Unternehmensführung Krisen sorgen für Umdenken

Gesundheitsschutz, Spenden, Gehaltsverzicht: Die Corona-Pandemie hat viele Unternehmen vor große Herausforderungen gestellt. Wie die verschiedenen Firmen in der Krise agierten und welche Auswirkungen die Führungsstrategie auf das Gewinnpotenzial hat, haben die Experten des Asset Managers Comgest analysiert.

01.09.2021 - 13:2302.09.21 - 09:15
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Costco-Markt in Los Angeles, Kalifornien
Costco-Markt in Los Angeles, Kalifornien: Die US-amerikanische Großhandelskette Costco gehörte zu den ersten, die die Pflicht zum Tragen eines Mund-Nasen-Schutz während des Einkaufs einführten© IMAGO / ZUMA Wire

Nachhaltigkeit ist unlängst in die Unternehmenspolitik vieler Organisationen eingeflossen und auch Investoren achten immer mehr darauf. Zu diesem Ergebnis kommen die Experten des Asset Managers Comgest. Oft würden jedoch erst Krisen in Unternehmen zum Umdenken führen. Durch die Pandemie und den damit einhergehenden Konjunktureinbruch seien viele Betriebe so auf eine noch nie da gewesene Probe gestellt worden. Es galt nicht nur, die operative Geschäftstätigkeit aufrechtzuerhalten, sondern auch Mitarbeiter, Kunden, Lieferanten und Aktionäre gleichermaßen zu bedienen. Die Art und Weise, wie sich Unternehmen dieser Herausforderung gestellt haben, hat Interessantes über die jeweilige Firmen- und Führungskultur ans Licht gebracht.

„Ich bin davon überzeugt, dass Anleger hierdurch Rückschlüsse auf das ESG-Qualitätsniveau eines Unternehmens ziehen können“, sagt Sébastien Thévoux-Chabuel, ESG-Analyst und Portfoliomanager bei Comgest. „Dieses wiederum hat Auswirkungen auf das Gewinnpotenzial des Unternehmens und seine Zukunftsfähigkeit.“ Die Pandemie habe gezeigt, wie unterschiedlich Unternehmen auf unerwartete ESG-Risiken und -Chancen reagieren würden: Inwieweit sie die Arbeitsplätze und Löhne mit oder ohne staatliche Hilfe gesichert sowie andere Maßnahmen ergriffen haben, um ihre Mitarbeiter vor gesundheitlichen Gefahren zu schützen, habe gezeigt, welche Interessensgruppe sie dabei bevorzugten. Wichtig sei außerdem, inwieweit die Unternehmen Mitarbeiter, Lieferanten und Kunden in Entscheidungen einbezogen haben und ob sie finanzielle Opfer vonseiten der Geschäftsführung oder den Aktionären eingefordert hätten, anstatt die gesamte Belegschaft in Mitleidenschaft zu ziehen.

Mitarbeiterschutz und Loyalität

So hätten etwa der Luxusgüterkonzern LVMH und der Verbrauchsgüterkonzern Unilever sehr ähnlich auf die Pandemie reagiert. Beide Unternehmen seien darauf bedacht gewesen, auf Mitarbeiterkündigungen zu verzichten, keine staatliche Unterstützung in Anspruch zu nehmen und durch Spenden und eigenes Engagement, etwa durch Produktionsumstellungen, einen Beitrag zur Bewältigung der Krise zu leisten.

Ein weiteres Beispiel ist Orpéa, Europas führender Betreiber von Seniorenpflegeheimen. Während der Krise hat die Branche wie kaum eine andere unter Beobachtung gestanden. Orpéa handelte schnell, versorgte seine Mitarbeiter mit Schutzausrüstung und zahlte ihnen eine Sonderzulage. Mit diesen Maßnahmen sicherte das Unternehmen nicht nur das Pflegeniveau, sondern auch die Loyalität der Mitarbeiter.

Gehaltsverzicht und Spenden

Der weltweit zweitgrößte Brauereikonzern Heineken hat seinen Kunden während der Krise unter die Arme gegriffen. In einigen Fällen habe der Konzern Gastwirten Mietzahlungen erlassen und seine Lieferanten weiter bezahlt. Gleichzeitig hätten die Führungskräfte von März bis Dezember 2020 auf 20 Prozent ihres Gehalts verzichtet, während das Unternehmen selbst 23 Millionen Euro zur Unterstützung von medizinischem Personal gespendet habe. Zudem sei der Jahresbonus für die Mitarbeiter um fünf Prozent angehoben worden.

Effiziente Lieferketten haben für den portugiesischen Einzelhandelskonzern Jéronimo Martins einen hohen Stellenwert und erheblichen Anteil an seinem Wettbewerbsvorteil. Auch während der Pandemie habe das Unternehmen den fairen Umgang mit seinen Zulieferern beibehalten, denen es in der Krise Überbrückungskredite angeboten habe. In diesem Kontext sei davon auszugehen, dass dieses Verhalten die Loyalität der Lieferanten weiter verstärken werde.

Sicherheit vor betrieblichem Nutzen

Einigen Unternehmen sei die Unterstützung ihrer Interessensgruppen dabei deutlich leichter gefallen als anderen. Der italienische Automobilhersteller Ferrari habe beispielsweise ein ganzes Maßnahmenbündel ergriffen, um seinen Mitarbeitern trotz zeitweiliger Produktionsunterbrechung unter die Arme zu greifen – was sich der finanzstarke Hersteller von Luxusautos allerdings wohl auch leisten kann.

Andere Unternehmen wie die US-amerikanische Großhandelskette Costco hätten sogar die Sicherheit ihrer Mitarbeiter und Kunden über ihren eigenen betrieblichen Nutzen gestellt. In diesem Zusammenhang habe der Konzern viele Maßnahmen eingeführt, die später von Wettbewerbern kopiert worden seien. Dazu zähle etwa die Notwendigkeit des Tragens von Mund-Nasen-Schutz während des Einkaufs oder exklusive Einkaufszeiten für über 60-Jährige und Mitarbeiter im Gesundheitswesen.

Höhere Gewinne, bessere ESG-Qualität

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass alle Unternehmen im Laufe der Corona-Krise schwierige Entscheidungen im Umgang mit verschiedenen Interessensgruppen treffen mussten. Aus Sicht der Experten von Comgest haben diese Entscheidungen langfristig Einfluss auf die Fähigkeit der Unternehmen, ihre Gewinne nachhaltig zu steigern und ihre ESG-Qualität weiter zu verbessern. Schließlich sagt die Reaktion der Unternehmen einiges darüber aus, wie sehr ihre Geschäftspolitik an den UN-Nachhaltigkeitszielen (SDGs) ausgerichtet sei – ein Maß, an welchem Unternehmen zukünftig immer häufiger gemessen werden dürften.