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Daniel Hartmann, Bantleon

Interview mit Bantleon-Chefvolkswirt „Mittel- bis langfristig sollte der Blick Asien und den Schwellenländern gelten“

Die Weltkonjunktur sollte im Sommer Fahrt aufnehmen, wobei Europa das größte Aufholpotenzial hat, so Daniel Hartmann, Chefvolkswirt des Asset Managers Bantleon. Doch das höchste Potenzial für Wachstum und Renditen liegt woanders.

08.04.2021 - 10:00 Uhr | in News

Herr Hartmann, der Dax notiert bei über 15.000 Punkten, auch die anderen großen Indizes rund um die Welt sehen gut aus. Steigen die Aktien noch weiter?

Daniel Hartmann: Ja! Wir gehen davon aus, dass speziell die europäischen Indizes noch Aufwärtspotenzial von mindestens 10 Prozent haben. Wenn die Pandemie im Sommer abebbt, was unser Basisszenario ist, steht der eigentliche Aufschwung der Weltwirtschaft erst noch bevor. Dies wird die Gewinnschätzung der Unternehmen weiter beflügeln und somit den Aktienkursen zusätzlichen Auftrieb verschaffen

Wie schätzen Sie die Bewertung der Märkte ein?

Hartmann: Die Aktienmärkte sind in der Tat hoch bewertet. Dies wird sich in der langen Frist als Belastungsfaktor erweisen. Kurzfristig ist jedoch der Konjunkturzyklus die entscheidende Orientierungsgröße. Mithin spielen im Aufschwung die traditionellen Bewertungskennzahlen nur eine untergeordnete Rolle. Entscheidend sind stattdessen die freundlichen Konjunkturdaten, welche die Gewinnfantasie der Investoren und damit die Aktienkurse beflügeln.

Welche Alternativen zu Aktien sehen Sie?

Hartmann: Aktuell scheinen Aktien tatsächlich unschlagbar. In den vergangenen zehn Jahren konnten Investoren mit Aktien durchschnittlich 10 Prozent Rendite p.a. erzielen – gemessen am MSCI World Total Return Index in USD. Im Vergleich dazu wirken die aktuellen Anleihenrenditen mickrig. In den nächsten Jahren wird aber auch der Gegenwind für Aktien zunehmen. Wir gehen von einer Periode steigender Inflationsraten und Zinsen aus. In einem solchen Umfeld sind bei allen Assetklassen geringere Erträge zu erwarten. Die aktive Bewirtschaftung von Anleihen, Aktien und Rohstoffen wird dann noch wichtiger. Bei den Dividendentiteln muss mehr denn je auf Qualitätsaktien gesetzt werden. Bei Anleihen rücken inflationsgeschützte Bonds in den Fokus.

Welche Regionen und Sektoren sollten Anleger jetzt besonders in den Blick nehmen?

Hartmann: Regional sehen wir kurzfristig in Europa das größte Aufholpotenzial. Die Aktienmarktbewertung ist hier immer noch moderat. Mittel- bis langfristig sollte der Blick Asien und den Schwellenländern gelten. Die aufstrebenden Volkswirtschaften besitzen ein höheres Wachstumspotenzial – und damit ein höheres Renditepotenzial – als die entwickelten Volkswirtschaften. Sektoral kommt man kurzfristig an zyklischen Branchen wie Banken und Industrie sowie den Corona-Verlierern, darunter Luftfahrt, Tourismus und Freizeit, nicht vorbei. Mittelfristig müssen sich Unternehmen in einem Umfeld mit steigendem Kostendruck behaupten. Hier sehen wir Value gegenüber Growth im Vorteil. Einer unserer Favoriten bleiben Infrastruktur-Aktien.

Letzte Frage: Worauf müssen sich Anleger angesichts von mehr oder weniger starken Tendenzen zur Deglobalisierung einstellen?

Hartmann: Die Deglobalisierung ist einer von vielen strukturellen Trends, die in den nächsten Jahren den Boden für steigende Inflationsraten bereiten. Die komplexen globalen Lieferketten haben sich in den vergangenen Jahren als zu störanfällig erwiesen. Die Unternehmen setzen daher zunehmend auf regionale Produktion und eine höhere Lagerhaltung, was jedoch zwangsläufig den Produktionsprozess verteuert. Auch mit Blick auf diese Herausforderung sind Unternehmen mit hohen Gewinnmargen und einer starken Preissetzungsmacht im Vorteil. Die Deglobalisierung wird überdies den Trend beschleunigen, die Produktion noch stärker in die Nähe der Kunden zu verlagern. Dies spielt ebenfalls Asien in die Hände, wo das Nachfragepotenzial am größten ist.