Stolls Fondsecke Investment-Grenzgänger zwischen Risiko und Renditechancen

Niedrige Arbeitskosten, günstige demografische Strukturen und riesige Rohstoffvorkommen – das Wachstumspotenzial der Frontier-Märkte ist gewaltig. Nicht zuletzt aufgrund extremer Kursschwankungen zählen Aktien aus den entsprechenden Ländern allerdings noch zu den Nischenprodukten. Wie groß die Risiken für Anleger sind, analysiert unser Gastautor Sven Stoll, der zwei Frontier-Market-Fonds unter die Lupe genommen hat.

03.09.2021 - 15:3003.09.21 - 15:32
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Altstadt von Hoi An, Vietnam
Altstadt von Hoi An, Vietnam: Das südostasiatische Land steht bei Frontier-Market-Anlegern hoch im Kurs © IMAGO / agefotostock

Er gilt als großer Entdecker und Universalgelehrter: Alexander von Humboldt. Seine Forschungsreisen lieferten eine Vielzahl wissenschaftlicher Erkenntnisse und machten ihn weltweit berühmt. Seinen Namen tragen zahlreiche Tierarten und Pflanzen, zwei Gletscher, acht Berge und Gebirge, ein Fluss, zwei Asteroiden, ein Mondkrater, ein Flughafen, unzählige Schulen und seit Januar 2015 auch ein Investmentfonds. Und dieser macht seinem Namensgeber alle Ehre.

Axel Krohne, Fondsmanager bei der kleinen Investmentboutique EM Value AG mit Sitz im schweizerischen Wollerau tummelt sich seit Jahren in ganz besonderen Schwellenmärkten. Er hat nicht die großen Länder im Sinn, sondern investiert am liebsten abseits der Massen in Nischenmärkte, auch als Frontier- oder Grenzmärkte bekannt.

Zu diesen zählt der Indexanbieter MSCI etwa Vietnam, Sri Lanka, Kasachstan oder Nigeria. Die volkswirtschaftlichen Kennzahlen der zugehörigen Länder sind in der Regel stark – die Haushaltsbilanzen ausgeglichen und die Staatsverschuldung oftmals gering. Dazu gesellen sich Argumente, die auch für das Wachstum etablierter Schwellenländer gelten. Die Upside-Märkte profitieren von einer attraktiven Kombination wettbewerbsfähiger Arbeitskosten, einer günstigen demografischen Struktur und riesigen Rohstoffvorkommen – das Wachstumspotenzial ist somit gewaltig.

Robustes Nervenkostüm gefragt

Auf dem Kaufzettel der Profis stehen Aktien aus diesen Ländern jedoch selten. Denn: Wo einerseits enorme Chancen sind, gibt es auch Risiken. Investoren brauchen ein robustes Nervenkostüm, da die Kurse der Anteilsscheine mitunter extrem schwanken können. Hinzu kommt das Währungsrisiko oder politische Instabilität. Außerdem sind die Märkte weniger liquide und entwickelt, sodass sich das vorhandene Potenzial am besten durch aktives Fondsmanagement in Rendite verwandeln lässt.

Fondsmanager Axel Krohne investiert bereits seit 2004 aktiv in die zweite Reihe der Schwellenmärkte und blickt auf einen herausragenden Track-Record zurück. Mit dem amerikanischen Klon des Alexander von Humboldt (AvH) Emerging Markets Fonds UI B (ISIN: DE000A1145G6) erwirtschaftete er eine jährliche Rendite von 10 Prozent. Der Manager sucht für den Fonds in den Mikromärkten nach Unternehmen, die einerseits über starkes Wachstum verfügen, andererseits aber extreme Unterbewertungen aufweisen. Einstellige KGVs sind dabei fast Bedingung.

Langeweile als Investmentkriterium

„Wir stellen Substanz und Bewertung über alles andere. Wir meiden Marktschwergewichte, halten uns von Rohstoffaktien fern und machen einen großen Bogen um Geschäftsmodelle, die keine Stetigkeit mitbringen“, erklärte Krohne im Interview mit Value-Dach. Fündig wird er vor allem bei Einzelhändlern, Banken oder Nahrungsmittelkonzernen. „Ein Unternehmen kann uns kaum langweilig genug sein – denn genau das spricht für hohe Verlässlichkeit und eine sichtbare Unterbewertung“, schreibt der Manager im aktuellen Brief an die Investoren.

Die besten Gelegenheiten findet das Management aktuell in Indonesien, Nigeria, Ägypten oder Georgien. Ein großer Erfolg war etwa der Kauf von PT Digital Mediatama Maxima, eine in Indonesien ansässige Plattform für digitales Handelsmarketing und den Austausch von Werbung in der Cloud. Trotz Covid-19 sprang der Umsatz des Unternehmens im Vergleich zum Vorjahr um 112 Prozent nach oben und der Kurs der Aktie versiebenfachte sich während der nur achtmonatigen Haltedauer im Fonds.

