Pilnys Asia Insights So wird Vietnam das neue China

Eine gut ausgebildete junge Bevölkerung und marktwirtschaftliche Reformen: Vietnam gehört zu den am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt. Was sich das Land von China abgeschaut hat und warum es vom Konflikt zwischen den USA und seinem großen Nachbarn profitiert, analysiert unser Asienexperte Karl Pilny.

28.01.2022, aktualisiert 01.04.2022 - 11:0601.04.22 - 11:06
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Vor zehn Jahren betrug der Marktwert aller an der vietnamesischen Börse gelisteten Unternehmen noch weniger als 5 Milliarden US-Dollar. Heute sind es mehr als 1.000 Titel mit einem Gesamtwert von über 90 Milliarden US-Dollar.
Vor zehn Jahren betrug der Marktwert aller an der vietnamesischen Börse gelisteten Unternehmen noch weniger als 5 Milliarden US-Dollar. Heute sind es mehr als 1.000 Titel mit einem Gesamtwert von über 90 Milliarden US-Dollar.© privat / Montage: Sven Lindner

Vietnam ist mit knapp 98 Millionen Einwohner:innen einer der bevölkerungsreichsten Staaten Südostasiens und zieht sich wie eine Perlenkette entlang der Küste des Chinesischen Meeres.

Seit Jahren begeistert Vietnam die Investor:innen mit kontinuierlich steigenden Wachstumsraten. Angetrieben vom starken Investitionswachstum des privaten Sektors und der steigenden Konsumnachfrage erzielte das Land in den vergangenen Jahren ein robustes Wachstum von durchschnittlich 7 Prozent.

Die unmittelbare Nähe zur Supermacht China hat Vietnam über Jahrtausende geprägt. Die Vietnamesen waren ursprünglich im Süden Chinas ansässig und wanderten im Laufe der Jahre in den Norden des heutigen Vietnam. Die Region war über viele hundert Jahre eine chinesische Provinz. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass Vietnam seinem nördlichen Nachbarn auch kulturell nahesteht und maßgeblich durch den Konfuzianismus geprägt ist.

Die neuere Geschichte Vietnams wurde vor allem von Frankreich beherrscht. Ho Chi Minh erklärte 1945 die Unabhängigkeit und rief die Demokratische Republik Vietnam aus. 1946 gab es erste Wahlen und eine Verfassung wurde verabschiedet. Im gleichen Jahr kam es zu kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Franzosen, die noch Teile im südlichen Vietnam besetzt hielten. Der Konflikt weitete sich schließlich zum Indochina-Krieg aus. 1954 verabschiedeten die Vereinten Nationen eine Deklaration, um diesen zu beenden. Im Zuge dessen wurde das Land in einen kommunistischen Norden und einen nichtkommunistischen Süden geteilt.

Aus Furcht vor einem kommunistischen Dominoeffekt in Asien versuchten die Amerikaner, den Süden aufzurüsten. Es begann der Vietnam-Krieg, der bis zum Abzug der Amerikaner 1975 und der bedingungslosen Kapitulation Südvietnams andauerte. 1976 wurde das Land als Sozialistische Republik Vietnam wiedervereinigt.

Vietnam wandelt sich zu einer Marktwirtschaft

Auch heute noch ist die Kommunistische Partei Vietnam (KPV) an der Macht. Das Wirtschaftssystem wird aber sukzessive in eine Marktwirtschaft umgewandelt. Wie beim großen Vorbild China ist zu beobachten, dass mit steigendem wirtschaftlichem Erfolg die Herrschaft der Partei wieder stärker wird.

Vietnam will einen eigenen, einen dritten Weg gehen.

Anders als China, wo die jahrzehntelang rigoros praktizierte Ein-Kind-Politik zu Vergreisungserscheinungen führt, hat Vietnam eine Zwei-Kind-Politik verfolgt. Das stellt auf Jahre den Nachschub an jungen Arbeitskräften und damit Wirtschaftswachstum sicher.

Ein Engpass an qualifizierten Arbeitskräften wie in Indien ist ebenfalls nicht zu erwarten. Schließlich hat Vietnam mit 90,3 Prozent einen der höchsten Alphabetisierungsgrade innerhalb der asiatischen Schwellenländer.

