Einschätzungen zur Bundestagswahl Vielleicht ein paar Schwankungen, mehr nicht

Das amtliche Wahlergebnis steht fest. Wer Deutschland künftig regieren wird hingegen nicht. Wie ist der Ausgang der Bundestagswahl aus Investorensicht zu bewerten? Und macht es überhaupt einen Unterschied, ob SPD oder Union die Regierung anführen? Experten geben Einschätzungen ab.

29.09.2021 - 16:0029.09.21 - 14:41
|
|
in  News
|
Olaf Scholz oder Armin Laschet
Olaf Scholz oder Armin Laschet: Einer von beiden wird der nächste deutsche Kanzler. Bis man mehr weiß, kann es aber noch dauern© IMAGO / Friedrich Stark

Eines ist klar: Rot-Rot-Grün wird es nicht geben. SPD, Grüne und Die Linke kommen auf keine Mehrheit. Damit sei „eine von den Aktienmärkten sicherlich kritisch beäugte“ Koalition vom Tisch, wie die DWS mitteilt. Ähnlich äußert sich Dr. Jörg Zeuner, Chefvolkswirt bei der Fondsgesellschaft Union Investment: „Aufgrund der wirtschaftspolitischen Programmatik war Rot-Grün-Rot für viele Investoren ein schwer kalkulierbares Risiko.“ Der Chef-Anlagestratege der DZ Bank, Christian Kahler, spricht von „Erleichterung“ am Aktienmarkt. „Ein Linksbündnis ist die einzige Regierungskonstellation, die als Belastung für den Aktienmarkt empfunden worden wäre.“

So weit, so gut. Eine der im Vorfeld diskutierten Koalitionen wird das Land schon einmal nicht reagieren. Aber welche dann? Die Mehrheitsverhältnisse würden theoretisch für eine Neuauflage der Großen Koalition reichen. Diese scheint aktuell jedoch ausgeschlossen. Die Frage ist daher: Werden sich FDP und Grüne mit der SPD zu einer Ampel zusammenschließen oder mit der CDU eine Jamaika-Koalition bilden? Bis es darauf eine Antwort gibt, dürfte es noch dauern.

Kursrücksetzer möglich

Das könnte auch die Börse beeinflussen: „Wegen der anhaltenden politischen Unsicherheit könnte es am Aktienmarkt zeitweise zu Rücksetzern kommen“, schreibt Dr. Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege für Privat- und Firmenkunden der Deutschen Bank, in seinem Newsletter „Perspektiven am Morgen“. Er betont: „Grundsätzlich sollten sich die potenziellen Auswirkungen der Bundestagswahl auf den deutschen Aktienmarkt sowie auf andere europäische Märkte beschränken.“

Dabei seien kleinere Unternehmen tendenziell stärker von wirtschaftspolitischen Kursänderungen betroffen als große, die wegen ihrer meist starken Exportausrichtung sehr viel stärker an der globalen Konjunkturentwicklung hingen. „Mögliche Belastungen durch staatliche Eingriffe oder Steuererhöhungen könnten sich daher eher in den Kursen kleiner börsennotierter Unternehmen niederschlagen“, so Stephan.

Zeitweise Kursschwankungen kann es auch laut Zeuner geben: „Je schneller sich umsetzbare Lösungen für drängende Fragen rund um Wirtschaft und Märkte abzeichnen, desto schneller werden die Märkte zur Tagesordnung übergehen. Wir rechnen mit schwierigen, langwierigen Sondierungs- und Koalitionsverhandlungen. In der Zwischenzeit ist an den Kapitalmärkten ein vorübergehender Anstieg der Volatilität immer wieder möglich.“

Reaktionen sollten sich in Grenzen halten

Nach Einschätzung der DWS dürften „die Anleger das Wahlergebnis leicht positiv, aber auch etwas zwiespältig aufnehmen. Einerseits mögen sie keine Unsicherheit. Und die Unsicherheit, welcher Kanzler und welche Koalition Deutschland in den nächsten vier Jahren regieren wird, könnte einige Monate anhalten. Andererseits dürften die Anleger auch beruhigt seien, dass die äußeren Ränder des Parteienspektrums zum Teil deutlich verloren haben.“ Das Wahlergebnis könne vor allem dann für Nervosität sorgen, wenn es zu einer Häufung von Krisenmomenten kommt, die auf ein Machtvakuum in Berlin stoßen würden. Ansonsten sollten sich die Reaktionen aufgrund der Ungewissheit und der wahrscheinlich ohnehin nur graduellen Veränderungen sehr im Rahmen halten.

Kahler ergänzt: „Für ausländische Investoren ist wichtig: Auch wenn die Bildung einer Koalition noch ungewiss ist und einige Zeit in Anspruch nehmen dürfte, bleibt Deutschland unabhängig vom Ausgang der Koalitionsverhandlungen ein politisch sicherer Hafen in Europa. Einen polarisierenden Regierungschef wie Donald Trump in den USA, Boris Johnson in Großbritannien oder Macron in Frankreich wird es in Deutschland auch in Zukunft nicht geben.“

Klimapolitik wird ein Schwerpunkt

Eine weitere positive Botschaft sieht Zeuner. „Deutschland wird auch künftig von einer europafreundlichen Regierung geführt. Für europäische Anlagen, wie zum Beispiel Peripherieanleihen oder auch den Euro, sind das gute Nachrichten.“ Darüber hinaus rechnet er mit einer Verstärkung der klimapolitischen Anstrengungen. „Dekarbonisierung ist eines der Megathemen der 2020er-Jahre. Die Anstrengungen zur Bekämpfung des Klimawandels werden daher einen Schwerpunkt der künftigen Bundesregierung bilden – egal, wer sie führt. Das wird an den Kapitalmärkten nicht ohne Folgen für nachhaltige Anlagen bleiben.“

Themen: