ESG-Aspekte Braune Flecken auf der grünen Tech-Weste

Technologie-Unternehmen spielen in vielen ESG-Fonds eine wichtige Rolle. Allerdings gibt es auch in dieser Branche noch Verbesserungspotenzial. Wo Anleger genauer hinschauen sollten, erläutern Louise Piffaut und Charles Devereux, ESG-Analysten bei Aviva Investors.

Video-Call
Video-Call: In vielen ESG-Fonds sind Technologie-Aktien hoch gewichtet. Aber sind sie wirklich so nachhaltig?© IMAGO / Science Photo Library

Während der Pandemie waren Kommunikationstechnologien für viele Menschen nicht mehr wegzudenken. Videoanrufe und Messaging-Plattformen hielten Familien in Verbindung und Unternehmen am Laufen.

Aufgrund der steigenden Nachfrage nach entsprechenden Produkten sind die Börsenwerte von Tech-Riesen wie Alphabet, Facebook und Microsoft in den vergangenen zwölf Monaten in die Höhe geschnellt. Das hat auch vielen ESG-Fonds Auftrieb gegeben. Eine aktuelle MSCI-Studie belegt, dass die Tech-Branche unter den 20 größten von MSCI erfassten ESG-Fonds stark vertreten ist.

Auf der einen Seite ist die Vorliebe für die Tech-Branche verständlich – nicht nur, weil die Angebote während der Krise einen gesellschaftlichen Nutzen hatten. „Technologie bietet vielen Gemeinschaften, vor allem in ärmeren Ländern, einen Zugang zu Bildung und Informationen“, so die Aviva-Experten. „Auf der anderen Seite sollten sich Fondsmanager allerdings davor hüten, sich nur auf Geschäftsmodelle zu konzentrieren und dabei die Auswirkungen außer Acht zu lassen.“

Im Gegensatz zu Produktions- oder Energieunternehmen haben die meisten Tech-Konzerne keinen offensichtlichen ökologischen Fußabdruck und umgehen somit Ausschlusskriterien, die bei vielen ESG-Fonds zum Einsatz kommen.

Auch Datenverarbeitung hat einen CO2-Fußabdruck

Es stimmt zwar, dass digitale Lösungen oft sauberer sind als ihre Alternativen: „Wenn wir zum Beispiel über einen Videoanruf sprechen, anstatt uns physisch zu treffen, vermeiden wir transportbedingte Emissionen.“ Dennoch verbraucht jede Online-Aktivität – vom Senden einer E-Mail bis zum Streaming einer Netflix-Serie – Energie.

Eine 2018 veröffentlichte Studie ergab, dass der relative Anteil der Branche Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) an den weltweiten Treibhausgasemissionen bis 2040 etwa 14 Prozent erreichen könnte, was etwa der Hälfte der relativen Emissionen des Verkehrssektors entspricht. Dieses Ergebnis verdeutlicht einen wichtigen Aspekt: „Datennutzung ist nicht klimaneutral“, warnen die Analysten. Nicht zuletzt, da große, temperaturgeregelte Rechenzentren erforderlich sind, um die riesigen Informationsmengen zu verarbeiten und zu verwalten.

Momentan ist es schwierig, genaue Zahlen über den Energieverbrauch von Rechenzentren zu erhalten. Aber: Einigen Schätzungen zufolge entfiel 2019 knapp ein Prozent des weltweiten Stromverbrauchs auf sie – was dem von 18 Millionen US-Haushalten entspricht. Allerdings dürfte die Nachfrage nach Datenverarbeitung in der Ära des Cloud-Computings und des Internets der Dinge weiter steigen.

Kleine Fortschritte

Tech-Unternehmen wie Alphabet und Microsoft haben sich in den vergangenen Jahren bemüht, ihre Rechenzentren mit erneuerbarer Energie zu versorgen. Beide Konzerne haben außerdem Innovationen angekündigt, darunter die Unterwasserlagerung dieser Einrichtungen, um sie kühl zu halten und so Strom zu sparen. Obwohl das gutzuheißende Initiativen sind, werden viele Rechenzentren immer noch mit Strom aus nicht erneuerbaren Quellen betrieben.

Im Jahr 2019 machten erneuerbare Energien lediglich 12 Prozent des Stroms aus, den einige der größten Rechenzentren von Amazon in den USA verbrauchten – und das Cloud-basierte Geschäft expandierte seitdem, ohne dass die Nutzung erneuerbarer Energien entsprechend zunahm. „Letztendlich stehen auch Technologiefirmen in der Verantwortung, sauberere und effizientere Wege für ihre Geschäftstätigkeiten zu finden.“

Die Steuerfrage wird zum S-Faktor

Steuern sind ein weiteres wichtiges Thema, das Tech-Investoren im Blick haben sollten. Viele multinationale Unternehmen setzen sehr geschickt steuermindernde Maßnahmen ein, auch „Base Erosion and Profit Shifting“ (BEPS) genannt. In anderen Worten: Sie nutzen Unstimmigkeiten im internationalen Recht aus, um ihre Steuerschuld in Ländern mit niedrigeren Steuersätzen abzugelten. „Hier gehören Tech-Unternehmen zu den schlimmsten Übeltätern.“

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) schätzt, dass den Regierungen aufgrund von BEPS jedes Jahr 100 bis 240 Milliarden US-Dollar entgehen – Geld, das für Bildung, Gesundheitswesen, Infrastruktur oder Lösungen für die Klimakrise ausgegeben werden könnte.

