Warum Nicolas Forest nicht glaubt, dass die Anleihenblase platzt „Eine neue Phase in der Geldpolitik“

„Platzt bald die Bond-Blase?“, fragen sich Anleger und bangen beim Gedanken an Ausverkäufe und fallende Kurse. Jedoch nicht Nicolas Forest, Global Head of Fixed Income bei Candriam. Warum der Experte nicht mit einem Bond-Crash rechnet, wie die Geldpolitik aussehen könnte und wie sich Anleiheinvestoren verhalten sollten, verrät er im Interview.

13.01.2017, aktualisiert 24.01.2017 - 18:1524.01.17 - 18:15
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Nicholas Forest, Global Head of Fixed Income bei Candriam
Nicholas Forest, Global Head of Fixed Income bei Candriam

der fonds: Von allen Seiten heißt es im Moment, eine Anleiheblase hätte sich gebildet und würde bald platzen. Vertreten Sie auch diese Meinung?

Nicolas Forest: Wir rechnen nicht mit einem Bond-Crash – zumindest nicht für das Jahr 2017. Stattdessen erwarten wir für die kommenden Jahre ein neues Bond-Regime.

Warum ein neues Regime?

Forest: Wir befinden uns gerade im Übergang zu einer neuen Phase in der Geldpolitik. Nach der Finanzkrise im Jahr 2008 hatten die Zentralbanken beschlossen, den Einlagenzinssatz zu senken und Maßnahmen der geldpolitischen Lockerung zu ergreifen. Eines der Instrumente war dabei der Ankauf von Wertpapieren sowie von privaten und staatlichen Schuldverschreibungen. Heute haben wir eine vergleichbare Situation: Die Europäische Zentralbank (EZB) hat negative Leitzinsen eingeführt und ein Anleiheankaufprogramm gestartet.

Doch es funktioniert nicht.

Forest: Wir sehen heute, dass diese Politik ihre Grenzen hat: Es ist schwierig geworden, auf dem Primär- und Sekundärmarkt Anleihen zu kaufen, sowohl für die EZB als auch für die Bank of Japan. Das liegt zum einen daran, dass es strukturelle Limits gibt – Notenbanken müssen bei ihren Käufen Regeln befolgen und müssten diese weiter lockern, wenn sie ihre Käufe weiter ausweiten wollten. Zum anderen sind da die wirtschaftlichen Auswirkungen dieser Käufe auf den Markt, der sich entsprechend anpasst.

Sie meinen die Verzerrungen, die durch die Notenbankenkäufe entstanden sind?

Forest: Genau. Diese sehen wir auf den Kreditmärkten und auch auf dem Repomarkt, wo sie jüngst für eine hohe Volatilität gesorgt haben. Die EZB manipuliert Preise auf den Märkten und schafft viele Verzerrungen – das ist suboptimal für Anleiheinvestoren.

Welche Auswirkungen hat das?

Forest: Wir haben eine Verzerrung zwischen Finanz- und Nicht-Finanz-Titeln – letztere haben dieses Jahr Finanztitel an Performance weit übertroffen. Eine weitere Verzerrung finden wir zwischen Derivaten und Cash: 2016 beobachteten wir eine vergrößerte Differenz zwischen dem Niveau von Derivaten und dem Niveau von Cash. Ein weiterer Aspekt ist, dass viele Investoren beschlossen haben, das Rating der Titel in ihren Portfolios zu senken, um eine höhere Rendite zu erhalten – sie zogen High Yield Investment Grade vor. Wir haben also Verzerrungen zwischen Finanztiteln und Nicht-Finanztiteln, zwischen Cash und Derivaten, zwischen Investment Grade und High Yield.

Gibt es Marktteilnehmer, die von dieser Konstellation profitieren?

Forest: Immer mehr US-Unternehmen geben Anleihen in Europa heraus, um von den niedrigeren Renditen in Europa zu profitieren. Gleichzeitig kaufen viele europäische Anleger in Europa herausgegebene US-Anleihen in der Hoffnung, dass die Zinsen steigen. Also schafft die EZB Anreize für US-Unternehmen, Anleihen in Europa herauszugeben. Dieser Sekundäreffekt ist meiner Meinung nach nicht positiv.