Sie besuchen der fonds mit einem veralteten Internet Explorer. Darstellung und Nutzungserlebnis sind deshalb nicht optimal.
Aktuelle Version kostenlos herunterladen »
Händler an der New Yorker Börse

Diversifikation des Portfolios Raus aus der Komplexitätsfalle

Viele Portfolios bestehen aus einer unüberschaubaren Anzahl von Positionen. Dabei sollten Anleger lieber auf Qualität statt auf Quantität setzen, erklärt Georg von Wallwitz, Geschäftsführer bei Eyb & Wallwitz Vermögensmanagement, und erläutert, wie viele Papiere für ein gut diversifiziertes Depot nötig sind.

17.05.2021 - 14:40 Uhr | in News

„Derzeit sind die Märkte ausgesprochen anfällig für größere Verwerfungen“, erklärt Georg von Wallwitz, Geschäftsführer bei Eyb & Wallwitz Vermögensmanagement. „Das liegt daran, dass die allem zu Grunde liegende Größe, der Zinssatz für Staatsanleihen, in Bewegung gekommen ist.“ Da alle Vermögenswerte auf Basis des risikolosen Ertrags bewertet werden, den Anleger mit dem Kauf von 10-jährigen Bundesanleihen oder US-Treasuries erhalten würden, ist deren Kursbewegung von hoher Bedeutung.

Die Zinsen hängen wiederum stark von den Inflationserwartungen ab. Die sind heute wackeliger denn je. „Eigentlich hatten sich alle daran gewöhnt, dass Inflation kein Thema mehr ist", erklärt von Wallwitz. „Doch plötzlich werden für viele Rohstoffe Höchstpreise gezahlt.“ Die corona-belasteten Lieferketten führen zu Produktionsengpässen, was ebenfalls die Preisentwicklung anheizt. Gleichzeitig stellen viele Menschen in Europa und den USA fest, dass sie in den vergangenen eineinhalb Jahren viel Geld gehortet haben, das nun nutzlos auf ihren Konten herumliegt.

Viel Erspartes trifft auf geringes Angebot

„Viel Geld trifft also auf ein geringeres Angebot. Wenn in solch einer Situation die Preise erst einmal ins Steigen kommen, entsteht oft eine Eigendynamik, an deren Ende das Gespenst der Inflation auftaucht“, erläutert von Wallwitz. Dann wird plötzlich alles kostspieliger und das Ersparte auf dem Konto immer nutzloser, sodass es möglichst schnell ausgegeben wird und dadurch die Preise noch weiter steigen – so kommt eine Spirale in Gang.

Andererseits geht es der Konjunktur so gut wie lange nicht. „Für die USA erwarten wir im laufenden Jahr ein Wachstum von 6,2 Prozent und 4 Prozent für das kommende Jahr“, sagt von Wallwitz. Die Wirtschaftsleistung im Euroraum wächst wahrscheinlich in diesem und im kommenden Jahr um jeweils 4,1 Prozent. Die für die EU sehr wichtige Automobilbranche kommt jedoch kaum mit der Produktion hinterher. „Und wenn erst der Tourismus wieder erlaubt ist, wird der ganze Kontinent einen Boom erleben, mit unerträglich vollen Stränden. Das ist gut für die Unternehmen.“

So können Anleger ihr Depot absichern

Die Aktienmärkte schwanken deshalb zwischen der Furcht vor höheren Zinsen und der Erwartung eines Booms. Die Kursausschläge sind in beide Richtungen hoch. An den Anleihemärkten ist es zwar ruhig. Viele Marktteilnehmer sind sich aber sicher: Die Ruhe ist trügerisch.

