Fondsmanager im Interview „Soziales ist der nächste Megatrend im Bereich der nachhaltigen Investitionen“

Die soziale Komponente fristet im Bereich nachhaltiger Investments ein Schattendasein. Noch, sagt Amit Mehta, Fondsmanager bei J.P. Morgan Asset Management. Warum diese Faktoren aus seiner Sicht künftig eine deutliche größere Rolle spielen werden und was Anleger:innen davon haben, erläutert er im Interview.

21.12.2021 - 15:0021.12.21 - 12:47
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Amit Mehta
Amit Mehta: „Wir erwarten, dass Unternehmen, die sich auf den sozialen Fortschritt konzentrieren, immer öfter einen Bewertungsaufschlag erhalten werden.“ © J.P. Morgan AM

der fonds: Herr Mehta, anders als Umweltaspekte (E für Environment) und die Unternehmensführung (G für Governance) scheint der soziale Aspekt, also das S in ESG, weniger im Fokus zu stehen. Woran liegt das aus Ihrer Sicht?

Amit Mehta: Man muss sehen, dass in den vergangenen Jahren die Nachrichten über die Klimaveränderung immer beunruhigender wurden. Unterstützt durch zahlreiche Initiativen und Bewegungen – zuletzt versammelten sich die Regierungen weltweit hinter den Zielen des Pariser Abkommens – rückten die Umweltaspekte zwangsläufig immer stärker in den Fokus. Die Verbesserung der Corporate Governance ist bereits eine jahrzehntelange Praxis, bei der die Unternehmensleitungen gegenüber allen Interessengruppen deutlich sichtbar rechenschaftspflichtig sind. Beim S geht es hingegen eher um Themen wie Diversität, Integration, Empowerment der Mitarbeiter oder auch die Beziehungen zu Kunden, Lieferanten, Gemeinschaften – für viele waren das lange Zeit eher „weiche“ Faktoren.

Denken Sie, dass sich das auf absehbare Zeit ändern wird?

Mehta: Wir sind der Meinung, dass die sozialen Faktoren spürbar in den Vordergrund rücken werden. Zum einen hat die Covid-19-Pandemie viele Probleme aufgedeckt, die durch die immer größer werdende Kluft in der Gesellschaft entstehen. Etwa, dass eine gute Gesundheitsfürsorge nicht einheitlich für alle verfügbar ist. Auch gibt es mit den 2015 von den Vereinten Nationen formulierten Zielen für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs) einen weiteren Anstoß, die durch Ungleichheit verursachten Schäden im gesellschaftlichen Gefüge zu bekämpfen.

Konkret mit Blick auf Unternehmen zeigt sich, dass Firmen, die sich internen sozialen Themen – von geschlechtsspezifischen Lohnunterschieden über unzureichende Arbeitsrechte bis hin zu unzufriedenen Mitarbeitern – nicht stellen, von Kunden, Investoren, Regulatoren und auch der breiten Öffentlichkeit immer häufiger kritisch beäugt werden und ihnen dadurch Reputationsrisiken drohen. Man denke nur an die Skandale um die Arbeitspraktiken der Apple-Zulieferer in China.

Inzwischen gibt es auch harte Fakten zum positiven Einfluss sozialer Aspekte auf die Unternehmensergebnisse: Untersuchungen von McKinsey aus dem Jahr 2020 zeigen beispielsweise rund um das Themenfeld Diversität und Integration, dass Unternehmen, die in Bezug auf ethnische und geschlechtsspezifische Vielfalt im oberen Fünftel liegen, mit 36 beziehungsweise 25 Prozent höherer Wahrscheinlichkeit gute Geschäftsergebnisse aufweisen.

Worauf schauen Sie konkret, wenn Sie ein Unternehmen hinsichtlich sozialer Aspekte analysieren?

Mehta: Wir schauen vor allem auf Unternehmen, deren Aktivitäten sich mit den Sustainable Development Goals (SDGs) der Vereinten Nationen decken. Zu den 17 Zielen zählen etwa Gesundheit und Wohlergehen oder die Gleichstellung von Frauen und Männern. Mithilfe unseres Researchs versuchen wir, S-Leader zu identifizieren. Im Bereich Gesundheit und Wohlbefinden gehört etwa Novo Nordisk zu den S-Leadern. Die Firma ist ein Marktführer bei der Behandlung von Diabetes und Fettleibigkeit. Die Bereitstellung von erschwinglichem und sogar kostenlosem Insulin wurde während der Pandemie erheblich ausgeweitet. Zudem hat das Unternehmen kürzlich die Zulassung für ein neues Medikament zur Behandlung von Adipositas, also Fettleibigkeit, erhalten. Aus einer aktuellen Studie der Weltgesundheitsorganisation geht hervor, dass weltweit 650 Millionen Menschen an Fettleibigkeit leiden. Unsere Analysten sehen für Novo Nordisk daher noch ein großes „S-Potenzial“.

