Santander AM zur Marktlage „Das größte Potenzial erkennen wir in Lateinamerika“

Stefan Jochum, CEO bei Santander Asset Management Germany, erläutert, warum im kommenden Jahr die vermeintlichen Verlierer der Corona-Krise zu den Gewinnern zählen könnten und warum er Titel aus Lateinamerika als chancenreich sieht.

15.12.2020, aktualisiert 16.12.2020 - 17:4116.12.20 - 17:41
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Audi-Werk in Mexiko
Audi-Werk in Mexiko: Schwellenländer-Aktien und -Anleihen werden immer beliebter, vor allem aufgrund des derzeit schwächelnden US-Dollar © imago images / Cathrin Bach

der fonds: Herr Jochum, Technologie, Gesundheitswesen und Nachhaltigkeit sind die Trendthemen des aktuellen Börsenjahres. Werden sich diese Trends 2021 fortsetzen?

Stefan Jochum: Von diesen drei Themen, die dieses Jahr in der Gesellschaft sowie an den Finanzmärkten von großer Bedeutung waren, werden vor allem die digitale Transformation und das Thema Nachhaltigkeit im kommenden Jahr ganz oben stehen. Durch den sich beschleunigenden Klimawandel wächst der Druck auf Regierungen und Unternehmen, um den CO2-Ausstoß und andere Schadstoffe rasch zu verringern.

Welche anderen Bereiche könnten zu den Gewinnern gehören?

Jochum: Im kommenden Jahr gehören Branchen, die durch die Corona-Krise massiv gelitten haben, zu den Gewinnern. Die Sektorrotation können wir bereits an den Finanzmärkten beobachten. Vor allem die Tourismusbranche dürfte von dem aufgestauten Wunsch der Menschen zu reisen profitieren. Ebenfalls für Anleger interessant: Gelingt es der Automobilindustrie, die CO2-Emissionen entsprechend den Vorgaben spürbar zu verringern, könnte sich auch hier ein Einstieg lohnen.

Jüngst kündigte die Deutsche Börse die Aufstockung des Dax von 30 auf 40 Mitglieder an. Was bedeutet das für Anleger?

Jochum: Für Anleger ändert sich durch die geplante Dax-Erweiterung zunächst relativ wenig. Viele der Unternehmen, die dann im Dax vertreten sein werden, können robuste Geschäftsmodelle nachweisen. Untersuchungen ergeben, dass sie nicht stärker schwanken als die Unternehmen, die sich derzeit im Dax 30 befinden.

Notenbanken haben eine nochmalige Ausweitung ihrer expansiven Politik in Aussicht gestellt, was bei Marktteilnehmern Inflationssorgen schürt. Wie positionieren Sie sich?

Jochum: Auch wenn die Inflationsraten im Jahr 2021 aufgrund einiger Faktoren – ausgeprägter Basiseffekt bei den Energiepreisen im Frühjahr und die Rückkehr zu den bis Mitte 2020 geltenden Mehrwertsteuersätzen in Deutschland – wieder zunehmen werden, halten wir die Inflationsrisiken für 2021 für begrenzt. Insbesondere wegen des niedrigen bis negativen Zinsumfelds gewichten wir Staatsanleihen unter. Unternehmensanleihen hingegen halten wir wegen der Wertpapierankäufe der Notenbanken für aussichtsreich.

Der Glanz des Goldes verblasst derzeit; Industriemetalle entwickeln sich besser. Wie sieht Ihre Gold-Allokation aus?

Jochum: Gold besitzt nach der jüngsten Korrektur wieder Aufwärtspotenzial. Dafür spricht, dass die Realzinsen in den USA im negativen Bereich verharren dürften.

Schwellenländer-Aktien und -anleihen profitieren derzeit von der gesunkenen Risikoaversion. Was spricht für diese Werte?

Jochum: Schwellenländer-Aktien und -anleihen werden unter Anlegern immer beliebter, vor allem vor dem Hintergrund, dass der US-Dollar derzeit schwächelt. Das größte Potenzial erkennen wir in Lateinamerika: Zukunftsrelevante Bodenschätze wie Eisenerz, Kupfer und Lithium, niedrige Inflation und eine junge Bevölkerung – Lateinamerika bietet zahlreiche Argumente für Investoren.

Doch Anleger sollten genau hinschauen, wo die besten Chancen liegen: Sie finden sich unter anderem im Bereich der Unternehmensanleihen, denn lateinamerikanische Firmen sind langfristig finanziert. Selbst die Corona-Krise, die Lateinamerika schon in der ersten Welle hart getroffen hatte, scheint von den Rentenmärkten bereits verarbeitet zu sein – die Risikoaufschläge zum Referenzzinssatz (Spreads) sind wieder deutlich zurückgegangen.