ESG-FaktorenUnterschätzte Renditetreiber bei Nebenwerten

Small-Cap-Unternehmen werden nur von wenigen Analysten beobachtet und bewertet. Das eröffnet Anlegern Chancen, birgt aber auch Risiken. Investoren sollten daher ganz genau hinschauen, fordert Guillaume Chieusse, Leiter aktive Aktienstrategien bei ODDO BHF Asset Management.

06.07.2021 - 10:45 Uhr06.07.21 10:45
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Meeting
Meeting: Der Umgang mit Mitarbeitern ist ein wichtiger sozialer Aspekt der nachhaltigen Unternehmensführung© IMAGO / Westend61

Im Vergleich zu großen Konzernen weisen Small-Cap-Unternehmen, gemessen an der Marktkapitalisierung, häufig niedrigere ESG-Ratings auf. „Das bedeutet allerdings nicht, dass diese Firmen weniger vorausschauend handeln“, erklärt Guillaume Chieusse, Leiter aktive Aktienstrategien bei ODDO BHF Asset Management. Dafür gibt es zwei entscheidende Gründe:

  • Unternehmen, mit geringer Marktkapitalisierung, haben tendenziell auch weniger Ressourcen für die Ermittlung und Bereitstellung von ESG-Informationen. 81,3 Prozent der Firmen, die im MSCI EMU Index gelistet sind, haben den UN Global Compact unterzeichnet – im MSCI Europe Small Cap hingegen sind es 37,7 Prozent. Das hat einen einfachen Grund: Die Kosten für ein Reporting nicht-finanzieller Kennzahlen betragen knapp 100.000 Euro pro Jahr. „Gerade bei dynamischen Wachstumsunternehmen haben Investitionen in Forschung und Entwicklung Vorrang vor detaillierter Ermittlung und Offenlegung von ESG-Parametern“, erläutert Chieusse.
  • Private Gründer oder das Management halten traditionell einen erheblichen Anteil am Kapital kleinerer und mittlerer Unternehmen. Diese Eigenschaft führt meist zu einer Benachteiligung im Governance-Rating, da hier die Unabhängigkeit des Vorstands und die Rechte von Minderheitsaktionären eine Rolle spielen.

„Das macht es umso wichtiger, mit eigenen ESG-Analysen aussichtsreiche nachhaltige Unternehmen im Small- und Mid-Cap-Universum herauszufiltern“, sagt Chieusse.

Relevante Nachhaltigkeitsaspekte

Bei Small- und Mid-Cap-Unternehmen sind sowohl Corporate Governance als auch das Management der Mitarbeiter zentrale Aspekte, die es zu berücksichtigen gilt – unabhängig von der Branche. Dass es sich hierbei um einen entscheidenden Faktor handelt, um Risiken bei der Titelauswahl einzuschätzen, zeigt sich anhand der Unternehmen im STOXX Europe 600 auf 3-Jahres-Sicht im Hinblick auf die Volatilität. „Firmen mit schwacher Corporate Governance weisen im Durchschnitt eine deutlich höhere Volatilität auf als die Klassenbesten“, erläutert Chieusse.

Bei Small Caps ist eine signifikante Kapitalbeteiligung privater Gründer oder des Managements in einer frühen Phase des Geschäftszyklus üblich. Der Rendite schadet das allerdings nicht – im Gegenteil. Familiengeführte Aktiengesellschaften weltweit haben seit 2006 im Schnitt jährlich 3,7 Prozentpunkte besser abgeschnitten als Gesellschaften im Streubesitz. Bei Small Caps ist die Outperformance mit 6,5 Prozentpunkten am ausgeprägtesten. „Allerdings kann eine hohe Kapitalbeteiligung von Insidern ein zweischneidiges Schwert sein“, meint Chieusse.

Deshalb gilt es genau auf die Eigentums- und Kontrollstruktur, die Zusammensetzung des Vorstands sowie die Nachfolgeplanung zu achten, um die aus der Governance resultierenden Risiken besser zu verstehen. Dabei ist wichtig, dass die unterschiedlichen Stakeholder angemessen berücksichtigt werden. „Das wiederum ist die Grundlage, auf der ein gutes Geschäftsmodell zu hohen und nachhaltigen Renditen führen und das Unternehmen auf Wachstumskurs halten kann“, erklärt Chieusse.

Essenz für die Titelselektion von Nebenwerten

Das Management von Mitarbeitern ist ein wichtiger sozialer Aspekt der nachhaltigen Unternehmensführung. Ihm kommt im Bereich langfristige Wertschöpfung sowie Wettbewerbsfähigkeit eine zentrale Bedeutung zu. Denn: Im Small-Cap-Bereich sind vor allem Innovationen relevant. Sie gelten als essenziell bei der Titelselektion von Nebenwerten. Bewertungskennzahlen, wie die Ausgaben für Forschung und Entwicklung,  können ein wichtiger Indikator für die Innovationsfähigkeit des Unternehmens sein.

„Dafür haben wir die Performance der besten Unternehmen im Hinblick auf soziale Aspekte (Rating 4/5 oder 5/5) mit Firmen eines niedrigeren Ratings (1/5 oder 2/5) und dem STOXX Europe 600 verglichen.“ Das Ergebnis: Die Gruppe der führenden Unternehmen hat auf 3-Jahres-Sicht mit einer Wertentwicklung von 25,8 Prozent deutlich besser als die Vergleichsgruppe (-11,5 Prozent) und der breite Markt (2,9 Prozent) abgeschnitten.

Zu den innovativen Unternehmen, die auch im Bereich der Arbeitskraft punkten können, gehören der Hersteller für Aufprallschutztechnik MIPS AB, die auf die innovative Verwaltung von Software spezialisierte Crayon Group Holding ASA und die finnische Einzelhandelsgruppe Tokmanni Group Oyj.

Ein ganzheitliches Bild

„Es ist unerlässlich, mit eigenem Research die entscheidenden Nachhaltigkeitsfaktoren zu analysieren, um die mangelnden ESG-Daten bei Small-Cap-Unternehmen auszugleichen“, erklärt Chieusse. „Damit können sich Investoren ein ganzheitliches Bild von den Chancen und Risiken eines Konzerns machen.“