Megatrend Wasserstoff Energie ohne Ende und schlechtes Gewissen

Mitten in der Krise gibt Deutschland Stoff – im wahrsten Sinne des Wortes. Die Große Koalition will mit neun Milliarden Euro den Aufbau einer Wasserstoffindustrie fördern. An den Finanzmärkten hat die Wasserstoff-Revolution bereits begonnen. Wir erläutern, wie Anleger die neue Energie in ihr Portfolio lenken können.

Airbus-Studie
Airbus-Studie: Bis zum Jahr 2035 möchte der europäische Flugzeughersteller das erste emissionsfreie Verkehrsflugzeug der Welt in die Luft bringen © Airbus

Im Zuge der Corona-Pandemie und der damit verbundenen Reisebeschränkungen ist der internationale Flugverkehr regelrecht eingebrochen. Wann und ob er sein Vorkrisenniveau je wieder erreichen wird, ist fraglich – denn auch aus Nachhaltigkeitsgründen ist das Flugzeug in Verruf geraten. Nicht umsonst hat das Wort „Flugscham“ in den vergangenen Jahren Eingang in unseren Sprachgebrauch gefunden. Wenn es nach Airbus geht, sind Kurztrips nach Barcelona, Paris oder Amsterdam ab 2035 jedoch wieder ohne schlechtes Gewissen wegen des klimaschädlichen CO2-Ausstoßes möglich: Dann möchte der europäische Flugzeughersteller das erste emissionsfreie Verkehrsflugzeug an den Start bringen – angetrieben von Wasserstoff.

Grüner Wasserstoff ist eine nachhaltige Alternative zu Benzin, Diesel, Kerosin oder Schweröl. Er kann für saubere Mobilität und eine effiziente Versorgung mit Strom und Wärme sorgen sowie als Speicher erneuerbarer Energien genutzt werden, ebenso wie als Prozessgas in der Industrie. Das macht Wasserstoff zu einem äußerst vielseitigen Energieträger und einem wichtigen Element der Energiewende. Darüber hinaus ist er unbegrenzt verfügbar: Wasserstoff ist das am häufigsten vorkommende chemische Element im Universum, gebunden überwiegend in Form von Wasser. Allerdings ist für das Erreichen der Pariser Klimaschutzziele nur der nachhaltige grüne Wasserstoff von Bedeutung.

Wasserstoff ist nicht gleich Wasserstoff

Es gibt vier Möglichkeiten, Wasserstoff nutzbar zu machen. Eine Methode ist die Elektrolyse: Bei diesem Verfahren wird Wasser unter Strom gesetzt und spaltet sich dadurch in seine Bestandteile Wasserstoff und Sauerstoff. Wird dieser Prozess ausschließlich mit erneuerbarer Energie durchgeführt, dann handelt es sich um nachhaltigen „grünen Wasserstoff“.

Ebenfalls CO2-neutral ist der „blaue Wasserstoff“. Dieser wird zwar aus Erdgas gewonnen, das Kohlendioxid jedoch nicht an die Umwelt abgegeben – wie beim „grauen Wasserstoff“ –, sondern abgefangen und unterirdisch gelagert. „Türkiser Wasserstoff“ ist die vierte Variante: Dabei wird Wasserstoff über die thermische Spaltung von Methan hergestellt, anstelle von CO2 entsteht dabei fester Kohlenstoff.

Deutschland fördert die Technologie

Noch ist die Produktion des grünen Wasserstoffs recht kostspielig und die Umstellung vieler Wirtschaftszweige auf wasserstoffbasierte Anlagen mit hohen Investitionen verbunden. Die deutsche Bundesregierung hat jedoch die zentrale Bedeutung des Stoffs für die Energiewende erkannt und am 10. Juni 2020 ihre Nationale Wasserstoffstrategie verabschiedet. Damit verfolgt sie die Ziele, Wasserstofftechnologien als Kernelemente der Energiewende zu etablieren, die regulativen Voraussetzungen zu schaffen und die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen in dem Bereich zu stärken. Kurzum: Möglichst viel grünen Wasserstoff im eigenen Land kostengünstig zu produzieren.

Voraussetzung dafür ist aber, dass genug erneuerbare Energien für die Produktion von „grünem Wasserstoff“ zur Verfügung stehen. Im internationalen Vergleich steht Deutschland zwar mit einem Anteil von 42 Prozent der „Erneuerbaren“ am Energiemix gut da. Angesichts der steigenden Nachfrage muss dieser jedoch weiter ausgebaut werden.   

Doch wie effizient ist der Hoffnungsträger der Energiewende? Derzeit liegt der Wirkungsgrad der Elektrolyse mittels Strom aus erneuerbaren Quellen bei knapp 60 Prozent. Das heißt: 60 Prozent der für die Elektrolyse genutzten Energie wird in Wasserstoff gebunden. Weil im Bereich der Wasserstoffherstellung derzeit massiv geforscht wird, ist davon auszugehen, dass sich der Wirkungsgrad in den kommenden Jahren noch deutlich steigern wird.

Wasserstoff: Saubere Energie fürs Depot

Wer in Wasserstoff-Aktien investieren will, muss sich bewusst sein, dass der Sektor noch vergleichsweise jung ist: Wie schnell die Branche tatsächlich wächst und welche Unternehmen schließlich zu den großen Gewinnern gehören werden, ist noch unsicher. Für Anleger können daraus einerseits hohe Renditen resultieren, andererseits bringt das aber entsprechend hohe Risiken mit sich. Das gilt insbesondere für Einzelaktien.  

Wer komfortabel über einen ETF in Wasserstoff-Unternehmen investieren möchte, hat es derzeit noch schwer. Einen reinen Wasserstoff-ETF gibt es noch nicht. Wer nicht darauf warten möchte, kann sich aber natürlich selbst ein Depot zusammenstellen. Eine Orientierungshilfe bietet dabei der „E-Mobilität Wasserstoff Index“, der entsprechende Aktien beinhaltet. Dazu gehören beispielsweise der norwegische Wasserstoff-Hersteller Nel ASA und das deutsche Industriegas-Unternehmen Linde. Der Dax-Konzern will ebenfalls verstärkt in dem Bereich investieren und sich auf den Ausbau des Wasserstoff-Tankstellennetzes in den USA, Japan und China konzentrieren.