Grundlage für den Erfolg ist die „Doi Moi“ genannte Reformagenda, die auf dem sechste Kongress der Kommunistischen Partei im Jahre 1986 verabschiedet wurde. Ein erster Erfolg der neuen Strategie war die Aufhebung des US-Handelsembargos im Jahr 1993. Im Jahr 2007 folgte mit der Aufnahme in die Welthandelsorganisation WTO der Ritterschlag.

Vietnam profitiert von Freihandel und ausländischen Investitionen

Heute ist der südostasiatische Tigerstaat eine der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt. Der Wirtschaftsboom des Landes hat viel Gründe, darunter das Freihandelsabkommen RCEP (Regional Comprehensive Economic Partnership), die wachsende Konfrontation zwischen den USA und China und die Verlagerung von der Landwirtschaft auf den Produktions- und Dienstleistungssektor. Zudem profitiert das Land von mehreren regionalen und bilateralen Freihandelsabkommen sowie von Kapitalzuflüssen aus dem Ausland.

Zusätzlichen Auftrieb erhielt Vietnam durch private Investitionen, einen starken Tourismus, steigende Löhne und eine zunehmende Urbanisierung. Mit 7,1 Prozent im Jahr 2018 und 7 Prozent im Jahr 2019 verzeichnete das Land ein 10-Jahres-Hoch beim BIP-Wachstum. Im Jahr 2020 war Vietnam trotz des Covid-19-Ausbruchs eine der wenigen Volkswirtschaften, die mit 1,6 Prozent ein positives Wirtschaftswachstum erzielte. Für 2021 erwartet der Internationale Währungsfonds (IMF) ein BIP-Wachstum von 3,8 Prozent und 6,6 Prozent im Jahr 2022. Die Pro-Kopf-Wirtschaftsleistung von derzeit 3.000 US-Dollar pro Jahr soll bis 2022 auf 4.000 US-Dollar steigen. Trotz eines leichten Anstiegs im Jahr 2020 auf 3,3 Prozent von 2,2 Prozent im Jahr 2019 ist die Arbeitslosigkeit weiterhin niedrig.

Der Dong ist seit 1978 die offizielle Währung Vietnams. Die State Bank of Vietnam fungiert als Zentralbank des Landes und besitzt rund 65 Prozent der nach Marktkapitalisierung größten börsennotierten Bank Vietnams, der VietinBank.

An der vietnamesischen Börse steht eine Reform an

Die beiden wichtigsten Börsen im Land sind die Ho Chi Minh City Stock Exchange (HSX) und die Hanoi-Börse (HNX). Der Vietnam Stock Index oder VN-Index dient als Benchmark der HSX und basiert auf der Gesamtkapitalisierung aller an der Börse gelisteten Unternehmen. 2020 wurde die Vietnam Stock Exchange gegründet, um die beiden Börsen zu verwalten. Die HNX wird für den Betrieb des Derivate- sowie Anleihenmarkts sowie für andere Wertpapiere verantwortlich sein. Sie wird die Notierung neuer Aktien zum 1. Juli 2023 einstellen und alle bereits börsennotierten Unternehmen bis zum 31. Dezember desselben Jahres an die HSX verlegen, die den gesamten Aktienhandel übernimmt.

Eine Schwachstelle ist das nach wie vor schwache Bankensystem, in dem relativ viele notleidende Kredite stecken. Das liegt auch an dem hohen Anteil von Krediten, die staatseigene Banken an wenig transparente staatseigene Unternehmen vergeben haben.

Vietnams Unternehmenslandschaft ähnelt der in China

Darin ähnelt Vietnam seinem Nachbarn China ebenso wie in der Unternehmenslandschaft. In privater oder ausländischer Hand sind Firmen erfolgreich. Die staatlichen Unternehmen hingegen haben zu hohe Schulden, sind nicht besonders profitabel und beschäftigen zu viele Mitarbeiter:innen. Daher ist wie beim großen Nachbarn die schrittweise Öffnung von Staatsunternehmen für privates Kapital und Effizienzsteigerungen dringend nötig.

