Verbraucherpreise Inflation – was ist das eigentlich?

Teureres Essen, hohe Mieten und eine Menge Unsicherheit: Seit einigen Wochen kommt keiner mehr an dem Thema Inflation vorbei. Wir erklären euch, was es damit auf sich hat und wie die Teuerung berechnet wird.

11.01.2022 - 16:3012.01.22 - 10:49
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Einkaufen bei Aldi
Einkaufen bei Aldi: Ein repräsentativer Warenkorb mit rund 600 Gütern und Dienstleistungen dient als Grundlage für die Berechnung der Inflation © Imago Images / ZUMA Wire

Lebensmittel, Strom, Benzin – die Preise in der Türkei steigen seit Monaten rapide und mit ihnen der Unmut der Bevölkerung. Laut türkischem Statistikamt lag die Teuerung im Dezember bei 36,1 Prozent. Damit stiegen die Verbraucherpreise im Vergleich zum Vorjahresmonat so stark wie seit rund zwei Jahrzehnten nicht mehr.

Für die Bevölkerung sind Inflationsraten dieser Größenordnung fatal. Für Strom und Gas müssen Kund:innen in der Türkei allein seit Anfang Januar 2021 etwa 50 Prozent mehr zahlen. Pendler:innen müssen für die Öffis, Benzin, Diesel oder Taxifahrten rund ein Drittel mehr auf den Tisch legen. Viele Restaurantbesitzer:innen trauen sich nicht, die steigenden Energie- und Lebensmittelkosten an ihre Gäste weiterzugeben, aus Angst, diese würden sonst gar nicht mehr zum Essen kommen.

Grund für den Preisanstieg am Bosporus ist neben den allgemeinen inflationären Tendenzen vor allem der rasante Kursverfall der Lira. Die türkische Zentralbank hatte auf Druck des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan den Leitzins zuletzt weiter gesenkt. Seit Anfang 2021 verlor die Landeswährung so rund 40 Prozent an Wert, was die Einfuhren von Gütern und Vorprodukten erheblich verteuert.

Wie hoch ist die Inflation in Deutschland?

Auch in Deutschland ist die Inflation massiv gestiegen und hat erstmals seit rund 29 Jahren die Fünf-Prozent-Marke überschritten. Die Verbraucherpreise erhöhten sich im November 2021 gegenüber dem Vorjahresmonat um 5,2 Prozent, im Dezember lag der Anstieg bei 5,3 Prozent.

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Über das gesamte Jahr 2021 erreichte die Inflation eine Höhe von 3,1 Prozent, wie das Statistische Bundesamt im Januar 2022 mitteilte. Einen stärkeren jährlichen Anstieg der Verbraucherpreise hatte es zuletzt 1993 gegeben. Damals lag der Wert bei 4,5 Prozent.

Was bedeutet Inflation?

Doch was bedeutet Inflation eigentlich und wie kommt es dazu, dass die Preise so stark ansteigen, wie es aktuell in der Türkei, aber auch in Deutschland, Europa und den USA zu beobachten ist?

Wirtschaftswissenschaftler:innen verstehen unter Inflation einen anhaltenden Prozess der Geldentwertung, der sich durch allgemeine Preiserhöhungen bemerkbar macht. Mal angenommen, man bekommt für einen Euro heute fünf Brötchen und die Inflation liegt bei täglich 20 Prozent, dann kommen für das gleiche Geld morgen nur noch vier Brötchen in die Tüte – die Kaufkraft des Geldes vermindert sich also.

Wichtig ist, dass die Preissteigerung allgemein und dauerhaft sein muss. Einmalige, vorübergehende oder durch ungewöhnliche Vorkommnisse wie Missernten und Streiks verursachte Erhöhungen des Preisniveaus sowie Preissteigerungen für einzelne Produkte gelten dagegen nicht als Inflation.

Wie entsteht Inflation?

Für das Entstehen von Inflation spielen das Angebot und die Nachfrage nach Gütern sowie die Geldmenge eine wichtige Rolle. Steht der gesamtwirtschaftlichen Gütermenge einer Volkswirtschaft eine zu große Geldmenge gegenüber, steigen die Preise an – die Inflation setzt ein. Gleiches gilt, wenn die Nachfrage nach Gütern das Angebot übersteigt und dieses kurzfristig auch nicht erhöht werden kann.

Diese Situation lässt sich aktuell in vielen Ländern der Welt beobachten. Infolge der Corona-Pandemie wurden viele Lieferketten unterbrochen und Mitarbeiter:innen entlassen, weil die Nachfrage aufgrund von Lockdowns und anderen Maßnahmen zurückging. Gleichzeitig stieg die Geldmenge durch umfassende Corona-Hilfen und eine hohe Sparquote stark an. Die gestiegene Nachfrage im Zuge der wirtschaftlichen Erholung können viele Unternehmen aufgrund von Arbeitskräfteknappheit und wackeligen Lieferketten nun jedoch kaum bedienen. Die Folge: Höhere Preise und ein Anstieg der Inflation.

