Studie zu Grenzen des Wachstums Wie sich Wirtschaft und Umweltschutz in Einklang bringen lassen

Ist Wirtschaftswachstum angesichts des Klimawandels, des Bevölkerungswachstums und der zunehmenden sozialen Ungleichheit Teil der Lösung oder Teil des Problems? Mit dieser Frage beschäftigt sich die jüngste Studie des Bankhauses Donner & Reuschel.

02.09.2020, aktualisiert 12.10.2020 - 16:4012.10.20 - 16:40
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Digitalisierung der Landwirtschaft
Digitalisierung der Landwirtschaft: Neue Technologien bieten vielversprechende Ansätze für ein neues, „gutes“ Wachstum, so das Ergebnis der Studie des Bankhauses Donner & Reuschel und des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts (HWWI)© imago images / photothek

Die Diskussion, ob Wirtschaftswachstum Teil der Lösung oder Teil des Problems ist, ist nicht neu. Insbesondere nach großen Krisen, wie beispielsweise der Finanzkrise, der Euro-Krise und jetzt der Corona-Krise, nimmt die Debatte wieder an Fahrt auf. Dabei wird der Wachstumsbegriff kritisch hinterfragt und die Systemfrage gestellt: Müssen wir künftig das ganze System ändern, um mit weniger auszukommen, oder müssen die Anreize verändert werden, um ein anderes Wachstum zu erzeugen, eines, das stärker auf die Lösung der Probleme ausgerichtet ist? Die Corona-Krise hat für diese Fragen ein neues Bewusstsein geschaffen.

Die aktuelle Donner & Reuschel Studie „Wachstum neu denken“, die in Zusammenarbeit mit dem Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) erstellt wurde, argumentiert, dass der Verzicht auf Wachstum keinesfalls die Lösung ist. Da Wachstum wesentlich aus Veränderungen und Fortschritt entsteht, bildet es vielmehr die Voraussetzung, um künftige Herausforderungen adäquat zu bewältigen und erhält so einen erweiterten Sinn unseres Wirtschaftens. Aus den neuen Anforderungen an künftiges Wachstum ergeben sich verschiedene Ansätze.

In alle diese strukturellen Herausforderungen platzte zu Jahresbeginn der Corona-Schock, der die Welt plötzlich in einen bislang nicht gekannten Zustand versetzte. Die wirtschaftlichen Verwerfungen infolge der Pandemie könnten so gravierend sein, dass andere Themen erstmal als nachrangig betrachtet werden. Dafür spricht, dass die Staatsverschuldungen und die Arbeitslosenquoten stark angestiegen sind. Wachstum wird nötig sein, um die Folgen der Krise zu überwinden. Verteilungskonflikte lassen sich bei wachsender Wirtschaft besser lösen als in stagnierenden oder gar schrumpfenden Ökonomien. Die Corona-Krise muss schnell, aber eben auch zukunftsorientiert überwunden werden, damit Arbeitslosigkeit und Armut nicht zu politischen Verwerfungen führen. Die Erholung von der Krise sollte im besten Fall gleich dazu genutzt werden, um „neues“ – das heißt verträgliches und in diesem Sinne „gutes“ – Wachstum zu erzeugen.

Wachstum muss nachhaltig und generationengerecht gestaltet werden

Wachstum selbst kann die natürlichen Grundlagen unserer Existenz gefährden, indem wir Ressourcen übernutzen und so die Umwelt ausbeuten. In diesem Sinne kann ein heute übermäßiges Wachstum die Lebensgrundlagen von morgen gefährden. Da die Umweltverträglichkeit des Wachstums bereits an ihre Grenzen stößt und die Sozialverträglichkeit immer wichtiger wird, brauchen wir ein anderes Wachstum. Im Zuge dessen rücken Nachhaltigkeitskriterien, nicht nur ökologische, sondern auch soziale und ökonomische, immer mehr in den Fokus. So bedeutet künftiges Wachstum nicht allein „mehr“, sondern vor allem „verträglicher“. Gegenstand solcher Diskussionen ist häufig auch Grünes Wachstum, was darauf abzielt, Wirtschaftswachstum und Umweltschutz in Einklang zu bringen. Grüne Wachstumskonzepte basieren auf einer nachhaltigen, ressourcenschonenden Form des gesamtwirtschaftlichen Wachstums. Inwieweit eine grüne Transformation gelingen kann, die das Wirtschaftswachstum von Ressourcenverbrauch und Umweltverschmutzung entkoppelt, ist eine zentrale Frage der aktuellen Wachstumsdebatte.

Technischer Fortschritt als Wachstumstreiber

Im Laufe der Jahre konnten vor allem durch technischen Fortschritt immer mehr Güter und Dienstleistungen mit den knappen Ressourcen produziert werden, und nicht nur mehr, sondern vor allem bessere und vielfältigere. Dadurch veränderten sich die Bedürfnisse – wie die „Auto“-Mobilität und Reisen in ferne Länder – und das Wohlfahrtsniveau stieg. Durch die Digitalisierung und neue Technologien bieten sich vielversprechende Ansätze für ein neues, „gutes“ Wachstum. So besteht ein wesentlicher Aspekt von Wachstum in der qualitativen Verbesserung. Im Laufe der Jahre wurden Autos und Computer leistungsfähiger und/oder verbrauchten weniger Ressourcen. Hinzu kommt eine größere Vielfalt an Gütern und Dienstleistungen, so dass unterschiedliche Präferenzen bedient werden können. Darin liegt ein großer Wohlfahrtsgewinn des Wachstums. Technischer Fortschritt ist mittlerweile der größte Treiber des Wirtschaftswachstums in reicheren Volkswirtschaften, er führt bei kaum noch wachsender Bevölkerung zu einem Anstieg der Pro-Kopf-Einkommen.

Schließlich bedeutet Wachstum neu zu denken auch, dass die Politik die Regeln und Anreize des Wirtschaftens auf globaler Ebene verändern muss. Aber schon auf europäischer Ebene kann eine solche Agenda wirksam durchgesetzt werden, denn der Europäische Binnenmarkt bietet die Chance, nachhaltiges Wachstum mit einem großen Absatzmarkt zu kombinieren. Der Green Deal und die Digitalisierungsagenda bieten hierfür große Chancen, sie müssen aber langfristig und für Unternehmen glaubwürdig einen neuen Pfad erzeugen, damit Investitions- und Innovationsanreize entsprechend umgelenkt werden.

Wachstum ist in diesem Sinne ein geradezu natürlicher Prozess, der immer stattfindet, da sich die Präferenzen der Menschen und die Art der konsumierten Güter und Dienstleistungen permanent verändern, aber auch die Verfahren und Technologien sowie die Verfügbarkeit von Ressourcen. Da gutes Wachstum immer kongruent zu den gesellschaftlichen Werten und Vorstellungen ist, spielen Konsumenten und Unternehmen in der Durchsetzung einer neuen Ökonomie eine wesentliche Rolle, wobei das gemeinsame und konsistente Handeln von Mensch, Gesellschaft und Ökonomie entscheidend ist.

Die ausführlichen Ergebnisse der Studienreihe finden Sie hier.