Wie geht es 2021 weiter? Ein Blick über die weltweite Corona-Krise hinaus

Das von der globalen Pandemie geprägte Jahr 2020 ist vorbei. Nach dem turbulenten Start ins neue Jahrzehnt sieht Alexander Roose, CIO Fundamental Equity bei Degroof Petercam AM, einen Silberstreif am Horizont – und erklärt, worauf es für Anleger jetzt ankommt.

22.12.2020, aktualisiert 04.01.2021 - 16:5604.01.21 - 16:56
|
|
|
Skyline von San Francisco
Skyline von San Francisco: „Value-Investing bleibt so relevant wie je zuvor. Entscheidend ist jedoch, Value richtig zu definieren und sich die richtigen Kennzahlen anzusehen“, sagt Alexander Roose. © imago images / agefotostock

Wie schon im vergangenen Jahr beim Handelskrieg zwischen den USA und China wollen wir uns zunächst die Auswirkungen der weltweiten Corona-Krise auf die Welt des Anlegens anschauen. Die Pandemie hat uns vor enorme weltweite Herausforderungen gestellt und massiven Druck auf unsere globalisierte und vernetzte Art zu arbeiten ausgeübt. Dennoch lassen auch die dunkelsten Wolken einen Silberstreif am Horizont erkennen.

Ein Blick auf 2020 aus der Vogelperspektive kann uns wertvolle Hinweise für das Investieren liefern: Die erheblichen Ausweitungen der Bilanzen der Zentralbanken in diesem Jahr haben die Unterscheidung zwischen Geld- und Fiskalpolitik unscharf gemacht. Der Wettlauf um einen Impfstoff hat den Weg für eine neue Art von Medikamenten (mRNA) geebnet, die sehr vielversprechend ist, unter anderem für die Krebsbehandlung. Zudem hat die Pandemie gezeigt, dass China, Taiwan und Südkorea in der Lage sind, schnell mit Extremereignissen umzugehen und sich wieder von ihnen zu erholen. Vor allem aber konnten wir eine bemerkenswerte Beschleunigung zuvor bereits vorhandener Trends beobachten sowie die Entstehung neuer Trends wie etwa Tele-Medizin. Denn die Pandemie und die mit ihr verbundenen weltweiten Lockdowns hatten eine starke Katalysatorwirkung für bestimmte (Teil-)Sektoren. Sie führte beispielsweise zu einer weltweiten Überprüfung unserer Gesundheitssysteme, nachdem die Pandemie verschiedene Schwachpunkte ans Licht gebracht hatte, z. B. die knappen Kapazitäten an diagnostischen Tests und deren geringe Durchführungsgeschwindigkeit oder den Mangel an Intensivbetten. Unternehmen mit einer hohen Dichte an Arbeitsprozessen werden zunehmend auf Automatisierung setzen müssen, da ihre Betriebstätigkeit während der Pandemie massiv beeinträchtigt wurde. Zudem haben die zahlreichen Telekonferenzen dieses Jahres, die HomeOffice-Thematik und unsere beständig zunehmende Abhängigkeit von Cloud-Anwendungen eine wahre technologische Revolution angestoßen – in Privathaushalten, Regierungsbehörden und Unternehmen gleichermaßen.

Dies sind einige der bedeutendsten strukturellen Trends dieses Jahres, die ganz deutlich zeigen, warum (Large-Cap-) Technologieunternehmen eine drastische Outperformance gegenüber dem S&P500 verzeichneten. Die Beschleunigung dieser Trends hat eine klare Trennlinie zwischen disruptiven Unternehmen/Sektoren auf der einen Seite und stagnierenden, von Disruption betroffenen Unternehmen/Branchen auf der anderen gezogen. Die Pandemie war ein Segen für Technologieaktien. Als der NASDAQ nie dagewesene Höhen erklomm, wurden schnell Parallelen zur Dot-com-Blase gezogen. Doch sollte man nicht vergessen, dass dem derzeit zu beobachten polarisierenden Trend von ‚Growth‘ gegenüber ‚Value‘ dieses Mal Substanz zugrunde liegt. Heute liegt das Momentum der Generierung von freiem Cashflow im IT-Sektor in etwa auf einer Linie mit dem zunehmenden Anteil seiner Marktkapitalisierung im Index.

Wie die globale Finanzkrise von 2008/09 haben die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen der Covid-19-Krise einzigartige und weitreichende Konsequenzen. Doch gibt es auch einen klaren Unterschied zwischen beiden Krisen. Während der globalen Finanzkrise wurde den Menschen das Trauma unmittelbar bewusst, indem sie ihre Arbeitsplätze und Wohnungen verloren. Heute haben die Menschen und die Regierungen einen stärkeren Wunsch nach Veränderung, ein stärkeres Bewusstsein für die gesellschaftlichen Herausforderungen. Dies hat zum Teil zu Mega-Projekten wie beispielsweise dem „Green Deal“ der EU oder Chinas ambitionierten Zielen für den Klimawandel beigetragen. Im November verspürten die Märkte schließlich einen Hauch von Erleichterung.