Klimawandel im Depot„Kennen Sie die CO2-Bilanz Ihres Portfolios?“

Die Datenqualität zur CO2-Bilanz variiert je nach Land und Unternehmen, weiß Sabine Stahl, Leiterin Wholesale-Vertrieb bei J.P. Morgan Asset Management in Frankfurt. Eine Standardisierung sei daher dringend erforderlich – nicht zuletzt, um bei der Kapitalanlage die Spreu vom Weizen zu trennen.

09.07.2021 - 16:00 Uhr09.07.21 16:00
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Sabine Stahl, Leiterin Wholesale-Vertrieb bei J.P. Morgan Asset Management
Sabine Stahl, Leiterin Wholesale-Vertrieb bei J.P. Morgan Asset Management: „Eine Vereinheitlichung der Offenlegung und Berechnung von Treibhausgasemissionen wäre aus Gründen der Vertrauenswürdigkeit und der Vergleichbarkeit der Unternehmen wünschenswert.“© J.P. Morgan Asset Management

derfonds.com: Frau Stahl, inwieweit sind sich Anleger der Risiken des Klimawandels in ihren Investments bewusst?

Sabine Stahl: Ob sie sich dessen bewusst sind, ist eine gute Frage. Mit der wachsenden Bedeutung des Themas Nachhaltigkeit sollten für Anleger die Risiken des Klimawandels in ihren Investments zumindest stärker in den Fokus rücken. Immer mehr Länder rund um den Globus haben sich auf die Fahnen geschrieben, die CO2-Emissionen dramatisch zu reduzieren. Und dies stellt Unternehmen, die große Treibhausgasemittenten sind, vor zahlreiche Herausforderungen – was wiederum Auswirkungen auf die Geldanlage hat. Neben erhöhten Kosten steht in einigen Fällen sogar die Existenz dieser Unternehmen auf dem Spiel.

Betrachten wir einmal den Sektor fossiler Brennstoffe. Wenn Stein- und Braunkohle langfristig nicht mehr zur Stromerzeugung genutzt werden, müssen die Förderunternehmen trotzdem weiterhin für ihre Verbindlichkeiten wie Betriebsrenten, Entschädigungen für Berufskrankheiten und Umweltmaßnahmen aufkommen. In den USA sind deshalb bereits verschiedene Unternehmen aus diesem Sektor in Konkurs gegangen.

Unternehmen berechnen derzeit ihre CO2-Bilanz noch sehr unterschiedlich. Warum wäre eine Vereinheitlichung angebracht?

Stahl: Erfreulich ist, dass immer mehr Unternehmen rund um den Globus heute ihre CO2-Bilanz vorlegen. Aber weil es keine regulatorischen Vorgaben gibt, sind die Messmethoden nicht einheitlich. Zwar wurde bereits Ende der 1990er-Jahre das Treibhausgasprotokoll „GHG Protocol“ eingeführt, um Bilanzierungsstandards für die Messung und Steuerung von Treibhausgasemissionen festzulegen und Unternehmen zu ermutigen, ihre Emissionen in einem Bericht zur Unternehmensverantwortung offenzulegen. Doch zur Messung der CO2-Bilanz einzelner Unternehmen werden bislang nur – jetzt wird es technisch – die CO2-äquivalenten Emissionen als Summe der direkten (Scope-1) und indirekten (Scope-2-Emissionen) erfasst.

Es fehlen die Scope-3-Emissionen, also beispielsweise von Zulieferern, oder solche, die durch die von den Unternehmen produzierten Güter anfallen, was ja beispielsweise in der Automobilindustrie nicht unerheblich ist. Diese Scope-3-Emissionen werden von den Unternehmen derzeit noch sehr unterschiedlich berechnet und offengelegt.

Standardisierung ist also weiterhin dringend notwendig?

Stahl: Eine Vereinheitlichung der Offenlegung und Berechnung wäre aus Gründen der Vertrauenswürdigkeit und der Vergleichbarkeit der Unternehmen wünschenswert – ansonsten ist es für Investoren sinnvoll, ergänzend Research von Drittanbietern oder, wie bei uns im Haus üblich, eigenes Research zu nutzen. Aus Investorensicht wäre es zudem sinnvoll, wenn die Unternehmen für verschiedene Anlageklassen wie beispielsweise Aktien und Unternehmensanleihen einheitliche Methoden anwenden. Zudem sollten sie die CO2-Bilanz mit den Anlagen verknüpfen, damit Anleger die CO2-Intensität der Unternehmen und Branchen in den Portfolios verfolgen können und Vergleiche zwischen Portfolios möglich sind.

