ESG im Mittelstand Klein oder groß: Welche Unternehmen sind wirklich nachhaltiger?

Betrachtet man die Top-Holdings nachhaltiger Fonds und ETFs, findet man hauptsächlich Weltkonzerne. Doch woran liegt das? Sind die großen Player wirklich nachhaltiger und renditestärker als der Mittelständler von nebenan?

14.05.2021, aktualisiert 17.05.2021 - 09:4117.05.21 - 09:41
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Wartung einer Windkraftanlage bei Rostock
Wartung einer Windkraftanlage bei Rostock: KMUs sind in Sachen Nachhaltigkeit oft ganz oben mit dabei. Aufgrund fehlender Nachhaltigkeitsberichte kommen sie für viele ESG-Indizes jedoch nicht in Frage © IMAGO / BildFunkMV

Geht es um die Verringerung von Treibhausgasen und die Verbesserung von Arbeitsbedingungen, stehen häufig die großen Konzerne im Fokus. Auch in der Finanzbranche konzentrieren sich viele Fonds und ETFs im ESG-Bereich auf die Large-Caps, also Unternehmen mit einer Marktkapitalisierung ab 20 Milliarden US-Dollar. Zu den größten Positionen zählen nicht selten Weltkonzerne wie Apple, Microsoft, Unilever oder Siemens.

Kleine und mittelständische Unternehmen, auch KMUs genannt, spielen im Vergleich dazu eine untergeordnete Rolle im Fondsgeschäft. Und das, obwohl viele Privatanleger innovative Mittelständler mit einer guten Idee für die Energiewende vielleicht lieber unterstützen würden als Weltkonzerne wie Nestlé, die oft schon als grün gelten, wenn sie nachhaltiger agieren als der Branchendurchschnitt.

Nachhaltig aufgestellt, aber nicht bewertbar

Doch warum sind besonders in Indexfonds nur so wenig Mittelständler vertreten? Sind ihre großen Pendants am Ende doch nachhaltiger? „Ganz im Gegenteil“, sagt Maximilian Gege, Geschäftsführer der Green Growth Futura GmbH und Mitinitiator des B.A.U.M Fair Future Fonds (ISIN: DE000A2JF709). „Bei einer konsequenten umfassenden Betrachtung und Bewertung der Geschäftsmodelle und Nachhaltigkeitsstrategien sind viele KMUs vorbildlich und glaubwürdig nachhaltig aufgestellt.“

Viele dieser Unternehmen könnten ihre Leistungen jedoch nicht in der Form kommunizieren, wie es die großen Global Player tun. Oft sei auch eine klassische Zertifizierung aufgrund mangelnder Datenbasis oder zu geringer Unternehmensgröße nicht oder nur schwer möglich. „KMUs sind oft in klar nachhaltig orientierten Geschäftsfeldern erfolgreich, leisten dabei durchaus beträchtliche Impacts im Rahmen der 17 SDGs (Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen, Anm. d. Red.), erstellen aber aufgrund ihrer Unternehmensgröße keine speziellen Nachhaltigkeitsberichte. So sind sie von vornherein für viele ESG-Indizes nicht bewertbar“, erläutert Gege. Dadurch fielen viele gute Unternehmen raus. Hinzu komme, dass großvolumige Fonds aufgrund der geringeren Marktkapitalisierung nur begrenzt in KMUs investieren können.

Weniger Greenwashing, mehr Performance

Mit seinen hohen Beschäftigtenzahlen, großen Marktanteilen, Innovationen und als bedeutender Steuerzahler ist der Mittelstand insbesondere in Deutschland eine tragende Säule von Wirtschaft und Gesellschaft. Mit gezielten Investments könnten Investoren gerade in diesem Bereich dazu beitragen, die Wettbewerbsfähigkeit der KMUs zu fördern und ganz nebenbei auch ihre eigene Performance verbessern: „Gerade kleine und mittelständische Unternehmen zeichnen sich oft durch wachstumsstarke, nachhaltige Geschäftsmodelle aus und sind in vielen Fällen besonders sozial-ökologisch ausgerichtet“, erklärt Gege, der als Honorar-Professor an der Universität Lüneburg tätig ist.

„Nicht selten inhabergeführt, agieren sie zudem oft erfolgreich als Hidden Champions und Weltmarktführer in ihrem jeweiligen Marktsegment. Greenwashing und Skandale sind bei solchen KMUs dagegen weit seltener als bei zahlreichen Großunternehmen, die in vielen Fonds enthalten sind. Langfristig betrachtetet erzielen KMUs häufig eine bessere Performance. Durch schlanke, effiziente Entscheidungsstrukturen können sie sich schneller und flexibler an neue Markterfordernisse anpassen.“

Anleger, die in kleine und mittelständische Unternehmen investieren wollen, sollten wie bei jedem anderen Investment klären, über welchen Zeitraum und mit welchem Risiko sie investieren wollen. Darüber hinaus sollten die Entwicklung des Unternehmens, die Akzeptanz der Produkte und Dienstleistungen, die Marktstärke und Abhängigkeiten im Auswahlprozess berücksichtigt werden. Diese Informationen können auch Privatanleger mit etwas Eigenrecherche Online-Medien und Fachpublikationen entnehmen und in ihre Anlageentscheidung einbeziehen.

Glaubwürdige Strategie ohne Skandale

Doch wie erkennt man als Anleger, ob man Unternehmen unterstützt, die auch wirklich nachhaltig sind? „Für den B.A.U.M. Fair Future Fonds haben wir diesbezüglich einen umfassenden Katalog von Ausschluss- und Positivkriterien erarbeitet“, erläutert Gege. Aus seiner Sicht benötigen Unternehmen eine umfassende, glaubwürdige Nachhaltigkeitsstrategie mit klaren Zielsetzungen ohne jegliche Skandale. 

Für den Fonds analysieren und bewerten Gege und sein Team Unternehmen deshalb mit einer umfangreichen Checkliste auf der Basis des Deutschen Nachhaltigkeits-Kodex hinsichtlich ihrer sozial-ökologischen Gesamtsituation und entwickeln zusätzlich ein detailliertes Unternehmensprofil mit Stärken-Schwächen-Matrix und weiteren Analyseergebnissen. Erreicht eine Firma 70 Prozent in allen Bereichen, wird sie in der Auswahl berücksichtigt.

Im nächsten Schritt prüft ein Nachhaltigkeitsbeirat, der unter anderem aus Mitgliedern des Umweltverbandes Nabu oder Greenpeace besteht, ob die Unternehmen in die engere Auswahl kommen. „Die nachhaltigkeitsbezogenen Daten werden von unserem Team im Abstand von ein bis zwei Jahren reevaluiert. Zur kritischen Überprüfung und Vertiefung unserer Analyseergebnisse suchen wir den direkten Kontakt zu den geprüften Unternehmen“, sagt Gege. Die endgültige Entscheidung, ob es ein Unternehmen in den Fonds schafft, liegt dann bei der GLS Bank. Sie entscheidet auch, wie die Unternehmen gewichtet werden.