Globalisierung Die Narben dieser Krise werden noch einige Quartale zu spüren sein

Teile der im Zuge der Globalisierung ausgelagerten Industrieproduktion dürften in die westlichen Industriestaaten zurückgeholt werden, so Mark Dowding, Chef-Anlagestratege bei BlueBay Asset Management. Welche Wachstumseinbußen zu erwarten sind, wie es an den Aktienmärkten weitergeht und welche Sektoren noch Jahre bis zur Erholung brauchen werden, erläutert Dowding im Kommentar.

17.04.2020, aktualisiert 18.06.2020 - 13:5018.06.20 - 13:50
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Containerhafen in Göteborg
Containerhafen in Göteborg: Bestimmt die Corona-Pandemie das Ende der Globalisierung, wie wir sie kennen?© imago images / Hoch Zwei Stock/Angerer

In den G3-Staaten dürfte das BIP von Mitte März bis Ende April um 35 Prozent einbrechen. Im Zuge der allmählichen Lockerungsmaßnahmen sollte das BIP im Mai dann ein Minus von 25 Prozent und im Juni von immer noch minus 15 Prozent aufweisen. Auf das Gesamtjahr 2020 gerechnet würde sich ein BIP-Rückgang von 6,5 Prozent ergeben. Es ist absehbar, dass das Wachstum im dritten Quartal gedämpft verlaufen wird, bevor es zum Jahresende etwas stärker an Fahrt aufnimmt. Das US-BIP sehen wir im Kalenderjahr bei minus 4,5 Prozent. Das Wachstum in der Eurozone könnte sich auf minus 6,5 Prozent belaufen, während in den am stärksten von der Corona-Krise betroffenen Volkswirtschaften, darunter Italien und Spanien, ein BIP-Minus von 8 Prozent zu erwarten ist.

Angesichts der anhaltenden Herausforderungen werden die Zentralbanken unserer Einschätzung nach das Wachstum weiterhin stützen. Erst zum Jahresende hin dürften die Zinsen wieder leicht erhöht werden – insbesondere wenn sich Inflationsdruck bemerkbar macht.

Die Aktienmärkte dürften wieder unter Druck geraten sobald den Marktteilnehmern klar wird, dass der Schatten der Corona-Krise noch auf die kommenden zwei Jahre fällt. Wir sehen zwar weiteres Aufwärtspotenzial für diejenigen Vermögenswerte, die von der direkten politischen Unterstützung in Form von Zentralbankkäufen profitieren. Die aktuelle Erholung bei vielen anderen Vermögenswerten dürfte jedoch dem Zuckerrausch im Zusammenhang mit den aktuellen Lockdown-Lockerungsmaßnahmen der Politik geschuldet sein.

In der Eurozone warten wir immer noch auf weitere Beweise der Solidarität innerhalb des Währungsraums. Es fällt auf, dass die Federal Reserve bei ihren Marktinterventionen viel entschlossener und erfolgreicher vorgegangen ist als die Europäische Zentralbank (EZB). Würde sich die EZB im Verbund mit der Brüsseler EU-Politik durchsetzungsfähiger zeigen, könnten Investoren, die aktiv versuchen, Anleihen der Eurozone-Peripherie aus Sorge vor einem Auseinanderbrechen der EU zu verkaufen, schnell davon abgebracht werden.

Die Lage in Ländern, die ihre Lockdown-Beschränkungen bereits gelockert haben, beobachten wir genau: Folgen weitere Lockerungsmaßnahmen? Oder gibt es Anzeichen dafür, dass die Beschränkungen wieder eingeführt werden müssen, weil die Infektionsraten wieder zu steigen beginnen, wie das Beispiel Singapur zeigt? Interessant ist die Beobachtung der öffentlichen Meinung: Die Menschen scheinen abzustumpfen und sich an die – vielerorts nicht mehr allzu stark steigenden – Todeszahlen zu gewöhnen, nicht zuletzt, weil die allgemeine Besorgnis über den entstehenden wirtschaftlichen Schaden weiter zunimmt.

Auch wenn Impfstoffe im nächsten Jahr zu erwarten sind, darf nicht aus dem Blick geraten: Die Pandemie richtet horrenden wirtschaftlichen Schaden an. Die Narben dieser Krise werden noch einige Quartale zu spüren sein. In Sektoren wie dem Flugverkehr oder dem Gastgewerbe könnte es höchstwahrscheinlich noch Jahre dauern, bis Normalität zurückkehrt. Mit hoher Wahrscheinlichkeit werden aus Erwägungen der nationalen Sicherheit wichtige Teile der im Zuge der Globalisierung ausgelagerten Industrieproduktion in die Staaten zurückgeholt. Die Trends zur Umkehr der Globalisierung, die bereits vor dieser Krise im Gange waren, dürften sich dadurch beschleunigen.

Hier können Sie den vollständigen Kommentar lesen.