Korrelationsprognosen immer heikler Der starke Dollar drückt den Öl-Preis! Oder?

Historisch betrachtet zeigt sich ein ziemlich eindeutiger Zusammenhang: Wenn der Dollar steigt, fallen die Öl-Preise, und umgekehrt. Doch das heißt nicht zwangsläufig, dass der Anstieg der US-Währung auch Ursache für den Preisverfall am Öl-Markt ist.

29.10.2015 - 16:0629.10.15 - 16:38
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150 bis 200 Dollar würde ein Fass Roh-Öl schon bald kosten, prognostizierten die Rohstoff-Strategen von Goldman Sachs im Jahr 2008. Tatsächlich kletterte der Preis für das Barrel der Sorte WTI im Juli jenes Jahres kurzfristig auf über 147 Dollar. Als einen Grund für den rasanten Anstieg nannten sie damals den schwachen Dollar: Fast 1,60 Dollar waren in ebenjenem Monat zeitweise für einen Euro zu zahlen.

Dollarkurs spielt Nebenrolle

Heute kostet der Euro noch etwas mehr als 1,10 Dollar, und ein Fass Roh-Öl der Sorte WTI gibt es für gerade rund 50 Dollar. Demnächst werden es nur noch 20 Dollar sein, wenn es nach Goldman-Sachs-Mann Jeffrey Currie geht. Denn anders als in der Vergangenheit, glaubt der Öl-Experte, spiele der Dollarkurs für die Entwicklung auf dem Öl-Markt nur noch eine Nebenrolle.

Dabei gibt es für den Zusammenhang von Dollarkurs, Öl-Preis und anderen Rohstoffen plausible Gründe: Wenn der Dollar schwächelt, sind weniger Euro, Yen oder Pfund notwendig, um eine bestimmte Menge eines Rohstoffs zu erwerben. Das sollte zu einer steigenden Nachfrage und damit auch zu steigenden Preisen führen. Umgekehrt sollte ein starker Dollar, der Rohstoffe in anderen Währungen automatisch verteuert, die Nachfrage dämpfen und die Preise sinken lassen.

Das ist aber nur einer von vielen Aspekten der Korrelation von Dollar und Ölpreis. Mindestens ebenso bedeutend war bis vor wenigen Jahren Currie zufolge die Öl-Nachfrage aus den USA: „2008 haben die USA täglich fast 12 Millionen Barrel Öl und Öl-Produkte netto importiert“, so der Rohstoffexperte. „Dank der Shale-Technologie sind es heute weniger als 5 Millionen. Mit anderen Worten: Die Netto-Importe sind heute über 60 Prozent niedriger als 2008.“

Korrelation Öl und Dollar rund 0 Prozent

Seit den frühen 2000er Jahren hätte die Zunahme der Öl-Importe zu einer Ausweitung des US-amerikanischen Leistungsbilanzdefizits geführt, das wiederum zu Abwertungsdruck für den Dollar geführt habe. Dieser Lesart zufolge müsste sich die Kausalkette für die Korrelation von Dollar und Ölpreis umkehren: Nicht der Dollar-Wechselkurs hat den Öl-Preis beeinflusst; vielmehr hat sich die Nachfrage nach Öl insbesondere aus den USA nicht nur auf den Öl-Preis, sondern eben auch auf den Dollar ausgewirkt.

Mit der sinkenden Nachfrage nach Öl aus dem Ausland beobachtet Currie nun eine Abnahme dieser Abhängigkeiten:

„Mit der Marktnormalisierung, die auf die Finanzkrise folgte, hat sich die Korrelation zwischen Öl und Dollar von einem historischen Hoch bei fast 60 Prozent 2008/2009 auf heute rund 0 Prozent verringert“

Jeffrey Currie, Goldman Sachs

Demzufolge wären die jüngsten Entwicklungen an den Devisen- und Rohstoffmärkten nur zufällig in entgegengesetzte Richtungen verlaufen. Allerdings bleibt abzuwarten, ob die aktuelle Goldman-Sachs-Prognose eine nachhaltigere Gültigkeit entfaltet als diejenige aus dem Rekordpreis-Jahr 2008.