Ein anderes Beispiel ist die Firma Taiwan Semiconductor Manufacturing Company (TSMC), bei der es um das Thema Zugang zum digitalen Ökosystem geht. TSMC ist der weltweit größte Hersteller von Halbleitern. Im SDG-Rahmen der Vereinten Nationen wurde festgestellt, dass nur einer von fünf Menschen in den weniger entwickelten Ländern Zugang zum Internet hat, ganz zu schweigen von einer erschwinglichen Computerausrüstung. Der wachsende Produktionsumfang bei TSMC bedeutet niedrigere Kosten und trägt dazu bei, dass Computerausrüstung erschwinglich wird.

Das sind richtige und wichtige Punkte. Aber was haben Anleger:innen konkret davon?

Mehta: Das ist relativ einfach: Wenn die Berücksichtigung wesentlicher sozialer Faktoren nachweislich zu besseren Geschäftsergebnissen führt, dann spiegelt sich das auch in Aktienkursen wider. Wir sehen das S als den nächsten großen Megatrend im Bereich der nachhaltigen Investitionen. Und wir erwarten, dass Unternehmen, die sich auf den sozialen Fortschritt konzentrieren, immer öfter einen Bewertungsaufschlag erhalten werden. Das ist bereits bei Firmen der Fall, die sich mit dem Klima befassen. Soziale Initiativen als Investitionsschwerpunkt befinden sich noch in einem frühen Stadium. Deshalb sind wir der Meinung, dass nun eine gute Zeit ist, in diese Unternehmen zu investieren. Als Investor ist es uns dann auch möglich, mit ihnen einen aktiven Dialog zu führen, der die soziale Agenda weiter vorantreibt.

Die breiten Zuflüsse in nachhaltige Fonds deuten darauf hin, dass dieser Investitionstrend in vollem Gange ist. Spezielle Sozialfonds befinden sich jedoch noch in den Kinderschuhen. Seit Anfang 2012 sind gemäß Zahlen der Bank of America rund 488 Milliarden US-Dollar in nachhaltige Fonds geflossen, aber nur 30 Milliarden US-Dollar davon in Sozialfonds. Wie bei den Klimainvestitionen erwarten wir auch hier ein rasches Wachstum.

In den Schwellenländern ist die Kluft zwischen Arm und Reich besonders ausgeprägt. Spielen soziale Aspekte bei der Firmenbewertung innerhalb der Ländergruppe eine besonders große Rolle?

Mehta: In der Tat ist in den Schwellenländern das durchschnittliche Haushaltseinkommen niedriger und es gibt ein höheres Maß an Ungleichheit in der Bevölkerung. Deswegen spielen die Themen Löhne und Arbeitsbedingungen in den Schwellenländern eine besonders wichtige Rolle – etwa, wenn diese über den gesetzlichen Mindestanforderungen oder dem Branchenstandard liegen.

Ein einfaches Beispiel: Lieferfahrer, die für KFC arbeiten, erhalten stark subventionierte Mahlzeiten, was bei ihren Kollegen, die für andere Lieferdienste arbeiten, nicht der Fall ist. In der Konsequenz führen solche sozialen Maßnahmen zu zufriedeneren Mitarbeitern, und das Unternehmen entwickelt sich besser. Aus diesem Grund ist die Mitarbeiterfluktuation eine der wichtigsten Kennzahlen, die wir für alle unsere Investments beobachten. Falls Unternehmen diese Kennzahl nicht veröffentlichen, werden sie von uns dazu aufgefordert. Mit Blick auf die Firmenbewertung in Schwellenländern nutzen wir als Kernbestandteil unseres Research-Prozesses ein 98-Fragen-Risikoprofil, das alle drei ESG-Aspekte berücksichtigt, aber auch weiter gefasste Fragen der wirtschaftlichen Nachhaltigkeit.

Auch größere staatliche Eingriffe in die Wirtschaftsstruktur sind in den Schwellenländern häufiger als in den Industriestaaten – Stichwort Regulierungswelle in China. Lassen sich durch die Analyse sozialer Aspekte damit einhergehende Risiken reduzieren?

Mehta: Das stärker interventionistische Handeln von Staaten in Schwellenländern gegenüber Industrieländern ist ein wichtiger Punkt, der bei der Analyse beachtet werden muss. Wenn die Regierungen zu stark in die Unternehmenspolitik eingreifen oder Fehlverhalten nicht ahnden, führt dies zu einem langfristigen Vertrauensverlust. Der chinesische Suchmaschinenbetreiber Baidu sah sich beispielsweise 2016 großen Reputationsproblemen gegenüber, als seine Suchmaschine potenziell gefährliche medizinische Behandlungen bewarb. Der Vertrauensverlust hielt über mehrere Jahre an und das Unternehmen büßte seine einst dominante Position als Informationsquelle ein.

Auf der anderen Seite kann mit der richtigen Strategie selbst bei Verstößen das Vertrauen der Verbraucher – und der Regulierungsbehörden – zurückgewonnen werden. Ein Führungswechsel und eine neue Unternehmensstrategie ermöglichten es beispielsweise Yum China, die Herzen der Verbraucher nach einem Lebensmittelqualitätsskandal im Jahr 2015 zurückzugewinnen. Wir sehen das Restaurant-Unternehmen inzwischen als führend in Sachen Nachhaltigkeit. Warum? Weil es konsequent „gute“ Entscheidungen über kurzfristige Gewinne gestellt und etwa erhebliche Summen investiert hat, um die Einhaltung von Lebensmittelsicherheitsstandards sicherzustellen.

Für Anleger ist deshalb ein aktiver Ansatz wichtig, der insbesondere in den Schwellenländern durch lokale Ressourcen die langfristigen Gewinner von den Verlierern sowohl der wirtschaftlichen Entwicklung als auch der politischen Zielsetzung der Regierung unterscheiden kann. Darüber hinaus sind ein kontinuierlicher Austausch mit den investierten Unternehmen und ein kritischer Dialog rund um die ESG-Thematik sinnvoll, um solche Risiken zu reduzieren.

Über Amit Mehtas Fonds

Quelle Fondsdaten: FWW 2022

Amit Mehta ist Portfoliomanager des JPMorgan Funds – Emerging Markets Sustainable Fund (ISIN: LU2051469034), nach Angaben des Unternehmens einem der ersten nachhaltigen Schwellenländerfonds. Die Portfoliomanager des Emerging Markets Sustainable Equity Fund suchen Unternehmen, die sich durch eine erfolgreiche Unternehmensführung, ein herausragendes Management von ökologischen und sozialen Fragen sowie durch ein robustes Wirtschaftsmodell auszeichnen, schreibt J.P. Morgan Asset Management. Das Unternehmen wurde 2021 vom Research-Haus Scope als „Bester Asset Manager Aktien Schwellenländer“ ausgezeichnet.

Das Management des am 13. November 2019 aufgelegten Fonds erwirtschaftete für seine Anteilseigner auf Sicht eines Jahres eine Rendite von 5,2 Prozent bei einer vergleichsweise geringen Volatilität von 10,5 Prozent. Regional am stärksten gewichtet sind aktuell China mit rund 40 Prozent vor Taiwan (18,2 Prozent) und Indien (14 Prozent). Auf Unternehmensebene den größten Anteil am Fondsvermögen hat das chinesische Internetunternehmen NetEase mit 9,5 Prozent vor dem taiwanesischen Halbleiterhersteller TSMC mit 6,8 Prozent. Dahinter folgt mit 4,2 Prozent der chinesische Tech-Gigant Tencent (Quelle: J.P. Morgan Asset Management. Stand: 30. November 2021).

Hinweis: Es handelt sich hierbei um keine Anlageberatung oder Kaufempfehlung. Die Geldanlage am Kapitalmarkt ist mit Risiken verbunden. Aus Wertentwicklungen in der Vergangenheit lässt sich nicht auf künftige Wertentwicklungen schließen. Quelle Fondsdaten: FWW (2021). Bitte beachte die Hinweise unter: https://www.issgovernance.com/iss-fww-disclaimer/ (Haftungsausschluss). Für Inhalte und Richtigkeit der Angaben wird keine Haftung übernommen. Stand der Daten: 21. Dezember 2021.