Immerhin haben sich verschiedene Methoden etabliert, um den CO2-Fußabdruck von Investmentfonds und Portfolios zu bestimmen. Könnten Sie ganz kurz auf die Ansätze eingehen?

Stahl: Aus den Treibhausgasemissionen der Unternehmen lässt sich der CO2-Fußabdruck eines gesamten Investmentfonds oder Portfolios ableiten. Dafür gibt es vier verschiedene Berechnungsmethoden.

Die einfachste Kennzahl sind die gesamten CO2-Emissionen, die von einem Portfolio erzeugt werden: Wenn ein Fonds zum Beispiel 1 Prozent der Marktkapitalisierung eines Unternehmens besitzt, ist er entsprechend für 1 Prozent seiner gesamten CO2-äquivalenten Emissionen verantwortlich. Die gesamte CO2-Bilanz wird dann berechnet, indem man den Anteil des Fonds an den CO2- äquivalenten Emissionen aller Unternehmen im Fonds addiert. Ein Problem bei diesem Messverfahren besteht allerdings darin, dass sich der CO2-Fußabdruck von Fonds oder Portfolios unterschiedlicher Größe nur schwer vergleichen lässt.

Deshalb hat sich eine zweite Methode zur Messung der CO2-Bilanz eines Fonds oder eines Portfolios etabliert, die auf die relativen CO2-Emissionen abzielt. Dabei werden die gesamten CO2-äquivalenten Emissionen eines Fonds in Relation zum Gesamtvolumen des Portfolios gesetzt und die Emissionen pro investierter Million US-Dollar berechnet. Ein Vorteil dieser Messmethode ist, dass die CO2-Bilanzen von Portfolios unterschiedlicher Größe miteinander verglichen werden können. Ein Nachteil besteht darin, dass der CO2-Fußabdruck bei einer Veränderung der Marktwerte zunehmen oder abnehmen kann, obwohl sich die CO2-Emissionen der Portfoliounternehmen eventuell gar nicht geändert haben.

Die CO2-Intensität ist wiederum eine Methode, um die Emissionen im Verhältnis zur Leistung der Unternehmen eines Fonds oder Portfolios zu messen. Sie betrachtet also die ökologische Effizienz oder Ineffizienz eines Unternehmens im Verhältnis zu seiner Geschäftsleistung. In der Regel dienen die Umsatzerlöse als bester Maßstab für die Unternehmensleistung. Dies erklärt die Tatsache, dass einige Unternehmen mit einer bestimmten Menge an CO2- äquivalenten Emissionen wertvollere Güter und Dienstleistungen produzieren als andere. Die Methode berechnet den Anteil des Fonds an den CO2-Emissionen jedes Unternehmens – anhand des Prozentsatzes des Unternehmenskapitals, das der Fonds besitzt – und dividiert diesen Wert durch den Fondsanteil am Jahresumsatz eines Unternehmens in Millionen US-Dollar. Der CO2-Fußabdruck wird dann für jedes Unternehmen und für den gesamten Fonds als Höhe der CO2-äquivalenten Emissionen in Tonnen pro 1 Million US-Dollar der Umsätze angegeben.

Die CO2-Bilanz eines Portfolios lässt sich nicht zuletzt durch die gewichtete durchschnittliche CO2-Intensität ermitteln. Bei diesem Ansatz richtet sich die CO2-Intensität verschiedener Unternehmen, in die ein Fonds investiert, nicht nach der Höhe der Investition im Verhältnis zur Marktkapitalisierung des Unternehmens, sondern nach der Höhe der Investition im Verhältnis zum Fondsvolumen. Der gesamte CO2-Fußabdruck wird auch hier als CO2-äquivalente Emissionen in Tonnen pro 1 Million US-Dollar der Umsätze angegeben. Diese Methode ist flexibler und kann sowohl für Investitionen in Aktien als auch für Anleihen genutzt werden.