Klimasünder im Depot Beim Wandel unterstützen statt verbannen

Viele Anleger schließen CO2-intensive Unternehmen aus und ersetzen diese durch nachhaltigere Alternativen. Das könnte ein falscher Ansatz sein, so Thomas Leys, Portfoliomanager bei Aberdeen Standard Investments.

30.07.2021 - 11:2530.07.21 - 16:05
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Tunnelbaustelle in Karlsruhe
Tunnelbaustelle in Karlsruhe: Die Baubranche gehört zu den CO2-intensivsten Industrien der Welt. Doch es gibt Fortschritte© IMAGO / Carmele/tmc-fotografie.de

In den vergangenen Monaten haben sich immer mehr Regierungen, Unternehmen und Investoren zu Netto-Null-Emissionen bekannt. Wer in seinem Portfolio dieses Ziel verfolgt, mag geneigt sein, sich aus emissionsintensiven Sektoren und Unternehmen zurückzuziehen und klimafreundlichere Alternativen zu suchen.

Auf den ersten Blick scheint es eine gute Lösung, die „Portfolioemissionen“ zu verringern. „Das eigentliche Ziel in der realen Welt wird damit aber häufig verfehlt“, sagt Thomas Leys, Investment Manager bei Aberdeen Standard Investments. Zudem werden Bereiche mit hohem Investitionsbedarf so vom Kapital abgeschnitten. „Stattdessen sollten sich zukunftsorientierte Anleger auf diejenigen Unternehmen konzentrieren, die ehrgeizige Dekarbonierungsziele verfolgen.“

Die folgenden fünf Sektoren belegen in den Emissions-Rankings der breiteren Indizes für Aktien und Unternehmensanleihen regelmäßig die oberen Plätze: Energie, Grundstoffe, Automobile, Versorger und Investitionsgüter (Abbildung 1).

Abbildung 1: Emissions-Ranking im MSCI All Country World

Im Falle des MSCI All Country World Index entfallen auf diese mehr als drei Viertel der Emissionen, aber nur ein Fünftel der Marktkapitalisierung. Anleger können also ihre Portfolioemissionen deutlich senken, indem sie lediglich einige wenige Unternehmen meiden.

„Aber wie sollen Versorger die Umstellung von fossilen auf erneuerbare Energien ohne Kapital bewältigen? Wie sollen Automobilhersteller die Produktion von Verbrennern auf Elektroautos umstellen? Und wie soll die Industrie in die Elektrifizierung vormals fossil befeuerter Prozesse investieren?“ – gibt Leys zu bedenken.

Mit dem vollständigen Ausschluss emissionsintensiver Sektoren lassen sich zwar die Portfolioemissionen senken – diese Fragen beantworten sich damit aber nicht. „Wer in der echten Welt einen Beitrag zur Dekarbonisierung leisten will, sollte also in Unternehmen investieren, die ehrgeizige und glaubwürdige Emissionsziele verfolgen“, sagt Leys. Dazu gehöre die Bereitschaft, selektiv zunächst einmal hohe Emissionswerte zu akzeptieren, solange der Trend in die richtige Richtung zeigt.

Viele Unternehmen haben einen Plan

„Es gibt viele Beispiele für Unternehmen mit hohem Emissionsausstoß, die solide Verbesserungspläne verfolgen“, betont Leys und nennt den globalen Baustoffriesen LaFarge Holcim. Bei der Herstellung von Zement kommen üblicherweise fossile Brennstoffe zum Einsatz. Der chemische Prozess selbst, die Kalzinierung, setzt zusätzliches CO2 frei. Der Konzern verzeichnete 2019 einen CO2-Ausstoß von mehr als 148 Millionen Tonnen (Scope 1, 2 und 3). Zum Vergleich: Der Median im MSCI All Country World liegt bei 0,24 Millionen Tonnen.

„Eine einfache Strategie mit Fokus auf einen geringen CO2-Ausstoß würde dieses Unternehmen meiden. Jedoch zeichnet sich LaFarge Holcim durch einen der aggressivsten Dekarbonisierungspläne innerhalb des Sektors aus“, erläutert der Experte. Der Konzern hat bereits heute die niedrigsten Kohlenstoffemissionen in der Zementbranche und will die Scope-1-Emissionen je Tonne Zement bis 2030 um 17,5 Prozent und die Scope-2-Emissionen um 65 Prozent gegenüber 2018 senken. Und es handelt auch entsprechend: Die erste Netto-Null-Produktionsanlage des Unternehmens steht kurz vor der Eröffnung und mehr als die Hälfte seiner Forschungs- und Entwicklungsausgaben entfällt auf grünere Alternativen. „CO2-bewusste Anleger sollten diese Pläne unterstützen, ungeachtet der derzeit hohen Emissionen.“

Auf die Glaubwürdigkeit kommt es an

„Die simple Selektion von Unternehmen nach den ehrgeizigsten Zielen reicht jedoch leider ebenfalls nicht aus“, sagt Leys. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) haben rund 40 Prozent der Unternehmen, die sich zum Netto-Null-Ziel bekannt haben, noch keinerlei Einzelheiten zu den Maßnahmen preisgegeben. Das Bekenntnis zu „Netto-Null bis 2050“ fällt vielen Unternehmen leicht, aber ein tiefgreifender Wandel könnte Jahre auf sich warten lassen. „Wie üblich steckt der Teufel im Detail.“ Allein die Glaubwürdigkeit der Ziele entscheide über die Attraktivität dieser Unternehmen für klimafreundliche Anleger. „Wenn Kapital in die richtige Richtung fließen soll, müssen Dekarbonisierungspläne analysiert und Glaubwürdigkeit geprüft werden“, so Leys Fazit.