Performancestarkes Schwellenländer-Angebot

Ebenfalls im Fonds vertreten ist der aus Russland stammende Wodkaproduzent Beluga. Krohne, der bereits mehr als 100 Länder bereiste, ist überzeugt, dass der Hersteller das Premiummarken-Segment mit dem neuen Management und seiner Strategie weiter stärken kann.  „Mit einem KGV von 8 und einer Dividendenrendite von 4 Prozent ist die Aktie im Branchenvergleich schon jetzt attraktiv“, sagt Krohne. Der AvH-Fonds gehört im laufenden Jahr mit einem Zuwachs von fast 30 Prozent zu den performancestärksten Angeboten für Schwellenländer.

Von Aktien aus China und Indien hält sich der Manager jedoch fern, wie er immer wieder betont. Der Grund: Es gab in der Vergangenheit schon viele Fälle, in denen Anleger durch geschönte Bilanzen bei China-Aktien betrogen wurden. Oft geblendet durch die allgemeine Goldgräber-Stimmung und angeblich stark steigende Umsätze und Gewinne bei chinesischen Firmen. Wer in den 40 Millionen schweren Fonds investieren möchte, sollte sich beeilen. Bei der gewählten Strategie ist das Management ab einem Fondsvolumen von 100 Millionen Euro (beide Fonds) zum Hard-Closing gezwungen. Ab dieser Summe werden voraussichtlich nur noch bestehende Sparpläne weitergeführt. 

Schlagzeilen können Kurse beeinflussen

Ein Fonds, der ausschließlich in Grenzmärkte investiert, ist der T. Rowe Price Funds - Frontier Markets Equity Fund A (ISIN: LU1079763535). Seit Jahresbeginn ist Johannes Loefstrand für die Aktienauswahl verantwortlich und bündelt rund 60 bis 80 wachstumsstarke Qualitätsunternehmen aus dem Frontier-Universum für den Fonds des amerikanischen Vermögensverwalters. „Mit unserem Research versuchen wir Unternehmen mit einem überdurchschnittlichen, nachhaltigen Ertragswachstum aufzuspüren, das sich in den Bewertungen nicht voll widerspiegelt“, erklärt Loefstrand die Strategie.

Wichtig sind ihm die Treffen mit Firmenleitungen und Branchenexperten vor Ort, um die langfristigen Gewinner ausfindig zu machen. Die besten Chancen sieht der Manager aktuell in Vietnam (34,9 Prozent), Kenia (7,4 Prozent) und Kasachstan (7 Prozent). Der größte Einzelwert ist Mobil World Investment, ein vietnamesischer Händler für Elektronik- und Computerprodukte. Weitere Top-Picks sind der isländische Maschinenbauer Marel oder die kasachische Bank Halyk Savings Bank of Kazakhstan.

Im Vergleich zur Konkurrenz glänzt das Portfolio von Loefstrand mit der niedrigsten Volatilität über ein Jahr. Diese liegt bei lediglich 7,51 Prozent, denn die Kurse kennen seit geraumer Zeit nur eine Richtung: Nach oben. So liegt die Performance des Fonds im laufenden Jahr bei 33 Prozent. Wie weit die Rally noch trägt, ist jedoch ungewiss. Zwar sucht aktuell viel ausländisches Kapital nach Alternativen zu China und Co., jedoch reicht manchmal bereits eine Schlagzeile, um die Kurse einbrechen zu lassen. In Vietnam beispielsweise grassiert aktuell die Delta-Variante des Coronavirus. Das Land konnte die Pandemie zwar bisher gut eindämmen, Anleger sollten das dennoch einkalkulieren.

Chancen und Risiken abwägen

Mein Fazit: Die Grenzmärkte haben enormes Wachstumspotenzial. Investitionen sind aufgrund der instabilen politischen und wirtschaftlichen Systeme aber auch überdurchschnittlich riskant. Ein erfahrenes Fondsmanagement ist in den von Ineffizienz geprägten, langfristig aussichtsreichen Märkten vorteilhaft.

Über den Autor

Sven Stoll beschäftigt sich bereits seit den 1990er-Jahren mit Investmentfonds und betreibt auf Facebook den Blog World of Investmentfonds.

Hinweis: Es handelt sich hierbei um keine Anlageberatung oder Kaufempfehlung. Die Geldanlage am Kapitalmarkt ist mit Risiken verbunden. Aus Wertentwicklungen in der Vergangenheit lässt sich nicht auf künftige Wertentwicklungen schließen.