Globale Herausforderungen „Nachhaltigkeit ist das einzige Auswahlkriterium“

Die Privatanleger-Tranche des WI Global Challenges Index-Fonds aus dem Hause Warburg Invest ist zuletzt massiv gewachsen. Worauf es bei der Index-Zusammensetzung ankommt, welche Unterschiede es beim Thema Nachhaltigkeit gibt und warum Anleger bei der Produktauswahl weiterhin wachsam sein sollten, erklärt Fondsmanager Jens Pludra.

02.08.2021, aktualisiert 09.08.2021 - 16:1309.08.21 - 16:13
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Jens Pludra
Jens Pludra: „Anleger sollten weiterhin genau prüfen, wie Nachhaltigkeit im jeweiligen Anlageprodukt genau definiert wird und zu welchen Unternehmen die Investitionsströme fließen“ © Warburg Invest

derfonds.com: Herr Pludra, dem WI Global Challenges Index-Fonds liegt ein aktiver Indexansatz zugrunde. Was müssen wir uns darunter vorstellen?

Jens Pludra: Das Indexkonzept des Global Challenges Index (GCX) der Börse Hannover unterscheidet sich sehr von klassischen Indexkonzepten, bei denen in der Regel Unternehmen aufgrund ihrer geografischen oder branchenspezifischen Zuordnung für den Index ausgewählt werden.
Der GCX basiert auf einem aktiven Selektionsprozess, welcher auf rein nachhaltigen Kriterien beruht.

Unser WI Global Challenges Index-Fonds bildet den GCX möglichst genau nach. Hierbei hat das Fondsmanagement der Warburg Invest AG die Möglichkeit, im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben bei der Einzeltitelgewichtung vom Index abzuweichen. Diesen Spielraum nutzen wir um Transaktionskosten zu minimieren. Die Prüfung und Auswahl der nachhaltigen Titel erfolgt jedoch ausschließlich durch die Börse Hannover und die Nachhaltigkeitsagentur ISS ESG.

Können Sie die Aufnahmekriterien und die Zusammensetzung des Global Challenges Index (GCX) kurz beschreiben?

Pludra: Der Global Challenges Index (GCX) besteht aus Aktien von 50 Unternehmen aus Europa und den G7-Staaten, die mit ihren Produkten oder Dienstleistungen einen substanziellen Beitrag zum Umgang mit den globalen Herausforderungen leisten. Konkret geht es dabei um die von der UN und der EU zum Thema Nachhaltigkeit definierten Handlungsfelder Armut, Klimawandel, Trinkwasser, Wälder, Artenvielfalt, Bevölkerungsentwicklung und Governance-Strukturen. Zudem wird der Einfluss auf die 17 UN Sustainable Development Goals (SDGs, Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nation, Anm. d. Red.) im Auswahlprozess geprüft.

Wie wird dabei konkret vorgegangen?

Pludra: Im ersten Schritt werden Aktien aus dem rund 6.000 Unternehmen umfassenden Universum danach selektiert, ob die Emittenten den von ISS ESG definierten strengen Prime Status erfüllen. Prime Status erhalten Unternehmen, die ökologische, soziale und unternehmensführungsbezogene Kriterien (ESG-Kriterien) erfüllen. Unternehmen, die aus kontroversen Branchen wie der Glücksspiel-, Waffen- oder Tabakbranche stammen, werden im Vorhinein von der Anlage ausgeschlossen. Übrig bleiben dann ungefähr 500 Unternehmen, die in der zweiten Stufe danach selektiert werden, ob deren Produkte beziehungsweise Dienstleistungen einen aktiven und substanziellen Beitrag zu den bereits dargelegten Handlungsfeldern leisten. Außerdem müssen die Unternehmen eine Mindestkapitalisierung von 100 Millionen Euro aufweisen. Übrig bleiben 50 Werte, die die höchsten Ansprüche an Nachhaltigkeit erfüllen. Der Börse Hannover und ISS ESG steht darüber hinaus noch ein unabhängiger Expertenbeirat zur Seite, der Empfehlungen zur Konzeption und Zusammensetzung des GCX abgibt. Zweimal im Jahr wird überprüft, inwieweit die Zusammensetzung noch den Vorgaben entspricht. Dabei können Änderungen vorgenommen werden.

Der Fonds ging bereits 2007 an den Start. Wie hat sich das Verhältnis der Anleger zum Thema Nachhaltigkeit seither entwickelt?

Pludra: Wir haben uns sehr früh dem Thema Nachhaltigkeit angenommen. Damals waren wir noch Exoten. Doch mit der Zeit stieg das Interesse an unseren nachhaltigen Finanzprodukten sowohl von institutioneller als auch privater Seite. Diese haben in den vergangenen Jahren auch maßgeblich zu den Zuflüssen in unsere Fonds beigetragen. Beim WI Global Challenges Index-Fonds hat vor allem die Privatanleger-Tranche (ISIN: DE000A1T7561) massiv an Zuflüssen gewonnen. Diese wurde zwar erst 2014 aufgelegt, hat in den vergangenen drei Jahren jedoch ein Wachstum des Anlagevolumens um 1.728 Prozent verzeichnet (Stand 28. Juni 2021). Das Thema Nachhaltigkeit ist also durchaus auch im Fokus der Privatanleger. Offensichtlich schätzen die Anleger an unserem Fonds die Kombination aus kostengünstiger Struktur, hoher Transparenz, überdurchschnittlicher Performance und langem Track Record.

In welchen Branchen sehen Sie für nachhaltig orientierte Anleger das größte Wachstums- und Renditepotenzial?

Pludra: Genau hier unterscheiden sich der Index und unser WI Global Challenges Index-Fonds wieder von klassischen Ansätzen. Das Thema Nachhaltigkeit ist das einzige Entscheidungskriterium für die Auswahl der Indexmitglieder. Es soll ein echter Nachhaltigkeitsfonds angeboten werden.

Dass dieses Konzept für die Anleger auch ein rentables Ergebnis erzielt, haben die vergangenen Jahre seit Fondsauflage bestätigt. Nachhaltigkeit und eine gute Rendite schließen sich, zumindest beim GCX, nicht aus.

Der Markt für nachhaltige Geldanlagen wird immer stärker reguliert – Stichworte EU-Offenlegungsverordnung und -Taxonomie. Wie beurteilen Sie das und wo sehen Sie noch Handlungsbedarf?

Pludra: Es ist begrüßenswert, dass in der Finanzbranche strenger kontrolliert und festgelegt wird, welche Eigenschaften bei Finanzprodukten als wirklich nachhaltig gelten. Dadurch kann dem Greenwashing durch Unternehmen entgegengewirkt und die Transparenz für Anleger erhöht werden. Jedoch stehen solche Regulierungen wie die EU-Taxonomie-Verordnung auch unter dem Einfluss verschiedener Interessengruppen. So wird gerade beispielsweise in der EU-Kommission darum gerungen, ob Atomkraft als nachhaltige Energie eingestuft werden soll und damit als nachhaltiges Investment gilt. Das zeigt sehr plastisch: Was für Frankreich nachhaltig ist, muss noch lange nicht in Deutschland als nachhaltig gelten. Insofern sollten Anleger also weiterhin genau prüfen, wie Nachhaltigkeit im jeweiligen Anlageprodukt genau definiert wird und zu welchen Unternehmen die Investitionsströme fließen. Die Taxonomie-Verordnung auf EU-Ebene wird nicht alle Aspekte der Nachhaltigkeit darstellen können, die deutsche Anleger gegebenenfalls erwarten.