Nachhaltige Geldanlage „Es gibt weitaus mehr als Fifty Shades of Green“

Worauf sollten Anleger bei der Bankenwahl achten und wie lassen sich individuelle ESG- und Risikopräferenzen in Einklang bringen? ECO-Anlageberaterin und Autorin Jennifer Brockerhoff erklärt im Interview, worauf es beim nachhaltigen Investieren ankommt und welche Herausforderungen der ESG-Trend in der Finanzbranche mit sich bringt.

02.09.2021, aktualisiert 06.09.2021 - 08:4406.09.21 - 08:44
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Jennifer Brockerhoff
Jennifer Brockerhoff, Autorin: „Es gibt sehr wenige Finanzbücher für Einsteiger im Bereich nachhaltige Geldanlage.“ Mit ihrem Buch „Grüne Finanzen“ möchte sie Abhilfe schaffen© Christian Ritter

derfonds.com: Wie sind Sie zum Thema nachhaltige Geldanlage gekommen und wie entstand die Idee für das Buch?

Jennifer Brockerhoff: Das Thema Nachhaltigkeit beschäftigt mich bereits seit meiner Kindheit. Ich bin in einer ländlichen Gegend im Osten Kanadas groß geworden und in der Schulzeit gab es viele Umweltprojekte, an denen wir uns als Schüler beteiligen konnten. Nach meinem Abitur in Deutschland habe ich eine klassische Lehre zur Bankkauffrau abgeschlossen und innerhalb von klassischen Bankstrukturen hatten Nachhaltigkeitsaspekte keinen Platz.

Erst mit meiner Selbstständigkeit vor zwölf Jahren habe ich mein Beratungsprofil deutlich schärfen können und fand auch die Netzwerke, die bereits seit mehr als zwei Jahrzehnten nachhaltige Geldanlage berücksichtigen. Die Idee zum Buch entstand während der ersten Lockdown-Phase der Corona-Pandemie. Mir fiel auf, dass es sehr wenige Finanzbücher für Einsteiger im Bereich nachhaltige Geldanlage gibt. Die immer wiederkehrenden Fragen aus unzähligen Beratungsgesprächen habe ich somit zu Papier gebracht.

Worauf kommt es beim nachhaltigen Investieren aus Ihrer Sicht besonders an?

Brockerhoff: Erst einmal ist es wichtig, die Basics zu verstehen. Denn eine fundierte Finanzplanung sieht erst einmal gleich aus – egal ob ich konventioneller Anleger oder nachhaltig ausgerichtet bin. Verbraucher sollen sich mit ihrer Risikoneigung und -toleranz intensiv auseinandersetzen und die Vor- und Nachteile verschiedener Anlageklassen kennen. Außerdem ist es wichtig zu verstehen, dass das Wort „Nachhaltigkeit“ nicht geschützt ist und keine allgemeingültige Definition besitzt. Denn es gibt weitaus mehr als Fifty Shades of Green und die eigene Präfenzen zu kennen, sehe ich als wichtigen Aspekt, um nachher nicht von falschen Vorstellungen enttäuscht zu werden.

Was sollte man als nachhaltig orientierter Anleger bei der Bankwahl beachten?

Brockerhoff: Geld auf einer Bank ist niemals neutral. Kreditinstitute vergeben Kredite und wir werden als Kunde nicht vorher gefragt an wen oder an welche Branchen. Somit sollten nachhaltig ausgerichtete Anleger sich vorab mit der Geschäftspolitik der Bank auseinandersetzen. Dabei helfen öffentliche Publikationen von NGOs wie Urgewald und Facing Finance.

Was halten Sie von sogenannten Genderfonds?

Brockerhoff: Schade ist, dass im Jahr 2021 überhaupt noch solche speziellen Fonds aufgelegt werden müssen, um auf Themen wie Gleichberechtigung und Diversität aufmerksam zu machen. Denn weltweit sind maximal 17 Prozent der Vorstandsmitglieder weiblich, der Frauenanteil in den 100 größten börsennotierten Unternehmen hierzulande liegt weitaus darunter. Untersuchungen bestätigen jedoch, dass die Profitabilität von Unternehmen mit gemischten Teams höher liegt. Daher haben Genderfonds eine wichtige Signalwirkung und leisten indirekt Aufklärungsarbeit.

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen in Sachen Nachhaltigkeit in der Finanzbranche?

Brockerhoff: Sicherlich ist die Umsetzung der Taxonomie als Herzstück des EU-Aktionsplans die größte Herausforderung für die Finanzbranche. Die neue Art der Berichterstattung, das Beschaffen von validen Daten für die Impact-Messung sowie das Verhindern von Greenwashing-Fallen sind einige Beispiele. Zukünftig wird sich nachhaltig nennen dürfen, was Taxonomie-konform ist. Daher werden die nächsten Monate und Jahre extrem herausfordernd und spannend bleiben.