Stolls Fondsecke Investmentausflug in neue Gefilde

Nach dem Platzen der Blase am Neuen Markt hatten Anfang der 2000er-Jahre viele Deutsche die Nase voll von der Börse. Anders unser Gastautor Sven Stoll: Nach dem Motto „Jetzt erst recht“ startete er durch – und zwar in Richtung Schwellenländer. Auch heute ist er dort noch unterwegs und verrät seine Fondsfavoriten.

23.07.2021, aktualisiert 26.07.2021 - 18:0026.07.21 - 18:00
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Die südvietnamesische Metropole Saigon
Die südvietnamesische Metropole Saigon: Die Republik ist die größte Länderposition im Magna New Frontiers Fund R EUR © IMAGO / Panthermedia

Meine Beziehung zu den Schwellenländern begann im Jahr 2004. Aufgrund der geplatzten Blase am Neuen Markt hatten Privatanleger der Börse zuhauf den Rücken zugekehrt. Mein Interesse jedoch war ungebrochen: Ich verabschiedete mich zwar von meinem Depot, das ich 1996 bei meiner Hausbank eröffnet hatte – eröffnete aber gleich das nächste bei einer der neuen Online-Fondsplattformen. Diese ermöglichten es plötzlich, tausende Investmentfonds von zahlreichen Fondsgesellschaften einfach per Mausklick zu kaufen. Heute selbstverständlich, damals ein echter Quantensprung! Ab jetzt stand mir die ganze Investmentwelt zur freien Verfügung.

Genau zu dieser Zeit priesen die Finanzhäuser Fonds und Zertifikate mit Fokus auf die Schwellenländer an: Ihnen gehöre die Zukunft und die Wirtschaft wachse deutlich stärker als in den Industriestaaten. Finanzkrisen und Schuldenexzesse? Fehlanzeige. Kurz: Emerging Markets müssen ins Depot. Das ließ mich aufhorchen. Da wollte, nein, da musste ich dabei sein!

Während meine Landsleute, sofern sie überhaupt noch in Aktien investierten, am liebsten vor der eigenen Haustür anlegten, machte ich mich auf die Suche nach einem geeigneten Schwellenländeraktienfonds. Den fand ich bei der damaligen Gesellschaft Aberdeen. Mit dem heutigen AS SICAV I - Emer. Markets Equity A Acc USD (ISIN: LU0132412106) begann für mich die volatile Jagd nach Rendite in den aufstrebenden Volkswirtschaften.

Mit einer 20-Jahres-Bilanz von 630 Prozent gehört der Fonds zu den besten Portfolios über die Langstrecke. Der Erfolg zog so viel Kapital an, dass der noch heute von Devan Kaloo betreute Fonds 2013 einem Closing unterzogen wurde.

Der Hype um die BRICs

2006 kam mit dem HSBC BRIC Equity (ISIN: LU0205170342) noch ein zweiter Fonds in mein Depot.

Die Abkürzung BRIC steht für Brasilien, Russland, Indien und China. 2001 sagte der Chef-Ökonom der US-Investmentbank Goldman Sachs, Jim O'Neill, voraus, dass diese Länder bis 2050 eine Alternative zu den sieben wichtigsten Industrienationen (G7) sein werden. Die Investmenthäuser legten daraufhin zahlreiche BRIC-Fonds auf, so wie heute etwa SRI- und ESG-getriebene Portfolios. Die anfängliche Begeisterung, sich auf lediglich vier Länder zu konzentrieren, ist aber abgeflaut und die Theorie weitgehend aussortiert. Goldman Sachs hat beispielsweise ihre BRIC-Fonds aufgegeben und in die Emerging-Markets-Palette integriert.

Wie ich heute investiere: Große Unternehmen, kleine Unternehmen, Frontier-Märkte

Meine Schwellenmarkt-Strategie erstreckt sich auf drei spannende Teilbereiche. Mit dem Baillie Gifford Worldwide Em. Mkts Leading Co. Fd B EUR Acc (ISIN: IE00BW0DJK52) investiere ich in die Leaders, also führende Konzerne aus China, Korea, Brasilien sowie Russland. Unter deutschen Anlegern ist der Name Baillie Gifford praktisch unbekannt. Dabei verbirgt sich dahinter einer der am schnellsten wachsenden und erfolgreichsten Vermögensverwalter Europas. Die Fonds der Gesellschaft aus dem schottischen Edinburgh kann man getrost als überzeugungsgetriebene Wachstumskonzentrate bezeichnen.

Schwellenländer-Experte Will Sutcliffe gewichtet seine fünf größten Positionen mit mehr als 30 Prozent. Insgesamt sind lediglich 43 Aktien im Fonds. Größte Holdings sind die beiden Halbleiterspezialisten TSMC und Samsung Electronics. Die asiatischen Börsenschwergewichte spielen längst in derselben Liga wie die Bluechips aus den USA. Kein neues Apple-Gerät und keine Playstation kommen ohne die Chips der Taiwanesen beziehungsweise Südkoreaner aus. Zwei weitere Top-Werte sind Tencent und Alibaba, die zusammen den Markt für mobiles Bezahlen, insbesondere in China dominieren.