Wie berechnet sich die Inflation und was hat es mit dem Warenkorb auf sich?

In Deutschland wird die offizielle Inflation vom Statistischen Bundesamt über den sogenannten harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) gemessen. Dieser basiert auf den Preisen für einen repräsentativen Warenkorb, der vom Statistischen Bundesamt zusammengestellt wird. In ihm befinden sich Güter und Dienstleistungen des alltäglichen Bedarfs wie Lebensmittel, Energiepreise, Wohnkosten, Freizeitausgaben oder Versicherungen. Der Warenkorb umfasst insgesamt 600 Güter- und Dienstleistungen. Für die Berechnung des Verbraucherpreisindex fließen mehr als 300.000 Einzelpreise in die Statistik ein.

Wenn ein Produkt nicht mehr oder nur noch selten verkauft wird, wird es gegen ein anderes ausgetauscht, damit der Warenkorb aktuell bleibt. Auch Änderungen der Qualität oder Packungsgröße werden bei der Berechnung berücksichtigt.

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Die Preisdaten werden vom Statistischen Bundesamt gesammelt und gewichtet. Diese Gewichtungen werden alle fünf Jahre aktualisiert, während die Artikel im Warenkorb laufend aktualisiert werden. Je mehr die Haushalte für ein Gut ausgeben, desto höher ist sein Gewicht im Warenkorb. Aus diesem Grund sind Posten, die große Teile des Monatsbudgets verschlingen, für die Inflationsrate richtungsentscheidend. Dazu zählen Energie und Kraftstoffe (zusammen 11 Prozent Gewicht), Mieten (20 Prozent) und Nahrungsmittel (10 Prozent).

Der Verbraucherpreisindex misst, wie sich die Preise aller Waren und Dienstleistungen entwickeln, die Privathaushalte konsumieren. Er bildet den Durchschnitt aller Haushalte ab. Dieser kann von der individuellen Teuerungsrate abweichen. Steigt der Verbraucherpreisindex an, spricht man von Inflation. Fällt der Index dagegen, nennt man das Deflation. Die Veränderung des Index zum Vorjahr beziehungsweise zum Vorjahresmonat wird als Inflations- oder Teuerungsrate bezeichnet.

Welche Kritik gibt es an der Berechnung des Verbraucherpreisindex?

Expert:innen kritisieren, dass sowohl die Zusammensetzung als auch die Gewichtung des Warenkorbs nicht immer den realistischen Bedarf widerspiegeln. Da die Gewichtung nur alle fünf Jahre überarbeitet wird, kann diese mitunter nicht mit den Änderungen im Konsumverhalten mithalten. Wenn beispielsweise kaum noch jemand CDs und DVDs kauft, weil fast alle stattdessen Netflix, Amazon und Spotify abonnieren, fließt das erst mit Verzögerung in den errechneten Verbraucherpreisindex ein.

Ein weiterer Kritikpunkt ist das sogenannte Indexzahlproblem. Es tritt auf, wenn Verbraucher:innen eine vergleichsweise teure Ware durch eine günstigere ersetzen. Konsumieren sie dann kurzfristig wesentlich weniger von der teureren Ware, dann werden die Lebenshaltungskosten fälschlicherweise als zu hoch eingeschätzt.

Auch die mangelhafte Einbeziehung von Qualitätskriterien kann zu Überschätzungen führen. Gerade bei Produkten mit häufigen Technologiesprüngen stellt die Preisanalyse die Statistiker:innen vor Herausforderungen. Wenn ein Smartphone beispielsweise einen schnelleren Prozessor oder eine bessere Kamera bekommt, beinhaltet der höhere Preis einen höheren realen Gegenwert, hat also nichts mit Inflation zu tun. Werden Qualitätsverbesserungen wie diese übersehen und als Preissteigerungen verbucht, führt das zu Überschätzungen.  

Was ist der Unterschied zwischen Inflation und Kerninflation?

Da die Inflationsentwicklung von wenigen großen Posten wie Ausgaben für Energie- oder Lebensmittel getrieben wird, kann ein falscher Eindruck entstehen, wenn etwa der Ölpreis in einem kalten Winter oder Obst- und Gemüsepreise bei einer schlechten Ernte kurzfristig rasant steigen.

Da Entwicklungen wie diese nicht bedeuten, dass das durchschnittliche Preisniveau tendenziell steigt oder die Kaufkraft des Geldes mittel- bis langfristig abnimmt, gibt es neben der gängigen Inflationsberechnung auch noch das Konzept der Kerninflation. Diese blendet kurzfristige Preisschwankungen und Datenausreißer aus, schwankt deshalb weniger als die normale Inflationsrate und soll auf diesem Wege die langfristige, dauerhafte Preisentwicklung abbilden.