Durch die Öffnung der Sozialistischen Republik nach chinesischem Vorbild ist in fast allen Lebensbereichen ein Modernisierungsschub ausgelöst worden. Vor allem die Infrastruktur soll durch gewaltige Investitionsprogramme an internationale Standards angepasst werden. Dies alles dürfte dem Land im kommenden Jahrzehnt Wachstumsraten jenseits der 8 Prozent bescheren. Die Industrie boomt, erwirtschaftet inzwischen über 40 Prozent des BIP und weist jährliche Wachstumsraten im zweistelligen Bereich aus. Auch der Dienstleistungssektor hat mittlerweile einen ähnlichen Stellenwert. Dagegen wurde der Anteil der Landwirtschaft von 35 Prozent in den 1980er-Jahren auf aktuell 14 Prozent zurückgedrängt.

Vietnam wird zunehmend Produktionsstandort

Produktionsstätten werden zunehmend in das günstige Vietnam verlagert. Es sind vor allem Tech-Konzerne aus Taiwan, Südkorea und Japan, die in Vietnam Fabriken bauen. Der Wandel vom Agrar- und Rohstoffland zum Hersteller von Elektroartikeln hängt eng mit der Entwicklung in China zusammen. Dort sind die Löhne in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen, weshalb die Textilindustrie nach Bangladesch und Kambodscha und die Elektronikindustrie zunehmend nach Vietnam abwandert.

Vietnams Standortvorteil beschränkt sich aber nicht nur auf die Lohnkosten. Im Norden grenzt der langgezogene Küstenstaat an China. Bis zur Provinz Guangdong, dem Herz der chinesischen Exportindustrie, sind es knapp 200 Kilometer. Auch der Süden mit Ho-Chi-Minh-Stadt ist per Schiff gut erreichbar. In Sachen Qualität stehen die Vietnamesen zudem der Konkurrenz in Südchina in nichts nach.

Und die geografische Nähe zu China hat noch einen Vorteil: Immer mehr chinesische Tourist:innen entdecken das Nachbarland, das ihnen kulturell nahesteht. Der Tourismus insgesamt ist zu einem wichtigen Pfeiler der Wirtschaft geworden.

Vietnam ist nach wie vor keine freie Marktwirtschaft

Wie in China kontrolliert die kommunistische Partei noch viele Wirtschaftsbereiche, die Privatisierung der Staatskonzerne schreitet nur langsam voran. Die starke Hand des Staates kann sich aber auch positiv auswirken, etwa bei der Bankenregulierung. Die Regierung bemüht sich, ihre Fehler während der Spekulationsblase von 2005 bis 2007 nicht zu wiederholen. Seither hat sich viel verändert. Vor zehn Jahren betrug der Marktwert der an der Börse gelisteten Unternehmen noch weniger als 5 Milliarden US-Dollar. Heute zählen die drei Börsen mehr als 1.000 Titel mit einem Gesamtwert von über 90 Milliarden US-Dollar. Auch die chronische Inflation hat die Zentralbank derzeit im Griff. Herausforderungen gibt es bei der Infrastruktur, besonders im Hinblick auf die Energieversorgung und den Transport.

Dank der Seidenstraßeninitiative „One Belt, one Road“ kommt jedoch Dynamik ins Spiel – die ausländischen Direktinvestitionen steigen weiter an. Aufgrund des relativ niedrigen Lohnniveaus, der hohen Arbeitsmoral und des guten Ausbildungsniveaus der Menschen sollte das so bleiben. Zudem ist Vietnam ein Netto-Ölexporteur und dürfte so noch einige Jahre vom steigenden Ölpreis profitieren.

Vietnam ist eines der am schnellsten wachsenden Länder Südostasiens und aufgrund seines Bevölkerungsreichtums ein wichtiger Wachstumsmarkt. Gerade aufgrund der zunehmenden Spannungen zwischen den USA und China ein Muss für Investor:innen und Unternehmer:innen.

Du denkst über ein Investment in Vietnam nach? Dann haben wir etwas für dich: In unserem Artikel Vietnam: Ein echter Geheimtipp – zumindest noch stellen wir Fonds und ETFs mit Schwerpunkt auf dem Land vor!

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