ESG-Studie Keine höheren Renditen, aber geringere Risiken

In einer aktuellen Studie konnten die Experten von Franklin Templeton keinen signifikanten Einfluss der ESG-Bewertung eines Anlageziels auf die Ertragsaussichten feststellen – wohl aber auf die Schwankungsbreite. Dabei spielen für unterschiedliche Branchen verschiedene Kriterien eine Schlüsselrolle.

14.05.2021 - 09:5814.05.21 - 10:12
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Banker in New York
Banker in New York: Aktien von Finanzinstituten, die Wert auf die Förderung ihrer Mitarbeiter legen, weisen geringere Schwankungen auf. Bei Industrieunternehmen spielen hingegen die Emissionen eine wichtigere Rolle © IMAGO / Rainer Unkel

Bei schätzungsweise 30 Billionen US-Dollar an verwalteten Vermögenswerten werden heute in irgendeiner Form ESG-Faktoren berücksichtigt. Das sind rund 34 Prozent mehr als 2016. „Es bleibt jedoch die Frage, ob nachhaltiges Investieren nur einen gefühlten Wert liefert oder tatsächlich das Gesamtrisiko-Rendite-Verhältnis verbessern kann“, sagt Chandra Seethamraju, Co-Head of Systematic Strategies Portfolio Management bei Franklin Templeton Investment Solutions. Das sei vor allem deshalb schwierig zu beantworten, weil eine einheitliche Definition von ESG fehlt.

Fehlende Informationen, besseres Rating?

Die Ursachen für die teilweise unterschiedlichen ESG-Bewertungen verschiedener Rating-Agenturen sind vielfältig. Wie bewertet eine Agentur beispielsweise Faktoren, für die keine Informationen verfügbar sind? „Einige Rating-Agenturen gehen davon aus, dass das Fehlen öffentlicher Informationen impliziert, dass das Unternehmen negative Daten verbirgt und bestrafen daher Unternehmen, die nicht über ausreichende Informationen verfügen“, sagt Seethamraju. „Andere Agenturen gehen davon aus, dass Unternehmen bei fehlenden Informationen im Allgemeinen der Praxis in ihrer Branche folgen und verwenden daher den Branchendurchschnitt.“ Insgesamt neigen ESG-Rating-Systeme dazu, Unternehmen mit mehr Offenlegungen zu belohnen. Es sei daher möglich, dass Unternehmen mit historisch schwachen ESG-Praktiken gleich oder besser abschneiden als ihre Wettbewerber – wenn sie die Daten transparent machen.

Dazu kommt, dass nicht alle ESG-Themen gleich wichtig sind. Beispielsweise sind Unternehmen, die die Gesundheit und Sicherheit ihrer Mitarbeiter schützen, im Allgemeinen einem geringeren Risiko von Rechtsstreitigkeiten und Streiks ausgesetzt. „Wir bestimmen die Wesentlichkeit der wichtigsten ESG-Indikatoren auf Branchenbasis, da Unternehmen innerhalb einer Branche bis zu einem gewissen Grad wahrscheinlich ähnliche Geschäftsmodelle haben“, sagt Seethamraju. So sei zum Beispiel die Entwicklung ihrer Mitarbeiter für Finanzinstitute von entscheidender Bedeutung. „Unsere Untersuchungen zeigen, dass Finanzinstitute, die ihre Belegschaft fördern, im Durchschnitt eine um 4,2 Prozent niedrigere Volatilität aufweisen, während Industrieunternehmen mit einer starken Humankapitalentwicklung im Durchschnitt praktisch keine Verringerung der Volatilität verzeichnen.“ Umgekehrt seien Industrieunternehmen, die sich auf die Reduzierung von Schadstoffemissionen konzentrieren, im Durchschnitt 5,4 Prozent weniger volatil, während Finanzunternehmen mit ähnlichen Maßnahmen nur etwa 1,2 Prozent weniger schwankungsanfällig seien. Ein pauschaler Ansatz für nachhaltiges Investieren würde daher wahrscheinlich zu kurz greifen.

Gemischte Ergebnisse in Bezug auf die Renditen, aber geringere Schwankungen

„Die Ergebnisse unserer Analyse waren in Bezug auf die Renditen gemischt und zeigten in den Schwellenländern einen kleinen, jedoch statistisch nicht signifikanten Anstieg der erwarteten Renditen für Unternehmen, die bei unseren ESG-Ratings besser abschnitten“, fasst Seethamraju zusammen, „aber leicht negative Renditen in allen anderen Universen.“ Er und sein Team konnten jedoch beobachten, dass diese höher bewerteten ESG-Unternehmen eine erhebliche und statistisch signifikante Risikoreduzierung hinsichtlich der Volatilität lieferten. „Unsere aktuelle Forschung kommt zu dem Schluss, dass es noch nicht genügend Beweise gibt, um ESG eindeutig als einen fundamentalen Faktor zu definieren, der auf der Erwartung einer Überrendite basiert“, kommentiert Seethamraju. Allerdings weise ESG positive Risikoeigenschaften und niedrige Korrelationen zu traditionellen fundamentalen Faktoren auf.

Nachhaltigkeit ist mehr als eine Modeerscheinung

Angesichts der Billionen von US-Dollar, die in nachhaltige Praktiken investiert werden, sich verändernder demografischen Trends und einer neuen Revolution bei nicht-finanziellen Daten wird nachhaltiges Investieren den Friedhof der Finanzmoden wahrscheinlich vermeiden. „Unsere Analyse zeigt, dass Unternehmen, die bei ESG-Kennzahlen besser abschneiden, ein geringeres Risiko aufweisen. Da es offensichtlich ist, dass der Markt beginnt, unternehmensspezifische ESG-Risiken einzupreisen, erwarten wir eine weitere Integration von ESG-Überlegungen neben der traditionellen Finanzanalyse“, so Seethamraju.

Wie immer stecke der Teufel jedoch im Detail. „Daher ist es für Investoren, die an nachhaltigen Daten interessiert sind, von entscheidender Bedeutung, sich über die riesige Menge an verfügbaren Informationen, die unterschiedlichen Methoden und nuancierten Prozesse der Rating-Agenturen sowie über die beste Art und Weise der Einbettung dieser Überlegungen in den Anlageprozess zu informieren.“