Geldpolitik EZB will Anleihekäufe signifikant ausweiten

Die EZB hat auf den jüngsten Renditeanstieg reagiert. Zwar bleiben das Volumen des Corona-Hilfspakets PEPP (1.850 Milliarden Euro) und die Leitzinssätze unverändert, gleichwohl sollen die Anleihekäufe temporär erheblich hochgefahren werden, erklärt Jörg Angelé, Senior-Volkswirt bei Bantleon.

17.03.2021 - 09:4918.03.21 - 09:35
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EZB-Chefin Christine Lagarde
EZB-Chefin Christine Lagarde: Die klare zeitliche Begrenzung der erhöhten Anleihekäufe zeigt, dass die Währungshüter nach wie vor an eine kräftige Belebung der Wirtschaft im zweiten Halbjahr glauben © IMAGO / Le Pictorium

Die Inflationsprognose für das laufende Jahr wurde zwar erkennbar von 1,0 auf 1,5 Prozent angehoben. EZB-Präsidentin Christine Lagarde betonte jedoch, das gehe ausschließlich auf technische beziehungsweise temporäre Faktoren zurück. Dazu gehören die Mehrwertsteuer-Erhöhung in Deutschland, Warenkorbgewichte oder Energiepreise. Für ein Anziehen des zugrundeliegenden Preisauftriebs gebe es weiterhin keine Anhaltspunkte. Entsprechend liegen die Inflationsprognosen für 2022 und 2023 mit 1,2 beziehungsweise 1,4 Prozent wie bisher deutlich unterhalb des 2-Prozent-Ziels der Notenbank.

Senior-Volkswirt sieht Anzeichen für Zinskurvenkontrolle

Die Ankündigung einer signifikanten Erhöhung der Wertpapierkäufe ist eindeutig „taubenhaft“ zu werten und nichts anderes, als ein zusätzlicher temporärer geldpolitischer Impuls. Tauben stimmen für eine lockerere Geldpolitik und halten die Zinssätze niedrig, um das Wirtschaftswachstum anzukurbeln. Allerdings lassen sich in der Stellungnahme zur Zinsentscheidung auch zwei weniger „taubenhafte“ Aspekte finden. Zum einen die explizite Begrenzung der erhöhten Käufe auf den Zeitraum eines – nämlich des nächsten – Quartals sowie zum anderen die Beibehaltung der Formulierung, dass das Volumen des Pandemic Emergency Purchase Programme (PEPP) nicht zwangsläufig aufgebraucht werden muss. Schließlich verleiht auch die günstigere Einschätzung der Konjunkturperspektiven der Zinsentscheidung einen weniger „taubenhaften“ Anstrich. Gemäß Lagarde sind die konjunkturellen Auf- und Abwärtsrisiken inzwischen ausgeglichener als vor einigen Wochen.

Hinsichtlich günstiger Finanzierungskonditionen brachte die EZB-Präsidentin erneut kein Licht ins Dunkel, welche Ziele die Notenbank verfolgt. Trotz mehrfacher Nachfrage konnte oder wollte Lagarde nicht erklären, was genau die Währungshüter unter günstigen Finanzierungsbedingungen verstehen beziehungsweise was sie mit den temporär erhöhten Anleihekäufen erreichen möchten. Lagardes Ausführungen waren langatmig und teils nur schwer nachzuvollziehen. Obwohl sie betonte, die EZB betreibe keine Zinskurvenkontrolle, drängt sich der Eindruck auf, dass die Notenbank eben genau dies tut.

Höhere Inflationsrate erwartbar

Wir interpretieren die jüngste EZB-Entscheidung so, dass eine aus Sicht des EZB-Rats verfrühte Verschärfung der Finanzierungskonditionen in jedem Fall verhindert werden soll. Angesichts des kurzfristig unsicheren Wirtschaftsausblicks ist das nachvollziehbar. Die klare zeitliche Begrenzung der erhöhten Anleihenkäufe zeigt jedoch auch, dass die Währungshüter nach wie vor an eine kräftige Belebung im zweiten Halbjahr glauben. Diese wird unserer Einschätzung nach durch einen markanten Anstieg der Inflationsrate auf zeitweise über 2 Prozent begleitet werden. Die EZB signalisiert mit den heute getroffenen Maßnahmen daher auch, dass sie sich im weiteren Jahresverlauf nicht mehr gegen einen moderaten Renditeanstieg stellen wird.

Im Zuge des erwarteten dynamischen Konjunkturaufschwungs, der bis weit ins Jahr 2022 anhalten sollte, dürfte die Inflationsrate im nächsten und übernächsten Jahr höher ausfallen als von der EZB unterstellt. Wir halten es daher für fraglich, ob die EZB den aktuellen Rahmen bei den PEPP-Käufen am Ende ausschöpft. Wahrscheinlicher erscheint uns eine Verringerung der Käufe im ersten Halbjahr 2022 und eine Einstellung der Nettokäufe Ende des nächsten Jahres. Eine nochmalige Aufstockung des PEPP-Rahmens erwarten wir nicht. Eine erste Zinsanhebung wäre dann 2023 möglich.