Ziel einer ESG-Investition sollte es sein, Unternehmen zu belohnen, die zum Gemeinwohl beitragen. Indem sie den Staaten Steuereinnahmen vorenthalten, die für die Finanzierung lebenswichtiger Leistungen zur Verfügung stehen sollten, verletzen sie diesen Grundsatz. In diesem Sinne wird die Steuer zur sozialen Frage.

Die politischen Entscheidungsträger der G7-Staaten feilen derzeit an den Details eines koordinierten Plans, der darauf abzielt, die entsprechenden Schlupflöcher zu schließen und große Unternehmen zu zwingen, in den Ländern Steuern zu zahlen, in denen sie hohe Gewinne erzielen – unabhängig davon, ob sie dort eine physische Präsenz haben oder nicht.

Die Regierung Biden drängt beispielsweise auf einen globalen Mindeststeuersatz für Unternehmen von 15 Prozent. „Solche Schritte sind zu begrüßen, sofern die daraus resultierenden Einnahmen gerecht zwischen Ländern mit hohem und niedrigem Einkommen verteilt werden“, betonen die Aviva-Experten. Zusätzliche Steuereinnahmen könnten in Programme investiert werden, die das soziale und wirtschaftliche Gefüge stärken und unsere kollektive Widerstandsfähigkeit für die nächste globale Krise verbessern.

Bei der Unternehmensführung besteht Nachholbedarf

Ein drittes zentrales Thema betrifft das „G“ in ESG. Viele Unternehmen verfügen über sogenannte Zwei-Klassen-Aktienstrukturen, die es den Gründern ermöglichen, ein erhebliches Maß an Kontrolle zu behalten. So halten beispielsweise Mark Zuckerberg von Facebook und die Alphabet-Gründer Larry Page und Sergey Brin die Mehrheit der Stimmrechte.

Die starke Marktperformance von Big Tech in den vergangenen zehn Jahren hat diesbezüglichen Anlegerunmut etwas gelindert. Es wächst aber der Druck, die Governance-Strukturen zu reformieren. Im Jahr 2020 stimmten mehr als 30 Prozent der Alphabet-Aktionäre für einen Beschluss zur Abschaffung der unterschiedlichen Aktiengattungen. Die Begründung: Solche Strukturen festigen die Positionen von Führungskräften noch weiter und schützen sie vor Druck und Kontrolle von außen.

Technologieunternehmen gewinnen in der Gesellschaft immer mehr an Macht und führen rasch Innovationen ein, die heikle ethische Fragen aufwerfen. Als Beispiele nennen Piffaud und Devereux die Datenschutz-Fragen, die durch künstliche Intelligenz und Gesichtserkennungsalgorithmen aufgeworfen werden, die Debatte über die Verantwortung für die Moderation von Hassinhalten in sozialen Medien sowie die Rolle von Fake News bei der Beeinflussung politischer Meinungsbildung und den besorgniserregenden Mangel an Sicherheitsvorkehrungen, um Kinder im Internet zu schützen. „In diesem Zusammenhang wird eine gute Unternehmensführung mit unabhängigen Gremien, die Führungskräfte angemessen zur Verantwortung ziehen können, unerlässlich“, sagen die Experten.

Die Frage der Governance hängt mit einem weiteren zentralen Problem zusammen: Vielfalt und Integration. Die Führungskräfte, die in diesen Organisationen die Macht ausüben, sind in der Regel überwiegend weiß und männlich. Fortschritte in dieser Hinsicht sind nach wie vor gering – trotz der in den letzten Jahren verbesserten Transparenz bei der Berichterstattung. Der jüngste Diversity-Bericht von Google zeigt, dass im Jahr 2020 nur 3,7 Prozent der US-Mitarbeiter und 2,6 Prozent der Führungskräfte Farbige waren. Von den Führungskräften weltweit waren nur 26,7 Prozent Frauen.

„Jeder dieser Punkte sollte von den Anlegern näher untersucht werden“, betonen die Analysten. Es geht darum, dass Investoren die ESG-Implikationen von Big Tech klar erkennen und wo möglich mit diesen Firmen zusammenarbeiten, um die Praktiken zu verbessern. „Schließlich wurden Fortschritte noch nie dadurch erzielt, dass man vor schwierigen Problemen die Augen verschlossen hat.“