Nachhaltigkeit und PerformanceESG-Anlagen – Mehrwert oder Marketing?

Nachhaltigkeit und die Interessen der Anleger müssen nicht in Widerspruch zueinanderstehen. Das betont Hans-Jörg Naumer. Der Director Global Capital Markets & Thematic Research bei Allianz Global Investors erklärt, warum eine nachhaltige Unternehmensführung für alle Investoren positiv ist.

13.07.2021 - 16:22 Uhr13.07.21 16:22
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Windräder in der Uckermark
Windräder in der Uckermark: Wenn Unternehmen sich für den Umweltschutz engagieren, können sie Klagen gegen Umweltverstöße und reputationsschädliche Risiken vermeiden © IMAGO / serienlicht

Rentiert sich Corporate Social Responsibility (CSR, gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen) für ein Unternehmen? Oder mit anderen Worten: Bringt Nachhaltigkeit Investoren eine bessere Rendite? „Die im Kontext zur Sinnhaftigkeit von CSR gerne zitierte – und häufig auch kritisierte – Aussage des US-amerikanischen Wirtschaftswissenschaftlers Milton Friedman, die einzige Aufgabe des Managers sei es, den Wohlstand der Anleger zu erhöhen, hilft hier kaum weiter“, sagt Hans-Jörg Naumer, Director Global Capital Markets & Thematic Research bei Allianz Global Investors. Denn CSR müsse nicht notwendigerweise im Widerspruch dazu stehen.

CSR könne zwar höhere Kosten mit sich bringen und damit zu einer Verringerung der Erträge der Stakeholder führen. „Andererseits kann eine nachhaltige Unternehmensführung auch zu einer Reduzierung von Risiken und einer verbesserten Kapitalbeschaffung beitragen.“

Dafür nennt er Beispiele: Gesundheitsausgaben für die Belegschaft senken krankheitsbedingte Kosten. Eine höhere Zufriedenheit mit dem Arbeitgeber verringert die Fluktuation und senkt die Ausgaben für Neuanwerbung und Einarbeitung von Mitarbeitern. Mit Ausgaben für den Umweltschutz lassen sich Klagen gegen Umweltverstöße und reputationsschädliche Umweltrisiken vermeiden. Investitionen in Energieeffizienz senken den laufenden Energiebedarf und die Beschaffungskosten für CO2-Handelsrechte. Eine bessere Produktqualität und Produktsicherheit erhöht die Kundenloyalität und ermöglicht höhere Preise, während gleichzeitig die Kosten von Reklamationen sinken.

Eine Studie in 41 Ländern aus dem Jahr 2004 zeige zudem, dass der Anteil institutioneller Anleger und das Verfolgen von CSR-Praktiken positiv korrelieren. „Das heißt: Je stärker institutionelle Eigner vertreten sind, desto besser scheinen diese auf CSR-Praktiken bei den Firmen drängen zu können“, erläutert Naumer.

Wie wirkt sich ESG auf die Kapitalanlage aus?

Zu beachten gelte aber: Wenn sich für ein Unternehmen zum Beispiel die Kapitalkosten verringern, da mit zunehmender Transparenz das Investitionsrisiko sinkt, könnte dies unter einem reinen Renditeaspekt für die Investoren zunächst eher abträglich sein. „Die Investition ist daher risiko-adjustiert zu betrachten. Werden ESG-Kriterien in den Investmentansatz integriert, können sie zusätzliche Informationen über Investmentrisiken liefern, die im Standardprozess der Titelselektion möglicherweise untergehen.“

Naumer verweist auf eine Auswertung von 251 empirischen Studien aus den Jahren 1972 bis 2007. „Joshua D. Margolis und seine Kollegen kommen beim Thema CSR aus Unternehmensperspektive zunächst zu einer eher zurückhaltenden Aussage. Das Ergebnis von Firmen (Corporate Financial Performance, CFP), die sich CSR verschrieben haben, ‚vernichte keinen Shareholder-Value‘, sondern werde, wenn auch geringfügig, statistisch signifikant positiv von CSR beeinflusst.“ Dabei hätten die Autoren beobachtet, dass der positive Ergebnisbeitrag überwiegend aus Studien aus der jüngeren Zeit stammt.

Die vermutlich umfangreichste – und deutlich aktuellere – Studie zum Zusammenspiel von ESG und dem finanzwirtschaftlichen Ergebnis der Unternehmen stamme unter anderem von Gunnar Friede. Diese Metaanalyse greift auf insgesamt 2.200 Studien zurück, die zwischen den 1970er-Jahren und heute erstellt wurden. „Bei rund 60 Prozent der Studien wurde dabei ein klar positiver Zusammenhang zwischen CSR und CSP (Corporate Social Performance) erhoben. Das bedeutet: Die Firmenergebnisse werden positiv beeinflusst. In weniger als 10 Prozent aller Studien wurde ein negativer Zusammenhang festgestellt“, fasst Naumer die Ergebnisse zusammen.

Je schwächer der Gesetzesrahmen, desto wichtiger wird ESG

Wird nach Ländern unterschieden, zeige sich für die aufstrebenden Volkswirtschaften das mit Abstand positivste Verhältnis von ESG und CSP (s. Abbildung). „Das ist zu erwarten, da in Schwellenländern die Schutzrechte der Investoren schwächer sind als in den Industriestaaten. Damit tragen freiwillige ESG-Maßnahmen am deutlichsten zur Senkung des Investorenrisikos bei“, so Naumer. Dies unterstreiche auch die Feststellung Friedes, dass den „Governance“-Maßnahmen von allen ESG-Kriterien die größte Bedeutung zukomme.

Auf Investorenebene kommt die Untersuchung zu einem etwas weniger beeindruckenden, aber dennoch positiven Ergebnis. „Der Anteil der Studien, die zu einem negativen Zusammenhang von CSR und Investment-Performance kommen, liegt bei etwa 10 Prozent. Allerdings ist der Anteil der Studien mit einem neutralen oder gemischten Ergebnis höher als bei jenen, die sich auf die Unternehmen beziehen.“ Der Anteil, der zu einem eindeutig positiven Zusammenhang kommt, ist geringer und liege bei etwa 16 Prozent.

Insgesamt kommen Friede und seine Kollegen bei ihrer Auswertung allerdings zu dem Ergebnis, dass langfristig verantwortungsvolles Investieren für alle „rationalen Investoren“ von Bedeutung sei. „CSR und ESG liefern also einen Mehrwert für Anleger“, sagt Naumer. Dieser Mehrwert bestehe nicht nur in einem „Mehr“ für die Nachhaltigkeit, sondern auch für die Performance. „Der Bedeutungsgewinn von ESG-Investments ist damit nicht auf Marketing zurückzuführen. Er begründet sich vielmehr in dem materiellen, positiven Beitrag dieser Investitionen für die Kapitalanlage.“