Dieses Konzept soll Zentralbanken dabei helfen, die Gesamtsituation besser einzuschätzen, damit nicht bei jedem Einzelpreisanstieg gleich drastische Maßnahmen ergriffen werden, die der wirtschaftlichen Lage unter Umständen gar nicht gerecht werden.

Was ist die Vermögenspreisinflation und wie hoch ist sie?

Ein andauernder Preisanstieg bei Vermögenswerten wie Aktien, Anleihen, Gold und Immobilien wird als Vermögenspreisinflation bezeichnet. Laut Flossbach von Storch (FvS) Vermögenspreisindex sind die Preise für das Vermögen, das sich im Besitz privater deutscher Haushalte befindet, zum Ende des dritten Quartals 2021 um 2,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahresquartal angestiegen. Das ist der höchste Preisanstieg seit Beginn der Zeitreihe im Jahr 2005.

Der Index beschreibt die gewichtete Preisentwicklung des Sach- und Finanzvermögens, welches sich im Besitz deutscher Haushalte befindet. Zum Sachvermögen zählen neben Immobilien- und Betriebsvermögen auch langlebige Verbrauchsgüter sowie Sammel- und Spekulationsobjekte.

Warum sind 2 Prozent Inflation sinnvoll?

Egal, ob Konsumgüter oder Sachvermögen: Wenn die Preise steigen, bekommt man weniger für sein Geld. Das klingt erst einmal nicht so toll. Warum also streben Notenbanken wie die Europäische Zentralbank (EZB) dann trotzdem eine Inflationsrate von 2 Prozent an?

Nach Auffassung des EZB-Rats eignet sich der Wert von 2 Prozent am besten, um die Preisstabilität langfristig zu gewährleisten. Die ist wichtig, damit die Kaufkraft des Geldes erhalten bleibt. Denn: Je höher die Inflationsrate, desto dramatischer sind die Folgen. Besonders betroffen sind Empfänger:innen von Renten und Sozialleistungen, da diese Einkommen nur langsam an die neuen Bedingungen angepasst werden. Das führt dazu, dass sich die Menschen von ihrem Geld immer weniger leisten können.

Eine hohe Inflation ist auch nachteilig für Sparer:innen. Ihre Geldanlagen verlieren zusehends an Kaufkraft. Das betrifft auch die Altersvorsorge. Über viele Jahre angespartes Geld reicht dann unter Umständen nicht mehr aus, um den Lebensunterhalt zu sichern.

Aber nicht nur Inflation, sondern auch Deflation schadet der Wirtschaft: Zwar können sich die Menschen bei durchschnittlich sinkenden Preisen mehr kaufen, aber ein allgemeiner Preisrückgang hat auch negative Auswirkungen. Die Unternehmen machen weniger Gewinn und müssen mitunter sogar Beschäftigte entlassen, die sich dann weniger leisten könne. Dadurch nimmt der Druck auf die Preise weiter zu. Viele verschieben ihre Kaufentscheidungen, weil sie hoffen, dass die Preise noch weiter sinken. So entsteht eine gefährliche Abwärtsspirale: Gewinne und Steuereinnahmen schrumpfen, die Belastung durch Schulden und hohe Ausgaben für Sozialleistungen nimmt zu und es wird weniger investiert.

Für die Planung von Unternehmen ist eine generelle Stabilität der Preise wichtig: Nur so können sie Schwankungen erkennen und Produktion und Investitionen entsprechend anpassen.

Wie kann Geldpolitik die Inflation steuern?

Was also können die Notenbanken tun, um die Preise stabil zu halten? Mit ihren geldpolitischen Instrumenten haben die Zentralbanken in erster Linie Einfluss auf die Zinsen. Im Falle einer drohenden Inflation werden deshalb die Leitzinsen erhöht. Dadurch werden weniger Kredite aufgenommen, es kommt weniger Geld in Umlauf und es werden weniger Güter nachgefragt. Die Unternehmen können ihre Preise kaum noch erhöhen. Auf diese Weise kann eine Anhebung der Zinsen die Rückkehr zur Preisstabilität vorantreiben.

Bert Flossbach, Gründer der Vermögensverwaltungsgesellschaft Flossbach von Storch, hält eine Zinserhöhung aktuell jedoch für ein riskantes Unterfangen. „Angesichts der hohen Staatsverschuldung und des vor allem in der Eurozone immer noch zerbrechlichen Aufschwungs sind auf absehbare Zeit allenfalls homöopathische Zinsdosen vertretbar“, schreibt er im Firmenmagazin Position (Ausgabe 04/21).

Steigen die Preise nicht an, sondern drohen zu fallen, versuchen die Zentralbanken die Abwärtsspirale mit Zinssenkungen zu bekämpfen. Dadurch sollen Kredite günstiger werden, wodurch wieder mehr Geld in Umlauf kommt und mehr Güter nachgefragt werden.