Stolls Fondsecke Masala Chai statt grüner Tee: Ist Indien das bessere China?

Chinas Wirtschaft ist auf dem Weg an die Weltspitze. Doch der Nachbar Indien befindet sich ebenfalls auf der Überholspur. Starkes Wachstum und steigende Aktienkurse machen Hoffnung auf einen schnellen Aufstieg. Unser Gastautor Sven Stoll beleuchtet Chancen und Risiken von Indienfonds.

01.10.2021, aktualisiert 05.10.2021 - 09:3805.10.21 - 09:38
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Teepflückerin im indischen Bundesstaat Assam
Teepflückerin im indischen Bundesstaat Assam: Das Land weist seit Jahren kontinuierliche Wirtschaftswachstumsraten zwischen 5 und 10 Prozent auf © IMAGO / imagebroker

Vor zwanzig Jahren wurde das Akronym BRIC aus der Taufe gehoben. Jim’O Neal, damaliger Chefökonom bei Goldman Sachs Asset Management, prognostizierte, dass die vier Länder Brasilien, Russland, Indien und China im Eiltempo zu den reichen Industrienationen aufschließen würden. Für China trifft das zweifelsohne zu, die Volksrepublik ist auf dem Weg an die Weltspitze und steht im Mittelpunkt des Interesses von Schwellenländer-Investoren.

Die jüngste Regulierungswut der kommunistischen Partei und die Sorgen um den Immobiliengiganten Evergrande verschrecken jedoch viele Anleger. Die chinesische Wirtschaft kühlt sich zusehends ab. Unternehmen, Investoren und Privatanleger suchen deshalb nach Alternativen. Ihre Blicke richten sich etwa auf den Nachbarn im Südwesten. Mit knapp 1,4 Milliarden Menschen ist Indien die größte Demokratie der Welt und wird Prognosen zufolge in den nächsten Jahren China als bevölkerungsreichstes Land der Erde ablösen.

Indien – Land der Kontraste

Der Subkontinent ist nicht nur bekannt für Bollywood-Filme, Gewürztee oder den Ursprung des Holi-Farbenfestes, sondern auch für seine seit der Liberalisierung vor der Jahrtausendwende dynamisch wachsende Wirtschaft. Allerdings ist Indien auch ein Land voller Kontraste und Gegensätze. Boomende Metropolen wie Mumbai (ehemals Bombay) oder New Delhi mit prunkvollen Highways und vornehmen Restaurants auf der einen Seite – Blechhütten, Armut und Hunger auf der anderen Seite. Einem überforderten Gesundheitssystem stehen innovative und international erfolgreich agierende Arzneimittelhersteller wie Dr.Reddy’s Laboratories gegenüber.

Brachliegende Infrastrukturen einerseits, digitale Tech-Nation andererseits. Noch vor wenigen Jahren entwickelte eine kleine Schar indischer IT-Spezialisten in kleinen Bürozellen Programme für westliche Unternehmen. Heute hat sich Indien mit mehr als 5.200 Start-ups zur international gefragten Tech-Nation gewandelt.

Wirtschaft wächst rasant

Indiens Premierminister Narendra Modi ist seit 2014 im Amt, ein Macher-Typ, der zahlreiche Reformen anpackt, vor allem die fortschreitende Liberalisierung der Wirtschaft oder viele neue Infrastrukturprojekte. Die von der Regierung 2019 vorgestellte „National Infrastructure Pipeline“ (NIP) umfasst beispielsweise rund 6.500 Einzelprojekte.

Aber auch insgesamt entwickelt die indische Wirtschaft sich rasant. Im Jahr 2000 lag sie lediglich auf Platz 13 der weltweit größten Volkswirtschaften. Gemessen an der Wirtschaftsleistung (BIP) ist sie heute bereits die fünftgrößte Volkswirtschaft und wächst robust weiter. Das Land weist seit Jahren kontinuierliche Wirtschaftswachstumsraten zwischen 5 und 10 Prozent auf.

Informationstechnologie und Gesundheitswesen

Diese Zuversicht spiegelt sich auch am Aktienmarkt wider. Der indische Aktienindex Nifty 50, der aus Aktien von 50 Unternehmen besteht und 22 Sektoren der indischen Wirtschaft abdeckt, legte auf Jahressicht um rund 56 Prozent zu. Die indische Wirtschaft profitiert vor allem in den Bereichen Informationstechnologie und Gesundheitswesen. Das Land gilt als Apotheke der Welt – rund ein Fünftel aller weltweit eingesetzten Generika werden in Indien hergestellt. Der Markt boomt, allein schon aufgrund der Demografie, die weiteres Wachstum verspricht.

Mit mehr als 228.000 Mitarbeitern und einem Umsatz von 11,9 Milliarden US-Dollar ist Infosys eines der größten IT-Unternehmen in Indien. Der Konzern bietet Lösungen zum Thema IT-Beratung, Cybersicherheit und digitales Marketing. Der Aktienkurs von Infosys ist während der Corona-Pandemie regelrecht explodiert und hat sich seit dem Tiefpunkt im März 2020 verdreifacht.

