Moral und Rendite Diese Tücken lauern beim nachhaltigen Investieren

Nachhaltige Geldanlage ist en vogue. Immer mehr Staaten und Unternehmen begeben grüne Anleihen – zuletzt Deutschland. Wie können Privatanleger diesen Trend für sich nutzen?

07.09.2020, aktualisiert 21.10.2020 - 16:2521.10.20 - 16:25
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Demonstranten blockieren die Schienen zum Kraftwerk Neurath in Nordrhein-Westfalen
Demonstranten blockieren die Schienen zum Kraftwerk Neurath in Nordrhein-Westfalen: Der Kohleausstieg wird schon lange gefordert, doch einige grüne ETFs investieren dennoch in Kraftwerksbetreiber © imago images / Christian Mang

Während der jüngsten Verwerfungen am Markt konnten nachhaltige Geldanlage-Produkte überzeugen. Das zeigt etwa eine Untersuchung des Analysehauses Morningstar. Grüne Fonds schlugen ihre herkömmlichen Pendants demnach im ersten Quartal des Jahres im Schnitt um durchschnittlich zwischen 0,09 und 1,83 Prozentpunkte. Wie lassen sich mit gutem Gewissen hohe Renditen erzielen? Das fragen sich viele Anleger.

Grüne Geldanlage mit ETFs

Eine Möglichkeit, nachhaltig Geld anzulegen, ist der Kauf sogenannter grüner Anleihen (engl.: Green Bonds). Gerade erst hat etwa der Google-Mutterkonzern Alphabet solche Papiere in Höhe von 5,75 Milliarden US-Dollar ausgegeben. Im September will auch Volkswagen seine erste grüne Anleihe auf den Markt bringen. Allerdings halten sich deutsche Unternehmen generell bisher zurück, dabei ist die Nachfrage enorm.

Für Privatanleger gibt es einen einfachen Weg, Geld in nachhaltige Anleihen oder Aktien anzulegen: Sie können Exchange Traded Funds (ETFs) kaufen. Dabei können sie nicht nur eine bestimmte Region anpeilen, sondern auch zahlreiche Schwerpunkte setzen. Dabei wächst die Zahl der nachhaltigen Produkte. Aufgrund dieser Vielfalt bieten ETFs einen für Börsenneulinge unkomplizierten Zugang zum Kapitalmarkt.

Noch fehlen bei nachhaltigen Indexfonds Standards

Doch der Hype um nachhaltige ETFs wird teilweise von fehlenden einheitlichen Kriterien überschattet. Einige Unternehmen nutzen diese Tatsache für sich aus. Immer wieder kommen Titel auf den Markt, die vorgeben nachhaltig zu sein, es aber nicht sind – sogenanntes Greenwashing.

Aufgrund der fehlenden Standards ist es noch immer schwierig, nachhaltige Produkte zu bewerten. Zwar wollen ESG-Rating-Agenturen für bessere Übersicht sorgen, doch es gibt unterschiedliche Ansätze, die herangezogen werden – was wiederum eine Vergleichbarkeit erschwert. Ein Grundproblem ist auch der nicht einheitlich verwendete Begriff der Nachhaltigkeit. Ihn einmal festzulegen, wäre somit zumindest ein Anfang, um das Problem zu lösen.

Doch es gibt auch einen Lichtblick: Viele nachhaltige Anlageprodukte haben einen gemeinsamen Nenner. Unternehmen, die Geld mit Kohle, Zigaretten, Atomkraft, Alkohol, Tabak, Glücksspiel und geächteten Waffen verdienen, sind meistens ausgeschlossen.

Worauf Anleger achten sollten

Es gibt verschiedene Ansätze, ein ETF-Portfolio aufzubauen. Eine der bekannteren Methoden, nachhaltig wirtschaftende Unternehmen zu filtern, ist der sogenannte Best-in-Class-Ansatz. Das Konzept: In jeder Branche werden Unternehmen herausgefischt, die im Hinblick auf nachhaltiges Wirtschaften die sogenannten ESG-Kriterien am besten umsetzen.

Einer der Vorteile des Best-in-Class-Ansatzes ist, dass unter den Unternehmen ein Wettbewerb entsteht, um in den wichtigsten Nachhaltigkeitsindizes gelistet zu werden. Dabei müssen nicht immer die namhaften Unternehmen die Gewinner sein, sondern es können sich auch kleine Firmen durchsetzen.

Doch Ausschlusskriterien für bestimmte Branchen gibt es bei diesem Ansatz nicht. Ein Blick in so ein Best-in-Class-Depot kann befremdlich wirken. So kann es vorkommen, dass Unternehmen aus Branchen wie Atomstrom, Automobil, Ölförderung, Chemie und eventuell sogar Waffen in einem bestimmten Prozentsatz in dem Anlageprodukt eingebunden sind. So kann es passieren, dass nachhaltig ausgewiesene Anlageprodukte lediglich grün schimmern – wenn überhaupt.

Allerdings werden die Filter der Fondsgesellschaften ausgereifter. Viele Vermögensverwalter nutzen zudem die Möglichkeit, als Aktionäre Druck auf Unternehmen auszuüben, um sie zu nachhaltigerem Wirtschaften zu bewegen. Für Anleger ist es nicht immer einfach, diese Produkte zu finden: Wer aber genau hinschaut, der stößt auf das passende Produkt.

Unbedingt Infos zu ETFs einholen

Für verantwortungsvolle Anleger sind grüne ETFs, die ausschließlich nach dem Best-in-Class-Ansatz investieren, eher ungeeignet. Sie sollten sich unbedingt Informationen zum Produkt einholen, um zu erkennen, in welche Branchen der ETF investiert und ob es Ausschlusskriterien gibt. Ist der Fonds wirklich nachhaltig orientiert oder lediglich eine Kopie eines Best-in-Class-Ansatzes? Gerade die Wertschöpfungskette internationaler Unternehmen sollte näher beleuchtet werden. Denn hier nehmen es viele Konzerne mit der Verantwortung noch nicht allzu genau. Es gilt also: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.