Aus anderen Regionen stammen etwa die russische Sberbank oder Mercadolibre. Die Argentinier sind das größte E-Commerce-Unternehmen im lateinamerikanischen Raum und betreiben ein eigenes Bezahlsystem sowie eine Frachtflugflotte. Zum Börsengang im Jahr 2007 wurden die Anteilsscheine noch für 18 US-Dollar das Stück gehandelt. Heute kosten sie mehr als 1.500 US-Dollar. Der Fonds ist mit einem Wertzuwachs von über 120 Prozent über fünf Jahre nicht nur der beste in seiner Kategorie, sondern mit einer Gesamtkostenquote von 0,82 Prozent auch außerordentlich günstig.

Fokus auf Nebenwerte

Ganz auf Nebenwerte konzentrieren sich dagegen die beiden erfahrenen Investment-Profis Austin Forey und Amith Mehta im JPM Emerging Markets Small Cap C (perf) (acc) - EUR (ISIN: LU0318933057). Forey kam 1994 als Portfoliomanager für globale Schwellenmärkte zu J.P. Morgan Asset Management. Die Manager nutzen die hauseigene Research-Plattform, um qualitativ hochwertige Unternehmen zu identifizieren, die über lange Zeiträume nachhaltiges Gewinnwachstum erzielen.

 

Seit Auflage im November 2007, also kurz vor der Finanzkrise, bringt es der Fonds auf ein Plus von 170 Prozent. Im recht ausgewogenen Portfolio, das sich aus rund 80 Nebenwerten zusammensetzt, dominieren asiatische Konsumgüter mit einem Anteil von fast 40 Prozent. Die Bekleidungskette Eclat Textile aus Taiwan sowie die Getränkehersteller Sichaun Swellfun aus China und Vitasoy aus Honkong sind aktuell die größten Fondspositionen.

Vietnam und andere spannende Märkte

Mein drittes Investment konzentriert sich auf die sogenannten Frontier-Markets. Riskant, klein, undurchsichtig, manchmal arm aber durchaus sexy: So könnte man den Markt beschreiben. Die Grenzmärkte haben eine geringere Marktkapitalisierung und Liquidität als die stärker entwickelten traditionellen Schwellenmärkte. In Asien ist Vietnam ein sehr spannender Markt mit großem Wachstumspotenzial und im Magna New Frontiers Fund R EUR (ISIN: IE00B68FF474) die größte Länderposition ist. Der im Jahr 2011 aufgelegte Fonds investiert in Unternehmen in den Frontier Markets unabhängig davon, ob sie im Index abgebildet werden oder nicht. Entscheidend ist für das Management die geringe Korrelation zu anderen Märkten. Fondsmanager Stefan Böttcher arbeitet nach Stationen bei Flemings und Schroders seit 2001 bei der Investmentboutique. Unterstützung bekommt er von seinem Co-Manager Dominic Bokor-Ingram sowie vom Emerging-Markets-Team der Gesellschaft.

Unter allen Frontier-Markets Fonds besticht Böttchers Portfolio durch seine Performance. Zwar gab es in den vergangenen drei Jahren im Vergleich zu „herkömmlichen“ Schwellenländer-Investments eine Durststrecke. Die wurde jedoch nach dem Corona-Crash aufgeholt. Seit April 2020 hat sich der Fondspreis mehr als verdoppelt. Über zehn Jahre liegt der Fonds mit 160 Prozent im Plus. Der erste Schritt im Investmentprozess besteht darin, Länder auszuschließen, die aus politischen und ökonomischen Gründen nicht investierbar sind. So sehen die Fondsmanager derzeit keine Länder in Sub-Sahara-Afrika mit stabilen und langfristigen Investmentaussichten. Hier fehlt es insbesondere an politischer sowie an Währungsstabilität. Stattdessen sind neben Vietnam Länder wie Kuwait, Pakistan oder Griechenland vertreten. Darüber hinaus investiert das Team in osteuropäische Länder wie Georgien und Rumänien.

Überschneidungen bei den Portfoliounternehmen dürfte es bei den drei Fonds, wenn überhaupt nur wenige geben. In Sachen Wertentwicklung übertrifft meine persönliche Fondsmischung die Benchmark aus 75 Prozent MSCI Emerging Markets IMI und 25 Prozent MSCI Frontier-Markets in den vergangenen fünf Jahren um 30 Prozentpunkte. Mein Fazit: Die großen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Unterschiede der Schwellenländer erschweren die Auswahl der richtigen Aktien. Daher bieten sich Fondslösungen an. Erfahrene Fondsmanager haben die Eigenheiten der Märkte im Blick und reagieren auf sich verändernde Marktbedingungen. So können Aktien aus Schwellenländern als Beimischung in einem gut strukturierten Depot ihr Renditepotenzial entfalten, ohne dass Anleger zu große Risiken eingehen müssen.

Svens Schwellenländerfonds auf einen Blick

Über den Autor: Sven Stoll beschäftigt sich bereits seit den 1990er-Jahren mit Investmentfonds und betreibt auf Facebook den Blog World of Investmentfonds.

Hinweis: Es handelt sich hierbei um keine Anlageberatung oder Kaufempfehlung. Die Geldanlage am Kapitalmarkt ist mit Risiken verbunden. Aus Wertentwicklungen in der Vergangenheit lässt sich nicht auf künftige Wertentwicklungen schließen.