Anlagechancen in Fernost Chinas Position als Wirtschaftsmacht stark wie nie

In China ergeben sich derzeit Chancen, die Anleger nicht ignorieren sollten. Denn Desinteresse an diesem Markt könnte langfristig teuer werden, erklärt Tilmann Galler, Kapitalmarktstratege bei J.P. Morgan AM. Doch es gilt auch, einige Risiken im Blick zu behalten.

09.03.2021, aktualisiert 11.03.2021 - 09:1911.03.21 - 09:19
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Chinesisches Laternenfest
Chinesisches Laternenfest: Die gute Entwicklung der chinesischen Wirtschaft und der Kapitalmärkte im Land könnte sich fortsetzen. Es bleiben aber Risiken© IMAGO / VCG

Im März 2021 soll in China der neue Fünfjahresplan vom Nationalen Volkskongress verabschiedet werden. Mit Blick auf Wirtschaft und Kapitalmarkt kann die Regierung in Peking zufrieden sein. China ist das einzige G20-Land mit positivem Wirtschaftswachstum 2020. Auch der heimische Aktienmarkt legte im vergangenen Jahr kräftig zu.

„Es ist nicht vermessen, zu konstatieren, dass Chinas Position im Vergleich zu den anderen großen Wirtschaftsmächten noch nie so stark war wie heute“, so Tilmann Galler, Kapitalmarktstratege bei J.P. Morgan Asset Management. Möglich machten das die erfolgreichen Maßnahmen im Kampf gegen die Pandemie, dank der ab dem 2. Quartal 2020 die Wirtschaft stufenweise geöffnet werden konnte.

Für Investoren stellt sich die Frage, wie lange diese Entwicklung weitergeht. Nach Ansicht von Galler stehen die Chancen für eine Fortsetzung gut, doch Anleger sollten gleichzeitig einige mögliche Risiken im Auge behalten.

Offene „Baustellen“

Um die Wirtschaft im Krisenmodus zu stützen, setzte die chinesische Regierung auf Steuersenkungen für Unternehmen sowie Ausgaben für Infrastruktur. Das hat jedoch das Fiskaldefizit nach Schätzungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) von 6,3 Prozent im Jahr 2019 auf 11,8 Prozent im Jahr 2020 ansteigen lassen. Dadurch ist die Staatsverschuldung Chinas auf 62 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) gestiegen. Zwar ist das niedriger als die 98 Prozent in der Eurozone oder die 131 Prozent in den USA. Berücksichtigt man aber den hochverschuldeten Unternehmenssektor und die Privathaushalten, steigt die Gesamtverschuldung der chinesischen Wirtschaft auf 278 Prozent.

Mit aktuell 3 Prozent Zinsen ist der Schuldendienst nach Einschätzung von Tilmann Galler in China ein größeres Problem als in den USA mit 0,7 und der EU mit 0 Prozent. „Die Fiskalpolitik dürfte in den kommenden Jahren eher konsolidierend als expansiv sein. Damit könnte sich der chinesische Wachstumsvorsprung gegenüber den anderen großen Volkswirtschaften verringern – vorausgesetzt, die globalen Impfkampagnen sind erfolgreich.“

Daneben könnte sich die Beziehung zu den USA weiter verschlechtern. Die wiedererstarkte chinesische Wirtschaft vermeldete in der zweiten Jahreshälfte 2020 einen wahren Exportboom, wodurch der Handelsbilanzüberschuss 2020 in die Nähe alter Höchststände kletterte. In der Folge konnte China die Vereinbarung mit den USA über die Ausweitung der US-Importe nicht erfüllen. „Dieser Umstand und der stärkere Fokus der Biden-Administration auf Nachhaltigkeit und Menschenrechte dürfte auch weiterhin einiges an Konfliktpotenzial zwischen den beiden Nationen bereithalten“, erklärt Galler.

Grafik: Aktienmarktbewertungen im Vergleich

                                   Quellen: Bloomberg, MSCI, J.P. Morgan Asset Management, Stand: 16. Februar 2021

Chancen auf den chinesischen Festland

Der chinesische Kapitalmarkt bietet weiterhin gute Investmentchancen. Zwar ist das KGV des CSI 300 Index, der die beiden Börsen Shanghai und Shenzhen abbildet, im vergangenen Jahr von 11,5x auf 16x gestiegen – und damit auf ein ähnlich hohes Bewertungsniveau wie 2015. Doch im Vergleich zu den Aktien aus den Industrieländern ist das immer noch ein Bewertungsabschlag von knapp 25 Prozent.

„Das kann durchaus gerechtfertigt sein, da die Gewinnerwartungen für chinesische Aktien für die kommenden zwei Jahre niedriger sind. Aber man darf nicht vergessen, dass der Ausblick in China aufgrund der besseren Covid-Situation stabiler ist als in den Industrieländern“, erläutert der Experte. Gleichwohl sollten sich Anleger bewusst machen, dass nach dem kräftigen Anstieg der Kurse und der Bewertungen die zukünftigen Ertragserwartungen deutlich niedriger seien als noch vor einem Jahr.

Neben Aktien aus dem Reich der Mitte finden sich immer mehr chinesische Anleihen in den Portfolios internationaler Investoren. Im Vergleich zum Nullzins in Europa bieten Renminbi-Investment-Grade-Anleihen eine Rendite von mehr als 3 Prozent bei relativ soliden Fundamentaldaten.

Insgesamt gilt für Investoren, die Störfaktoren Verschuldung, Notwendigkeit zur Haushaltskonsolidierung sowie politische Risiken im Blick zu halten. Das weiterhin kräftige Wachstum könnte sich daher in eher moderaten Kursentwicklungen niederschlagen.