„In der aktuellen Situation gibt es zwei sinnvolle Strategien, um das Portfolio widerstandsfähiger zu machen. Entweder sichern Investoren es gegen steigende Zinsen ab oder sie verkaufen Positionen, die ohnehin kaum zur Diversifikation des Portfolios beitragen und deren Aussichten sich in Zeiten steigender Zinsen eintrüben“, erklärt von Wallwitz. „Erfahrungsgemäß ist es besser, in unruhige Zeiten mit einem Portfolio von Kernpositionen zu gehen anstatt mit einer größeren Anzahl von Positionen, die in der Praxis nicht einfach abzusichern sind. Wozu zwei Instrumente halten, etwa eine Aktie und eine Absicherung, wenn auch eine Maßnahme, nämlich die Absicherung, denselben Effekt hat?“

Diversifikation des Portfolios

Zuspruch für das Ausdünnen des Portfolios gibt es von einer Reihe prominenter Denker, nicht nur aus der Finanzbranche. Der Heilige Thomas von Aquin formulierte etwa: „Wenn eine Sache adäquat erledigt werden kann mit einem Mittel, ist es überflüssig, sie mit mehreren zu tun. Denn wir beobachten, dass die Natur nicht zwei Instrumente verwendet, wo eines ausreicht.“

Deshalb ist es bemerkenswert, dass der Mensch in der Theorie die Einfachheit zu schätzen weiß, sie in der Praxis aber oft vergisst. Achtet man darauf, so lässt sich überall die Tendenz finden, Probleme durch Hinzufügungen zu lösen. „Wer hat beispielsweise je davon gehört, dass ein Gesetzgeber oder eine andere Institution ein Problem durch die Streichung von Gesetzen oder Verordnungen gelöst hätte? Ab einem gewissen Grad ist die Steigerung von Komplexität allerdings kontraproduktiv. Wir sprechen dann von einer Komplexitätsfalle“, sagt von Wallwitz.

Überschaubares Depot

„Diese Gefahr lauert auch im Portfoliomanagement: Das überkomplexe Portfolio als solches zeichnet sich durch eine unüberschaubare Vielzahl von Positionen aus“, verdeutlicht der Geschäftsführer. Wie viele Aktien sind also für ein gut diversifiziertes, aber dennoch überschaubares Portfolio nötig? Der akademische Konsens liegt zwischen 30 und 40 Aktien, die zu einer Verringerung von 90 Prozent des diversifizierbaren Risikos in einem Aktienportfolio führen können. Der durchschnittliche Aktienfonds in den USA hält mehr als 150 Aktien – wahrscheinlich vom marktbreiten S&P 500 inspiriert.

Doch warum haben Portfolios die Tendenz, auszufransen, wenn das Risiko dadurch nicht verringert wird? Der Dow Jones Industrials Index hat beispielsweise keine höhere Volatilität als der S&P 500, obwohl er lediglich 30 Aktien umfasst. „Vermutlich kommt die Tendenz daher, dass bei der Modellierung von Portfolios die Modelle mit der höchsten Passgenauigkeit gewählt werden, die aber oft auch die komplexesten sind und mit dem Problem der Überanpassung zu kämpfen haben.“

Die entscheidende Frage ist also, ob der (temporäre) Inflationsschub und die stark ausgeweiteten fiskalischen Maßnahmen dazu führen, dass wir das Zeitalter der Stagnation hinter uns lassen. Werden durch die Investitionen der Regierungen in einen „Green New Deal“ die Unternehmen dazu angeregt, selbst Geld in die Hand zu nehmen, um die sich nun bietenden Gelegenheiten zu ergreifen?

„Es mag sein, dass die Kombination aus Klima- und Corona-Krise das System derart durchschüttelt, dass wir in ein deutlich höheres Wachstumsregime kommen“, meint von Wallwitz. „Es könnte sein, dass wirtschaftlich sehr gute Zeiten bevorstehen - und, dass ein gewisser inflationärer Druck eine notwendige Bedingung ist auf dem Weg dorthin. Die Zeiten legen es also nahe, die Kernpositionen zu stärken, die eine höhere Inflationsrate aushalten und dennoch von einem möglichen Boom profitieren.“