Eric Wiese im Interview „Bei 30 Prozent Verlust fällt die Klappe bei Privatanlegern“

Eric Wiese arbeitet seit Jahrzehnten in der Finanzbranche. Er kennt die Depots der Profis – und die Schwächen der Privatanleger:innen. Im Interview erklärt er, worauf es beim erfolgreichen Investieren ankommt.

20.01.2022, aktualisiert 01.04.2022 - 10:1801.04.22 - 10:18
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Eric Wiese weiß, was gute von schlechten Investor
Eric Wiese weiß, was gute von schlechten Investor:innen unterscheidet

„Think. Or Sink.“ ist DER Investment-Talk mit Peter Ehlers, dem Gründer und Herausgeber von derfonds.com. Im Gespräch mit Peter erzählt Eric Wiese, Geschäftsführer der Hamburger Vermögen, was die erfolgreichen Profis besser machen als Laien, welche Faktoren für ihren Erfolg verantwortlich sind, zu welchem Zeitpunkt man am besten Aktien kauft und ob man Kryptos im Depot haben sollte oder lieber nicht.

Das ganze Gespräch könnt ihr euch im Podcast „Think. Or Sink“ Episode 1 - „Die Fonds-Depots der Profis“ anhören.

Eric, zum Einstieg ein paar Worte zu dir. Wie lange bist du schon im Geschäft?

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Eric Wiese: Seit 1995, also tatsächlich schon ein paar Jahre. Damals habe ich meinen ersten Fonds-Shop in Hamburg gegründet, dann haben wir uns als Vermögensverwalter der Hamburger Vermögen seit 2004 immer weiter professionalisiert. 

Heute managst du 2 Milliarden Euro für Finanzberater, die die Depots ihrer Kunden über dich laufen lassen. Das heißt: Über dich wird alles abgewickelt, du musst alles auf Plausibilität prüfen und freigeben. Die Depots werden sozusagen von dir und den Profis zusammen erstellt?

Wiese: Genau. Wir haben seit 2010 ein B2B-Modell entwickelt, in dessen Rahmen wir unsere Vermögensverwalterlizenz an Dritte verleihen. Berater können mit mir zusammenarbeiten, um ihre  Strategien in den Depots ihrer Kunden umzusetzen. 

Für wie viele Finanzberater machst du das? Und wie viele Privatanleger-Accounts stehen dahinter? 

Wiese: Wir haben ungefähr 700 Partner quer durch Deutschland. Davon sind ungefähr 130 momentan Strategie-Kapitäne, wie ich sie nenne.

Das sind die freien Finanzberater, die ihre Kundendepots bei dir lagern und über dich abwickeln?

Wiese: Ganz genau. Und gleichzeitig natürlich auch ihre Strategien mit uns bauen. Das heißt, sie managen eine standardisierte Vermögensverwaltungs-Strategie über uns für ihre Kunden. 

Und du selbst bist auch investiert in diesen Strategien? 

Wiese: In unsere eigenen Strategien, die ich selber manage, klar. 

Wie ist das Verhältnis ETF zu aktiv gemanagten Fonds in diesen Depots, finden sich dort mehr aktive Fonds oder mehr ETFs? 

Wiese: ETFs haben sich in den Strategiedepots der externen Berater noch nicht so richtig durchgesetzt, sind aber immer mehr im Kommen. Wir selber haben einige ETF-Strategien, mischen aber auf keinen Fall. Sprich: Es gibt entweder ETF- oder gemanagte Strategien.

Aber die erfolgreichsten Strategien, die ihr verwaltet – egal jetzt ob eigene oder fremde – haben anteilig mehr aktiv gemanagte Fonds drin?  

Wiese: Nach wie vor, ja. 

Das gilt also auch für die zehn erfolgreichsten Depots?  

Wiese: Das kann man so sagen, ja.  

Wenn wir uns mal die Entwicklung nach der Finanzkrise genauer ansehen: Was haben die erfolgreichen Depots im Schnitt an Rendite gebracht?  

Wiese: Das war natürlich eine super entspannte Zeit. Seit der Finanzkrise 2009 haben wir praktisch durchgängig steigende Märkte. Da konnte man nicht so richtig etwas verkehrt machen, wenn man im Profi-Bereich unterwegs ist. Dementsprechend sind die Renditen von den wachstumsorientierten Strategien ein bisschen überdurchschnittlich: Hat man langfristig durchschnittlich etwa 6 bis 8 Prozent im Aktienbereich, konnte man in den vergangenen Jahren eher mal bei 10 bis 12 Prozent im Durchschnitt landen.  

Das ist über acht Jahre eine ordentliche Rendite. Was machen die erfolgreichen Finanzberater – also diejenigen, die die erfolgreichen Depots managen – anders als die weniger erfolgreichen? Gibt es signifikante Unterschiede oder gar Kriterien für Erfolg? 

