, dass dieses Jahr ohne großes Drama enden wird, und halten daher auch an ihrer Präferenz für zyklische Anlagen fest. „Wenn wir davon ausgehen, dass die schlimmste Phase der Pandemie – zumindest in den Industrieländern – hinter uns liegt und wir den VIX-Index als Maß des Angst- und Stressgrads der Finanzmärkte heranziehen, könnte sich das Ende der Pandemie aus Finanzmarktsicht schmerzfrei anfühlen“, so Jackson abschließend.

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