Leitzins-Erhöhung in Europa und den USA „Wir sind weiter vorsichtig“

Anleger sind verunsichert: Viele glauben, dass die Leitzinsen sowohl in Europa als auch in den USA bald angehoben werden. Was hilft? Fabrizio Quirighetti, Chief Investment Officer und Co-Head of Multi-Asset bei Syz Asset Management, gibt Einblicke in seine Strategie.

15.11.2016 - 10:0015.11.16 - 15:11
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Seit Mitte des Sommers hat sich die Wahrnehmung und Positionierung der Märkte schrittweise von niedrigen, langfristigen Renditen hin zum „Reflationstrade“ entwickelt. Dies wirkt sich auf alle Finanzmärkte aus. Ein Blick auf die seit August erfolgten Sektor-Umschichtungen an den Aktienmärkten lässt erkennen, dass die bevorzugten Anlagen des vorherigen Niedrigzinsumfelds – wie Immobilienaktien oder Aktien, die eine niedrige Volatilität oder hohe Dividenden ausweisen – in den freien Fall übergegangen sind. Die zuvor angeschlagenen Finanz- oder Value-Aktien entwickeln sich dagegen überdurchschnittlich.

Der Ausverkauf von Anleihen hat sich jüngst verstärkt, da Anleger die zukünftige Geldpolitik sowie die Höhe der Laufzeitprämien der verschiedenen Zinskurven anders einschätzen als vor einigen Monaten. Die Neubewertung wurde teils durch kleine Verbesserungen im allgemeinen Konjunkturumfeld unterstützt: So gab es weltweit Überraschungen bei den Margen sowie eine steigende Gesamtinflation aufgrund höherer Energiepreise. Gleichzeitig kamen mehr oder weniger berechtigte Sorgen auf, darunter lauter werdende Gerüchte über eine Lockerung der Fiskalpolitik in den USA, die Monetarisierung von Schulden in Japan sowie das Ausklingen der quantitativen Lockerung in Europa. Die aktuelle politische Unsicherheit wird noch dadurch verschärft, dass Investoren sich vor einer Vergrößerung der Verlustrisiken fürchten.

„Günstige Gelegenheiten vor Jahresende“

Vor diesem Hintergrund behalten wir unsere weltweit vorsichtige Risikoausrichtung bei. Unsere Duration bleibt leicht negativ. Wir gehen davon aus, dass vor Jahresende im gesamten Anlageuniversum noch günstige Eintrittspunkte zu finden sein werden. An den Aktienmärkten sind wir beispielsweise der Ansicht, dass die Herabstufung des Gesundheitssektors im vergangenen Jahr nach den US-Präsidentschaftswahlen ein Ende nehmen könnte. Das Wertsteigerungspotenzial europäischer Aktien könnte sich nach dem Referendum in Italien verbessern, während Anleger nach genaueren Angaben über die künftige Geldpolitik der Europäischen Zentralbank für 2017 Ausschau halten.

Am Anleihemarkt haben wir aufgehört, inflationsgebundene Anleihen gegenüber nominalen Anleihen relativ zu bevorzugen. Die Märkte scheinen sich große Hoffnungen zu machen, sind jedoch etwas zu optimistisch, was die Erwartungen an Wachstum und Inflation angeht: Sie lassen außer Acht, dass eine Normalisierung viel Zeit in Anspruch nimmt. Anders gesagt: Wir erwarten nicht, dass die Renditen zu diesem Zeitpunkt nächstes Jahr viel höher sein werden.