Value versus GrowthTanker oder Schnellboot?

Langsam und stabil ins Ziel oder doch lieber im Schnellboot auf und ab durch die Wellen: Während große, etablierte Unternehmen ihren Anlegern oft solide Erträge bieten, kann die Rendite bei Wachstumswerten deutlich höher ausfallen. Sie können dafür aber mehr Nerven kosten.

28.10.2020 - 10:00 Uhr28.10.20 10:00
|
|
in  News
|
Tanker vor der kroatischen Küste
Tanker vor der kroatischen Küste: Je nachdem, ob Anleger größeren Wert auf Stabilität oder höheres Ertragspotenzial legen, eignen sich unterschiedliche Strategien © imago images / Pixsell

Klar – Warren Buffett kennt jeder. Benjamin Graham hingegen dürfte nur den wenigsten Anlegern ein Begriff sein. Dabei war er es, der das theoretische Fundament für Buffetts Investmentstrategie aufbaute und ihm als Professor an der Columbia University lehrte: 1934 veröffentlichte er gemeinsam mit seinem Kollegen David Dodd das Buch „Wertpapieranalyse“ – noch heute das Standardwerk zum Value-Investing.

Beim Value-Investing geht es zunächst darum, „werthaltige“ Unternehmen zu finden (engl. Value = Wert). Dabei handelt es sich um Firmen, die eine starke Marktstellung, hohe Profitabilität und eine kontinuierliche Gewinnentwicklung aufweisen. Solche Unternehmen finden sich oft – wenn auch nicht ausschließlich – in eher defensiven Sektoren wie der Nahrungsmittel- oder Pharmabranche sowie unter Versorgern. Daher gelten Value-Unternehmen als relativ risikoarm und weniger schwankungsanfällig. Daneben zeichnen sie sich oft durch Dividendenstärke aus. Im Gegenzug sind große Kurssprünge von ihnen in der Regel nicht zu erwarten.

Auf die Bewertung kommt es an

Im Anschluss sucht der Value-Investor unter den potenziellen Investmentzielen die aktuell an der Börse unterbewerteten Unternehmen. Dabei gilt das Augenmerk beispielsweise Kennzahlen wie dem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) oder dem Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV). Beim KGV wird der aktuelle Aktienkurs in Relation zu den Gewinnerwartungen für einen bestimmten Zeitraum gesetzt. Liegt der Kurs beispielsweise bei 100 Euro und die Gewinnerwartungen für die kommenden zwölf Monate bei 5 Euro pro Aktie, beträgt das KGV 20. Würden Gewinne in Höhe von 10 Euro erwartet werden, wäre das KGV demnach 10. Das heißt: Je niedriger, desto besser. Allerdings gibt es keine Grundregel, mit welchem KGV ein Unternehmen fair bewertet ist, denn die Werte können je nach Marktphase deutlich variieren. Es gilt daher immer, das KGV zum Beispiel im Vergleich zu Mitbewerbern zu betrachten. Beim Kurs-Buchwert-Verhältnis wird die Marktkapitalisierung eines Unternehmens durch sein Eigenkapital geteilt. Liegt das KBV bei 1, spiegelt sich der Unternehmenswert genau im Aktienkurs wider – Werte darunter deuten auf eine Unter-, Werte darüber auf eine Überbewertung hin.

Unternehmen auswählen, Bewertungen checken, erfolgreicher Value-Investor werden? Klingt theoretisch ganz einfach, ist in der Praxis jedoch ungleich schwerer umzusetzen. Denn KGV und KBV sind lediglich erste Anhaltspunkte, die genaue Analyse der Fundamentaldaten eines Unternehmens erfordert jede Menge Recherche und Erfahrung. Daher kann es sich für Anleger anbieten, auf einen entsprechenden Investmentfonds zu setzen und die Auswahl der konkreten Investmentziele in die Hand des Fondsmanagements zu legen. Eine Alternative ist ein ETF, zum Beispiel auf den rund 1.000 Value-Unternehmen umfassenden MSCI World Value Index.   

Hohe Erwartungen, hohes Ertrags- aber auch Enttäuschungspotenzial

Das Gegenstück zum Value-Investing ist es, auf sogenannte Growth-Titel zu setzen. Dabei handelt es sich um Unternehmen, von denen Investoren künftig ein hohes Wachstum erwarten (engl. Growth = Wachstum). Diese finden sich daher meist in Zukunftsmärkten und entwickeln Produkte oder Technologien, denen hohe Erfolgsaussichten zugeschrieben werden. Growth-Investoren versuchen, solche Unternehmen bereits in einer frühen Phase zu erkennen, in der diese oft noch kaum oder sogar kein Geld verdienen. Die Bewertungen spielen eine untergeordnete Rolle.

Anders als der Value-Ansatz basiert Growth-Investing weniger auf etablierten Geschäftsmodellen, sondern auf Erwartungen – die natürlich enttäuscht werden können. Entsprechend höher sind die Risiken, ebenso wie die potenziellen Gewinne. Auch für Value-Anleger gibt es Investmentfonds, die sich an dieser Strategie orientieren, sowie entsprechende ETFs. Ein bekannter Index ist beispielsweise der MSCI World Growth.

Welche Strategie ist besser?

Die große Frage lautet nun: Auf welche der beiden Strategien sollten Anleger setzen? Zunächst gilt es zu beachten, dass sich Value- und Growth-Unternehmen nicht immer eindeutig trennen lassen. Außerdem kann ein Growth-Unternehmen mit zunehmender Reife in die Value-Kategorie wechseln. Doch um auf die Frage zurückzukommen – die Antwort lautet eindeutig: „Kommt darauf an.“ Zum einen sollten bei der Entscheidung natürlich der individuelle Anlagehorizont und die Risikobereitschaft eine Rolle spielen. Zum anderen hängt die Entwicklung der beiden Marktsegmente in hohem Maße vom Marktzyklus ab: Während sich in Zeiten fallender Kurse Value-Werte meist stabiler entwickeln, profitieren Growth-Aktien im Umfeld steigender Kurse und anziehenden Wirtschaftswachstums. Daher kann es sich anbieten, nicht ausschließlich auf eine der beiden Strategien zu setzen.