Pilnys Asia Insights Die chinesische Börse ist auch politisch

Mittels Wachstum, Öffnung und Reformen ist China in den vergangenen Jahrzehnten zur wirtschaftlichen Supermacht aufgestiegen. Nun will die Regierung in Peking den Wohlstand sozial verträglicher verteilen – kein Unternehmen ist unantastbar. Anleger sollten bei ihren Investitionsentscheidungen deshalb stets die politischen Trends und Ziele im Blick behalten.

29.09.2021, aktualisiert 07.10.2021 - 09:5307.10.21 - 09:53
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Mechanischer Reha-Arm auf der World Robot Conference in Peking
Mechanischer Reha-Arm auf der World Robot Conference in Peking: Der Fokus auf medizintechnische Produkte ist Teil des angestrebten wirtschaftlichen Übergangs im Reich der Mitte © IMAGO / VCG

China ist in aller Munde – wie gewohnt jagt eine Schlagzeile die nächste: Evergrande-Kollaps als Lehmann-Moment, Zerschlagung der Tech-Konzerne, Ausrollen der Seidenstraßen, Sicherung der Rohstoffe in Afghanistan, Weltmacht in der Elektromobilität und die Ersten auf der dunklen Seite des Mondes und dem Mars?

Im Februar 2022 werden die Olympischen Winterspiele in Peking unter dem Motto „Zusammen für eine gemeinsame Zukunft“ nach den Sommerspielen 2008 erneut den Fokus auf China lenken. Der scheinbar unaufhaltsame Aufstieg des Landes lässt viele erschaudern und ein „chinesisches Jahrhundert“ befürchten. Die Ablösung der USA als globale Supermacht und die Frage, ob dies friedlich geschehen wird, ist von zentraler Bedeutung.

Wachstum durch Reformen und Öffnung

China wird bis spätestens zum Ende dieses Jahrzehnts zur weltweit größten Volkswirtschaft aufsteigen. Sein immer selbstbewussteres Auftreten führt zu Zerreißproben an vielen Fronten. Das Land hat in den vergangenen 30 Jahren ein erfolgreiches Entwicklungs- und Modernisierungsmodell geschaffen, das autoritäre politische Führung mit staatlich beaufsichtigtem Kapitalismus kombiniert – und sich in Konkurrenz zum Westen zu einem ordnungspolitischen Modell für andere Staaten entwickeln könnte.

Durch die kontinuierliche Einleitung von Reformen sowie die Öffnung seiner Binnenmärkte hat das Reich der Mitte eine rasche Transformation durchlaufen und enorme wirtschaftliche Erfolge erzielt. Die im 13. Fünfjahresplan für die Jahre 2016 bis 2020 wesentlichen Ziele wurden erreicht. Durch die Förderung der Fertigungsindustrie und die Entwicklung fortschrittlicher Technologien hat sich China zu einer „zunehmend wohlhabenden Gesellschaft“ entwickelt. Insgesamt wurden die Wachstumsziele für das Bruttoinlandsprodukt in Höhe von 6,5 Prozent jährlich erfüllt und das verfügbare Einkommen verdoppelt. China machte 2020 fast 30 Prozent des weltweiten Wirtschaftswachstums aus.

Globale Technologieführerschaft essenziell

Der neue 14. Fünfjahresplan (2021 bis 2025) zielt nun darauf ab, ein „modernes sozialistisches Land zu schaffen, das wohlhabend, kulturell fortschrittlich und harmonisch ist“. Obwohl der Fokus nun auf qualitativem Wachstum, einer ausgeglicheneren Gesellschaft und der Lebensqualität liegt, ist weiterhin das Erreichen globaler Technologieführerschaft wichtig, ja essenziell für diesen Fokus.

Schon die Strategie „Made in China 2025“ aus dem Jahr 2015 identifizierte zehn Sektoren, die im Mittelpunkt des ökonomischen Übergangs stehen, darunter moderne Informationstechnologie, künstliche Intelligenz (KI), Quantenwissenschaft und Robotik, biologische Medizin und medizintechnische Produkte. Darüber hinaus haben neun Aufgaben Priorität. Dazu zählen Innovationen in der Fertigungsindustrie, die Förderung chinesischer Marken und die Unterstützung dienstleistungsorientierter Fertigung.

Transformation und Aufstieg

Das Tempo, das die Volksrepublik bei ihrem Transformationsprozess vorlegt, ist beeindruckend. Der Wandel vom agrarisch geprägten Land zur Industrienation ist noch nicht ganz vollzogen, schon strebt China den nächsten Wandel an und will den Aufstieg zu einer führenden Wissensgesellschaft des 21. Jahrhunderts schaffen.

Wie beim Go-Spiel setzt China heute in verschiedenen Bereichen Standards. Dazu zählen Hard Power, also Außenpolitik, militärische und wirtschaftliche Macht, aber auch Soft Power wie Attraktivität, Normen und Werte. Nach Innen betreibt Staatspräsident Xi Jinping eine rigide Politik mit abnehmender Meinungsfreiheit, weniger Transparenz und mehr Personenkult, was an den großen Steuermann Mao erinnert. Nach Außen tritt China sowohl auf der geopolitischen als auch auf der ökonomischen Ebene immer aggressiver auf.

Globale Blockbildung?

Nach dem neuen Zweikreislauf-Paradigma (engl. dual circulation) will sich China von den USA entkoppeln. Der innere Kreislauf der Binnenwirtschaft soll durch mehr Konsum heimischer Produkte gestärkt werden und der äußere Kreislauf, also die Abhängigkeit von Warenexporten ins und Technologieimporten aus dem Ausland, reduziert werden. Dieser Entkopplungsprozess ist in vollem Gange und wirkt sich vor allem auf die technologischen und finanziellen Verflechtungen zwischen dem US-amerikanischen und chinesischen Einflussbereich aus. Dadurch wächst die Gefahr einer globalen Blockbildung, wie sich am Beispiel hastig geschmiedeter Allianzen wie dem Militärbündnis Aukus (Australien, Großbritannien, USA), dem Gegenmodell zur neuen Seidenstraße Quad (Australien, Japan, Indien, USA) oder der Indo-Pazifik-Strategie der EU zeigt.

Die China Inc. ist nicht länger nur Werkbank der Welt, sondern mittlerweile auch Labor, Innovator und Experimentierfeld. Doch diese Entwicklung ist noch am Anfang – bis jetzt haben es nur wenige chinesische Unternehmen zu internationaler Bekanntheit geschafft, darunter Haier, Huawei, Lenovo, Alibaba, Tencent, Baidu und Evergrande. Früh war man bereit zu lernen, was den Westen stark gemacht hat. „Geht in den Westen, holt ihr Wissen und schlagt sie mit ihren Waffen!“, riet die chinesische Staatsführung ihren Landsleuten schon in den 90er-Jahren. Und das taten sie dann in Scharen.

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