1.000 Prozent Wertentwicklung

Wer in dem Land investieren will, findet ein breites Angebot an Fonds und ETFs. Über einen Zeitraum von mindestens 20 Jahren stechen indische Aktienfonds mit einer durchschnittlichen Wertentwicklung von mehr als 1.000 Prozent dabei deutlich aus ihrer Vergleichsgruppe hervor.

Ein bekannter Klassiker unter den Indien-Portfolios ist der HSBC Indian Equity (ISIN: LU0164881194). Fondsmanager Sanjiv Duggal investiert bevorzugt in große und liquide Unternehmen. Ausgesucht werden die Werte auf Basis von Top-Down-Analysen, die mit Bottom-Up-Research kombiniert werden. Aktuell hat der Manager Finanztitel hoch gewichtet (30 Prozent). Bekannt wurde der über eine Milliarde US-Dollar schwere Fonds vor allem durch seine hervorragenden Ergebnisse in den Jahren vor der Finanzkrise. Der Fondspreis schnellte von Oktober 2001 bis Jahresende 2007 um 810 Prozent nach oben. In den letzten zehn Jahren entwickelte sich der Fonds jedoch schwächer als der Sektor-Durchschnitt.

Langfristiges Alpha aus Marktineffizienzen

Hierzulande noch völlig unbekannt ist der UTI India Dynamic Equity Fund EUR (ISIN: IE00BDH6RQ67) der beim ältesten indischen Vermögensverwalter UTI Asset Management Company aufgelegt wurde.

Der Fonds wird seit Bestehen (24. Juli 2015) von Ajay Tyagi geleitet, der seine Karriere bereits vor 21 Jahren bei UTI begann. Unterstützt wird er von einem 20-köpfigen Team, das zu den größten Research-Teams für indische Aktien zählt. Im Investitionsprozess wird zunächst das Wachstumspotential infrage kommender Unternehmen analysiert. Dabei interessieren den Manager nicht kurzfristige Trends, sondern Marktineffizienzen, aus denen langfristiges Alpha erzielt werden soll.

„Wir konzentrieren uns gerne auf einige wenige Themen und Ideen, von denen wir jedoch stark überzeugt sind, anstatt unsere Wetten auf viele Sektoren zu verteilen“, erläuterte Tyagi im Interview mit investmentweek.com. Überzeugt ist der Manager derzeit von 54 Unternehmen. Schwerpunkte des 860 Millionen US-Dollar Portfolios sind neben Finanztiteln (26 Prozent) die Branchen Informationstechnologie (16,5 Prozent) und Energie (12 Prozent).

Größte Positionen sind der Finanzdienstleister Bajaj Finance LTD., die HDFC Bank sowie Larsen & Toubro Infotech, ein globales indisches Unternehmen für Informationstechnologie-Lösungen. Weniger bekannte Nebenwerte wie der Einzelhändler Avenue Supermarkts runden das Portfolio ab. Mit einem Plus von 114 Prozent über fünf und 88 Prozent über drei Jahre steht der Fonds an der Performance-Spitze in diesen Zeiträumen. Der maximale Verlust lag bei minus 37 Prozent.

Niedrigste Volatilität

Die Schwankungsbreite eines reinen Indien-Fonds ist grundsätzlich größer als die eines breiter gestreuten Schwellenländerfonds. Deshalb lohnt auch der Blick auf den schwankungsärmsten Fonds für indische Aktien. Hier überzeugt der PineBridge India Equity Fund (ISIN: IE00B0JY6M65) mit der niedrigsten Volatilität der vergangenen fünf Jahre.

Managerin Elizabeth Soon mag vor allem Unternehmen, die über einen „unbestreitbaren Wettbewerbsvorteil“, starke Bilanzen und ein qualitativ hochwertiges Management verfügen. Die größte Fonds-Position Divi Laboratories (Pharmaunternehmen) verteuerte sich im Pandemie-Jahr 2020 um 70 Prozent. Insgesamt bündelt die Managerin 38 Aktien in ihrem 2005 aufgelegtem Fonds.

Wachstum und Armut

Mein Fazit: In Indien zu investieren bietet gute Chancen, das haben die vergangenen Jahre gezeigt. Bevölkerungswachstum, ein steigendes Bruttoinlandsprodukt pro Kopf und dynamische Wachstumszahlen sprechen für das Land. Allerdings sollten Anleger Geduld und Risikobewusstsein an den Tag legen, denn auch Indien hat Probleme. So zählt die Bevölkerung zu den ärmsten der Welt. Daneben bremsen Bürokratie und das weit verbreitete Kasten-System die gesellschaftliche Entwicklung.

Stolls Indienfonds im Überblick

Hinweis: Es handelt sich hierbei um keine Anlageberatung oder Kaufempfehlung. Die Geldanlage am Kapitalmarkt ist mit Risiken verbunden. Aus Wertentwicklungen in der Vergangenheit lässt sich nicht auf künftige Wertentwicklungen schließen.

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