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Eisbärenfamilie in Alaska

Unternehmensanleihen Eiswürfel suchen, Holzscheiten ausweichen

Ein Portfolio ausschließlich mit klimaneutralen Unternehmen ist aktuell nicht darstellbar, sagt unser Gastautor Yannik Zufferey, Chief Investment Officer Fixed Income bei Lombard Odier Investment Managers (LOIM). Daher sollten Anleger nicht nur die aktuellen Emissionen bewerten, sondern auch nach vorne blicken.

09.06.2021 - 09:35 Uhr | in Anleihen

Ein wichtiger Aspekt des wirtschaftlichen Aufschwungs ist sowohl in den USA als auch in Europa die Umstellung auf eine umweltfreundlichere Wirtschaft. Obwohl er derzeit weniger im Rampenlicht steht als der Schwenk in Richtung Nachhaltigkeit von US-Präsident Joe Biden, ist der europäische Green Deal ein mindestens ebenso ehrgeiziger Plan hinsichtlich seines Ziels, bis 2050 einen emissionsfreien Wirtschaftsraum mit Netto-Null-Emissionen zu schaffen.

Um zu verstehen, was Netto-Null bedeutet, verwendet Bill Gates die Analogie einer Badewanne, die sich langsam mit Wasser füllt. Selbst das langsamste Rinnsal wird die Wanne zum Überlaufen bringen. Bei den derzeitigen Emissionsraten haben wir weniger als zehn Jahre Zeit, bevor wir eine globale Erwärmung von 1,5 Grad Celsius erreichen – ein Wert, den der Weltklimarat der Vereinten Nationen als entscheidend für die Umweltauswirkungen ansieht. Nur wenn wir auch das kleinste Rinnsal beseitigen, können wir die globale Erwärmung noch aufhalten. Im Rennen um den Netto-Nullpunkt haben wir neun Jahre Zeit, die Emissionen um 50 Prozent zu reduzieren, um bis 2050 CO2-Neutralität zu erreichen.

Als globale ökologische Herausforderung wird das Netto-Null-Ziel die Weltwirtschaft grundlegend verändern und sich auf jeden Sektor auswirken – nicht nur auf Bereiche wie den Energiesektor, der die Auswirkungen bereits zu spüren bekommt. Im Wesentlichen stehen wir vor einer neuen industriellen Revolution, die sich mit der Geschwindigkeit des digitalen Zeitalters entfaltet und die enormen Auswirkungen auf die Risiken und Chancen an den Anleihemärkten haben wird.

Das Kohlenstoffrisiko verstehen

Anleihe-Indizes beinhalten eine große Menge an Klimarisiken, die in der Kreditkurve nicht eingepreist sind. Für einen Anleihe-Investor stellt sich die offensichtliche Frage: Wie sollte das Kohlenstoffrisiko quantifiziert werden? Die Antwort ist nicht ganz klar, aber wir sehen einen Weg nach vorne.

In der Vergangenheit haben Investoren darauf reagiert, indem sie Sektoren und Unternehmen, die als starke CO2-Emittenten identifiziert wurden, ausschlossen und auf Unternehmen mit geringem Kohlenstoffausstoß setzten. Dies schränkt jedoch das investierbare Universum erheblich ein und erhöht das Risiko von Konzentrationen in den Portfolios, was es zu einem fehlerhaften Investmentansatz macht. Da der Übergang zu Netto-Null-Emissionen eine Dekarbonisierung in allen Wirtschaftssektoren erfordert, trägt er wenig oder gar nicht dazu bei, den Wandel in Branchen zu unterstützen, in denen der Ausstoß nur schwer zu reduzieren ist.

Man muss nach vorne blicken, um Risiken und Chancen zu erkennen, die durch den Übergang entstehen. Daher reicht die Analyse der aktuellen CO2-Bilanzen der Unternehmen nicht aus. Wichtiger ist es, realisierbare Übergangswege in den Blick zu nehmen: Emissionspfade sagen uns, ob ein Unternehmen mit größerer Wahrscheinlichkeit auf die Netto-Null-Zukunft ausgerichtet ist oder nicht. Sie sind besonders wichtig in emissionsintensiven Sektoren, die für die Gesellschaft unverzichtbar bleiben werden und bei denen die Dekarbonisierung unterstützt werden muss.

Anstreben von Netto-Null im Fixed Income

Der Netto-Null-Übergang wird nicht fließend sein. Anstatt zu versuchen, die Dekarbonisierungs-Benchmark mit schrittweisen Emissionsreduzierungen zu erreichen, müssen die Analysewerkzeuge an Veränderungen der Emissionswerte und Reduktionsziele auf Branchen- und Unternehmensebene angepasst sein. Eine vorausschauende, wissenschaftlich fundierte Kohlenstoffanalyse ist notwendig, um den Net-Zero-Investmentansatz zu untermauern. Im Großen und Ganzen besteht er aus vier Schritten:

  1. Bewertung der gesamten CO2-Belastung einer potenziellen Investition nach Geltungsbereich Scope-1, -2 und -3. Dies geht weiter als die meisten Klimarisikomodelle auf dem Markt, einschließlich der Dekarbonisierungs-Benchmark der EU, die nur Scope-1- und Scope-2-Emissionen abdecken.
  2. Bewertung der erwarteten Dekarbonisierungsrate und die Leistung des Unternehmens im Vergleich zu dem Niveau, das für die Branche erforderlich ist, um sich an eine Netto-Null-Welt anzupassen.
  3. Berücksichtigung der Auswirkungen von emissionsmindernden Vorschriften und den Gruppendruck, der durch dekarbonisierende Wettbewerber entsteht und Identifizierung von Möglichkeiten, den Wandel durch verantwortungsvolles Handeln voranzutreiben.
  4. Durch die Kombination all dieser Informationen kann aufgezeigt werden, dass der Emissionspfad einer potenziellen Investition bis 2050 auf eine 100-prozentige Dekarbonisierung zurückgeht, was durch Zwischenziele bestätigt wird.

Mit Blick auf die Zukunft ist davon auszugehen, dass einige der besten Chancen für eine Netto-Null-Umstellung bei Unternehmen bestehen, die derzeit hohe Emissionen verursachen, aber auf einem echten emissionsarmen Weg sind. Diese haben das größte Potenzial, in einer Netto-Null-Welt Wirkung zu erzielen und zu gedeihen. Ihr Dekarbonisierungsnachweis könnte vom Markt unterbewertet sein. Diese Unternehmen werden angesichts ihres Beitrags zum Kampf gegen die Erderwärmung als „Eiswürfel“ klassifiziert. Im direkten Gegensatz dazu stehen die „brennenden Holzscheite“: Starke Emittenten, die anscheinend bereit sind, auf Hochtemperaturpfaden weiterzumachen und daher nichts zum Kampf gegen den Klimawandel beitragen.

Derzeit ist das Anlageuniversum der Netto-Null-Unternehmen relativ klein. Ein echtes Netto-Null-Portfolio aus Unternehmensanleihen ist daher derzeit nicht praktikabel – obwohl sich das mit der Zeit sicher ändern wird. Ein reformierter Ansatz wird es Asset Managern ermöglichen, diejenigen Unternehmen zu identifizieren und in sie zu investieren, die am besten in der Lage sind, den Übergang voranzutreiben und davon zu profitieren.