Keine nachhaltige Inflation in Sicht Unternehmensanleihen holen auf

Anleiheinvestments eignen sich als defensiver Baustein in einem breit diversifizierten Depot, sagt Adam Choragwicki, Leiter Rentenfondsmanagement bei StarCapital. Doch welchen Anleihensegmenten sollten Anleger derzeit Aufmerksamkeit schenken?

27.08.2020, aktualisiert 31.08.2020 - 16:3831.08.20 - 16:38
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Orient Express-Hotel des französischen Accor-Konzerns in Lima, Peru
Orient Express-Hotel des französischen Accor-Konzerns in Lima, Peru: Der Konzern ist ein Beispiel für einen Emittenten, der zu einem „Fallen Angel“ geworden ist, jedoch über eine solide Liquidität, akzeptable Verschuldung und ein gutes Management verfügt© imago images / VWPics

Der August ist tendenziell ein sehr ruhiger Monat mit wenig Bewegungen an den Rentenmärkten. Dies ist auch in diesem Jahr nicht anders. Die zunehmend um sich greifende Sorge, dass eine mögliche zweite Infektionswelle zu einem neuen Lockdown führen könnte, teilen wir nicht. Einen Lockdown wie im März bis April würde die Wirtschaft nicht ein weiteres Mal verkraften. Für unsere Positionierung spielt dieses Szenario eher eine untergeordnete Rolle.

Vielmehr gehen wir weiterhin davon aus, dass sich die Risikoprämien bei Credit-Anleihen ihrem Normalwert nähern. Investment-Grade-Unternehmensanleihen haben sich bereits stark erholt – sowohl in den USA als auch in Europa. Insbesondere die Anleihekaufprogramme der Zentralbanken haben dieses Segment unterstützt. Hochzins- und Schwellenländeranleihen hingegen verfügen über weitere Aufholchancen. Hier befinden sich die Risikoprämien noch weit von ihrem Mittelwert entfernt. Um von diesem Potenzial profitieren zu können, haben wir in den vergangenen Wochen defensive High-Yield-Anleihen aus dem Crossover-Ratingsegment zugekauft, deren Portfolio-Anteil nun deutlich höher ist als zu Beginn des Jahres.

Emerging Markets (EM) Lokalwährungsanleihen haben wir nicht mehr im Portfolio, weil wir in diesem Segment aus Euro-Perspektive langfristig keinen Mehrwert sehen. Die Tendenz zur Deglobalisierung belastet den Investment Case für EM-Währungen nachhaltig. Hinzu kommt, dass viele EM-Zentralbanken mittels Quantitativen Lockerungen (QE) versuchen ihre Nominalzinsen auf neue Tiefs zu drücken. Durch den sinkenden Zinsvorteil nimmt die Attraktivität dieses Rentensegments für einen internationalen Investor stark ab.

Schwellenländer-Konjunkturprogramme können kontraproduktiv sein

Obwohl die Risikoprämien für EM-Hartwährungsanleihen auf Gesamtmarktebene sehr hoch erscheinen, haben wir ausgewählte Emittenten in die Erholung hinein abgebaut. Bei Schwellenländern sehen wir neben den wirtschaftlichen Herausforderungen auch verstärkt innenpolitische Unsicherheiten aufkommen. Das könnte die Kapitalflucht aus einigen Ländern verstärken und die Währungen langfristig belasten.

Auch Konjunkturprogramme in den Schwellenländern können sich kontraproduktiv auswirken. Wenn etwa die türkische Regierung über eine wirtschaftspolitische Maßnahme den Binnenkonsum ankurbelt, führt das dazu, dass der Konsument auch ausländische Produkte kauft. Zum Beispiel: Der Kauf eines VWs bedeutet für einen türkischen Haushalt letztendlich den Tausch der türkischen Lira in Euro. Wenn gleichzeitig jedoch die Nachfrage nach türkischen Produkten oder Service einbricht, führt dies zum Überangebot und somit einer Abwertung der türkischen Lira. Opportunitäten in den Emerging Markets sehen wir vor diesem Hintergrund derzeit nur im Bereich der Hartwährungsanleihen.

In allen Segmenten könnte sich aus antizyklischer Sicht ein Blick auf corona-sensitive Werte lohnen, da diese sich noch nicht so stark erholt haben wie der Durchschnitt. Accor Hotels ist ein Beispiel für einen Emittenten, der zu einem „Fallen Angel“ – Unternehmensanleihen mit Investment-Grade-Status, die aufgrund des Wirtschaftsumfelds auf Hochzinsanleihen-Niveau herabgestuft wurden – geworden ist, jedoch über eine solide Liquidität, akzeptable Verschuldung und ein gutes Management verfügt. Dies bietet ein attraktives Erholungspotenzial.

Unbegründete Inflationssorgen

Ein Thema, das zunehmend gespielt wird, ist Inflation. Viele Marktteilnehmer haben wegen der Geldflut der Notenbanken und der umfangreichen Konjunkturpakete Angst vor steigenden Güterpreisen. Wir glauben nicht an eine nachhaltige Teuerung, da diese historisch von steigenden Rohstoffpreisen und Lohnstückkosten angekündigt wurde. Für unsere Rentenstrategie, unter anderem den StarCapital Argo, ist Inflation daher aktuell kein großes Thema.

Ebenfalls inflationsindexierte Anleihen erscheinen nach der Erholung derzeit wenig aussichtsreich. Die Inflationserwartungen sind zwar gestiegen, doch die Zentralbanken halten über ihre Anleihekaufprogramme die Hand auf den Nominalrenditen. Die im März entstandene Performancedivergenz zwischen inflationsindexierten und nominellen Staatsanleihen ist somit weitgehend aufgeholt.