ESG-Investments „Die“ Nachhaltigkeit gibt es gar nicht

Extremwetterereignisse, Verschmutzung, Artensterben: Umweltfaktoren sind unter den Risiken für Kapitalanlagen ganz oben vertreten. Warum in Zukunft dennoch nicht alle Fonds grün sein werden und warum der Taxonomiefokus die Bildung von Blasen begünstigen könnte, erklärt Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance bei Deka Investment.

04.11.2021, aktualisiert 09.11.2021 - 09:5509.11.21 - 09:55
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Entwurf einer visionären nachhaltigen Gartenstadt im Südosten von Paris
Entwurf einer visionären nachhaltigen Gartenstadt im Südosten von Paris: Das Thema Nachhaltigkeit hat am Kapitalmarkt große Bedeutung, wird aber unterschiedlich definiert © Imago Images / Cover-Images

80 Prozent der Deutschen machen sich Sorgen wegen des Klimawandels. 47 Prozent der befragten Anleger ist Nachhaltigkeit bei der Geldanlage wichtig. Das geht aus einer repräsentativen YouGov-Umfrage im Auftrag der Deka-Bank hervor, die im September durchgeführt wurde.

Dass es angesichts der hohen Relevanz ökologischer Aspekte in naher Zukunft nur noch nachhaltige Produkte am Kapitalmarkt geben wird, denkt Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance bei Deka Investment, dennoch nicht. „Nicht alle Kunden wollen nachhaltige Produkte kaufen.“

ESG-Investments: Definition von Nachhaltigkeit entscheidend

Aus Sicht des Experten aus dem Wertpapierhaus der deutschen Sparkassen-Finanzgruppe hat das auch damit zu tun, dass es „die Nachhaltigkeit“ gar nicht gibt. „Das Problem ist, dass infolge der Kritik einiger ehemaliger Mitarbeiter von Vermögensverwaltern nun im Raum steht, dass alles schlecht ist bei Nachhaltigkeit. Aber so plakativ, wie grün ist gut und braun ist schlecht, ist es nun mal nicht. Man muss tiefer reingehen und seine jeweilige Definition von Nachhaltigkeit offenlegen.“

Denn: Zu den nachhaltigen Anlagemöglichkeiten gehören beispielsweise sowohl ESG-Investitionen, bei denen Unternehmen ausgeschlossen werden, die nicht nachhaltig wirtschaften, als auch Impact Investments, die in Unternehmen getätigt werden, um neben einer finanziellen Rendite eine messbare positive soziale oder ökologische Wirkung zu erzielen.

„Impact Investing ist auf der höchsten Nachhaltigkeitsstufe gar nicht möglich, da dort per se nur komplett grüne Unternehmen vertreten sind“, erläutert Speich. Desinvestition, also der strategische Rückzug aus einer Investition, die den eigenen Nachhaltigkeitsansprüchen noch nicht genügt, sei deshalb keine alleinige Lösung. Stattdessen sollten Vermögensverwalter die Transformation begleiten.

„Wenn wir uns in den Unternehmen engagieren, werden nicht nur ökologische, sondern auch Menschenrechtsthemen diskutiert. Einwirken und Druck ausüben wird weiter an Bedeutung gewinnen.“

Besonders Cyberrisiken und Nachhaltigkeit seien dabei in den Gesprächen mit fast jedem Aufsichtsrat Thema. „Wir merken deutlich, dass es hier noch an Kompetenz fehlt“, sagt Speich.

Nachhaltigkeitsziel: Langfristige Wertsteigerung

Auf der anderen Seite könne man Engagement aber nicht als Allheilmittel betrachten, um Unternehmen ewig im Portfolio zu halten. „Wenn sie sich nicht in die richtige Richtung bewegen, muss man da klare Grenzen setzen.“ Kohle-Förderer und Kohle-Verstromer, bei denen das Geschäft mit fossilen Brennstoffen einen gewissen Anteil an der Unternehmenstätigkeit überschreitet, werden bei der Deka aus diesem Grund ausgeschlossen, weil ihr Geschäftsmodell zu gefestigt ist.

Doch auch wenn Nachhaltigkeit bei Deka Investments bereits von großer Bedeutung ist, sieht Speich grundlegende Unterschiede zu NGOs wie Fridays for Future, die den ökologischen Aspekt optimieren wollen. „Im Unterschied zu vielen NGOs ist unsere Zielfunktion beim Thema Nachhaltigkeit immer die langfristige Wertsteigerung“, sagt Speich.

Mehr als Öko-Optimierung mit Taxonomiefokus

Denn auch diese profitiert von der Berücksichtigung von Nachhaltigkeitskriterien. Da Risiken durch ESG-Analysen vermehrt sichtbar werden, lassen sie sich langfristig vermeiden, was sich positiv auf die Performance auswirkt.

Begünstigen die steigenden Kapitalzuflüsse in nachhaltige Geldanlagen auf diese Weise die Bildung von Blasen? Aus Sicht von Speich besteht die Gefahr dann, wenn die EU-Taxonomie als das Mittel der Nachhaltigkeit gesehen wird und alle Investitionen in die taxonomiekonformen Unternehmen fließen. „Wenn sie in der Taxonomie sind, sind sie unter den grünsten aller Unternehmen. Auf diese Weise besteht die Gefahr, dass man den Wandel vermeidet. Deshalb machen wir nicht nur reine Öko-Optimierung mit Taxonomiefokus.“

Anleger:innen, die ihr Geld wirklich nachhaltig investieren möchten, müssen Speich zufolge nicht zwangsläufig auf aktiv gemanagte Produkte zurückgreifen. Diese haben den Vorteil, dass sie sehr anpassungsfähig sind, wenn das Marktumfeld oder die Nachhaltigkeitsanforderungen sich ändern. Bei passiven Produkten wie ETFs ist es aus Sicht des Experten hingegen wichtig, dass ihr Ansatz regelbasiert ist und möglichst genau mit den Anforderungen der Anleger:innen übereinstimmt.

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