Wiese: Am Kapitalmarkt kommt es stark auf Disziplin an. Man muss eine Strategie fahren und die muss man sich selber empirisch zurechtlegen, über Jahre entwickeln und dann auch dabeibleiben. Disziplin ist ebenso wichtig wie eine ruhige Hand. Kein hektisches Hin- und Herhandeln, nur weil irgendwelche Marktsituationen eintreten. Das zeichnet die guten Berater aus. 

Das heißt, es werden nur selten Fonds ausgetauscht, das Depot läuft gewissermaßen durch Krisen?

Wiese: Ja, es ist einfach so, dass man eine ruhige Hand fahren und langfristig ausgelegt sein muss mit seinen Strategien. Kurzfristige Schwankungen sind immer dabei, aber da darf man nicht hektisch werden – nicht auf der Kundenseite und natürlich noch viel weniger auf der Beraterseite. 

Du hast Einblicke in alle Depots und siehst genau, wer was macht. Wie oft werden Fonds pro Jahr ausgetauscht bei den erfolgreichen Depots? 

Wiese: Es wird extrem wenig getauscht. Ein Standard-Depot besteht aus zehn bis 15 Positionen, also Fonds. Und drei bis vier Positionen werden pro Jahr maximal ausgetauscht, eher weniger. 

Da gilt der alte Spruch: Hin und her macht Taschen leer. 

Wiese: Der gilt in dem Fall eher nicht, weil meistens Flat-Fees vereinbart sind mit den Banken, da kostet das Tauschen noch nicht einmal was. Aber trotzdem wird es wenig gemacht. 

Fonds haben – wie auch Aktien, Krypto und alle anderen Anlageklassen – ein Schwankungsrisiko. Volatilität ist die gängige Risikokennzahl. Sie definiert, wie stark ein Fonds pro Jahr schwankt. Du hältst wenig von dieser Kennzahl, sondern achtest auf den maximalen Drawdown – kannst du das erläutern? 

Wiese: Der Privatkunde will möglichst viel Rendite nach oben haben. Positive Volatilität wird immer gerne genommen, aber niemand will nach unten Verluste haben – und das zeichnet einen guten Manager aus. Er federt möglichst die Verluste ab. Da ist so eine Risiko-Kennzahl wie Maximum Drawdown, also der maximale Verlust in einem bestimmten Zeitraum, viel aussagekräftiger für den Endkunden. 

Du hast über Jahrzehnte viele Erfahrungen mit Privatanlegern gesammelt. Wenn sie Verluste machen, wie gehen sie damit um? Verkaufen sie schnell, werden sie hektisch und halten ihr Risikoprofil nicht ein oder beißen sie die Zähne zusammen und halten eisern durch?  

Wiese: Die meisten Anleger sind genauso emotional wie jeder andere. Deshalb benötigt man einen guten Berater, um sie auch vorher gut zu informieren, auf was sie sich einlassen am Kapitalmarkt. Da gibt es schließlich immer Schwankungen. Aber es hat sich gezeigt, dass es Schwellenwerte gibt, wo bei den meisten Kunden die Klappe fällt.

Wo liegen die? 

Wiese: Die liegen bei -30 Prozent. Da werden die Kunden richtig nervös und überlegen, ob sie rausgehen. Das geht meistens auch einher mit schlimmen Marktumfeldern. Man denkt dann immer, die Welt geht unter. Da geht es beim Berater darum, diese 30-Prozent-Schwelle niemals zu erreichen.  

Aber wie verhindere ich diese 30 Prozent Verlust? Als Vermögensverwalter kann man den Markt ja nicht vorhersehen. Womöglich gibt es Indizien, aber wann fängt man an, schon mal ein bisschen abzufedern? Zudem konnte man früher mehr in Rentenpapiere gehen, also festverzinsliche Wertpapiere kaufen – aber da gibt es außer vielleicht bei Unternehmensanleihen eigentlich keine Rendite mehr. Das heißt, ich gehe in Cash? Oder was mache ich, wenn ich das als Finanzberater erahne? 

Wiese: Das Instrument der Wahl zur Absicherung ist tatsächlich Cash. Wir haben in den jüngsten Krisen eindeutig gesehen, dass die Korrelation zwischen Aktien und Anleihen einfach groß ist. Corporate Bonds, also Unternehmensanleihen, hängen genauso am Schicksal eines Unternehmens wie die Aktie an sich, sie gehen parallel runter. Wenn man wirklich parken will, also raus aus dem Markt, dann ist Cash angesagt. Generell ist es eher so, dass die Berater auf Sicht fahren. Die sagen nicht, ich prognostiziere fürs nächste Jahr den großen Crash und deswegen geh ich jetzt schon mal raus. Wenn die Krise kommt, weiß man nicht, wie lange sie dauert, dann wird sukzessive die Aktienquote heruntergefahren.

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