Schwellenland Brasilien Vom Superstar zum Sorgenkind – und zurück?

Politisches Chaos und die Wirtschaft im freien Fall: Es gibt gute Gründe dafür, Südamerikas größtes Land neben Russland aus dem einstigen Starquartett der Bric-Staaten zu streichen. Etliche Investoren sehen das derzeit aber anders

29.04.2016, aktualisiert 04.05.2016 - 17:1204.05.16 - 17:12
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Brasilien boomt. Zu diesem Ergebnis muss zumindest jeder kommen, der politische Nachrichten und volkswirtschaftliche Daten ausblendet und ausschließlich die Finanzmärkte im Blick hat. Denn die Entwicklung von nationalen Aktien und Anleihen, aber auch die der Währung erinnern an den Glanz vergangener Tage: So hat der Real seit Jahresanfang um gut 10 Prozent gegenüber dem US-Dollar aufgewertet; seit dem Tief am 21. Januar sind es sogar mehr als 16 Prozent.

Der brasilianische Aktienmarkt zählt ebenfalls zu den absoluten Top-Performern: Um enorme 23 Prozent legte er seit Jahresanfang zu – in Zeiten, in denen anderswo volatile Seitwärtsbewegungen dominieren. Und schließlich erleben auch brasilianische Dollar-Anleihen derzeit trotz Herabstufung auf Junk-Niveau durch alle drei Rating-Agenturen einen Höhenflug.

Multinationale Konzerne sehen keine positive Entwicklung

Damit ist Brasilien im laufenden Jahr über Assetklassen hinweg unter den stärksten Märkten weltweit. Sicher, das Land ist für seine Schwankungen bekannt und zählte 2015 zu den Schwächsten unter den Schwellenländern. Die aktuelle Erholung ist dennoch nicht als rein technische Gegenbewegung erklärbar; sie spiegelt darüber hinaus eine gehörige Portion Optimismus wider. Nur: warum?

„Wir sehen wirklich keinerlei positive Entwicklung in Brasilien, unser Geschäft hat im Grunde genommen Schiffbruch erlitten“, erklärte gerade erst Bradley Halverson, Finanzvorstand bei Caterpillar. Für eine lange Zeit sei Brasilien ein sehr wichtiger Markt für den Maschinenbauer gewesen, der insbesondere Minenunternehmen mit schwerem und schwerstem Gerät versorgt. „So wie wir es sehen, befinden wir uns unterhalb des Bodens, und es wird nicht besser.“ Minen meint der Caterpillar-Mann damit nicht.

Ähnlich pessimistische Beurteilungen waren bereits zuvor von PepsiCo und Coca-Cola zu hören, die Brasilien als das Schwellenland identifizierten, dessen Zukunft besondere Sorgen bereite.

Ein Blick auf die volkswirtschaftlichen Daten bestätigt die Sichtweise der multinationalen Konzerne: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) Brasiliens fiel 2015 um 3,8 Prozent, so viel wie in den vergangenen 25 Jahren nicht. Schätzungen zufolge soll es im laufenden Jahr um weitere 2,8 Prozent bergab gehen. Gleichzeitig verharren Inflation und Arbeitslosenquote in lichten Höhen, die Staatsverschuldung nimmt für ein Schwellenland bedrohliche Formen an, und die Industrie schrumpft im Rekordtempo.