EU-Referendum Brexit statt Bremain

ANZEIGE

Eine knappe Mehrheit der Briten hat sich am 23. Juni 2016 für einen Austritt aus der EU ausgesprochen. Ministerpräsident David Cameron wird sein Amt abgeben. Sein Nachfolger wird die Verhandlungslösung mit der EU finden müssen, was eine ganze Weile beanspruchen dürfte, schätzt Reto Niggli von Swisscanto.

24.06.2016, aktualisiert 27.06.2016 - 15:4627.06.16 - 15:46
|
|
|
Reto Niggli von Swisscanto Invest rechnet damit, dass es eine Weile dauert, bis Europa sich an eine EU ohne Großbritannien gewöhnt.
Reto Niggli von Swisscanto Invest rechnet damit, dass es eine Weile dauert, bis Europa sich an eine EU ohne Großbritannien gewöhnt.

Die Finanzmärkte, welche zuletzt, anders als noch zu Beginn des Monats, eher von einem Bremain denn einem Brexit ausgingen, reagierten heftig. Vor allem die Aktienmärkte verloren deutlich an Wert, wobei die europäischen und japanischen Märkte viel stärker litten als die Märkte Nordamerikas und der Schweiz. Ebenfalls stark unter Druck gerieten das Britische Pfund sowie vorübergehend die Rohstoffe.

Auf der anderen Seite profitierten typische Fluchtwährungen wie der Schweizer Franken und der Japanische Yen. Stark gesucht war in diesem Umfeld auch Gold, welches auf über 1.300 US-Dollar anstieg. Die Credit Spreads weiteten sich aus bei gleichzeitigem Renditerückgang erstklassiger Staatsanleihen. Die Renditen von Eidgenossen und Bundesanleihen fielen sogar auf neue Tiefststände. Dagegen erhöhten sich die Risikoaufschläge von Ländern der Peripherie.

Ausblick

Als größtes Problem des Brexit dürfte sich die Unsicherheit bis zum Verhandlungsergebnis mit der EU herausstellen. Diese Unsicherheit wird die Investitionen spürbar belasten. Dies gilt sowohl für Investitionen an den Finanz- und Immobilienmärkten als auch in der Realwirtschaft, allen voran bei den Direktinvestitionen. Provoziert durch das Brexit-Votum könnte ein erneutes schottisches Unabhängigkeitsreferendum hinzukommen; in der EU steht die Befürchtung im Vordergrund, dass der Austritt Großbritanniens einen Präzedenzfall schafft und den Integrationsprozess der EU empfindlich stört.

Die Notenbanken werden nun zusätzliche Liquidität zur Verfügung stellen. Zudem wird die US-Notenbank in den nächsten Monaten und vermutlich sogar im gesamten Jahresverlauf keine Zinserhöhung mehr wagen. Je nachdem, wie rasch sich die Risikoprämien an den Märkten wieder zurückbilden, werden die Auswirkungen auf den globalen Konjunkturgang stärker oder milder sein. Es könnte zu einem Dämpfer für das globale Wirtschaftswachstum im zweiten Halbjahr kommen. Solange es jedoch nicht durch eine Stimmungsverschlechterung zu einem Aufbrechen alter oder neuer Krisenherde kommt (Griechenland, Chi-na), sollte nach ein bis zwei Quartalen eine Konjunkturstabilisierung gelingen – wie während der Euro-Krisen vor allem Dank des recht standhaften, von Stimmung weniger beeinflussbaren US-Konsumenten.