Klimaschutzstrategie der EZB Warum Skepsis berechtigt ist

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat eine umfassende Klimaschutzinitiative angekündigt. Für die Geldpolitik könnte die Aufgabe aber zu groß sein, findet William Adams, Chefanlagestratege für den Anleihebereich bei MFS Investment Management. Der Kapitalmarkt sei im Vorteil.

13.08.2021 - 12:3513.08.21 - 12:39
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Wartungsarbeiten an einer Windkraftanlage in Marokko
Wartungsarbeiten an einer Windkraftanlage in Marokko: „Wenn Unternehmen verantwortungsvoller werden sollen, müssen wir auf sie zugehen und nicht einfach nur ihre Aktien verkaufen“© IMAGO / photothek

Jeder in der Investmentbranche weiß, dass ESG-Themen – Umwelt, Soziales und Governance – immer wichtiger werden. Schnell haben Kapitaleigner und Asset Manager diese Nachhaltigkeitsfaktoren in ihre Analysen und Prozesse integriert. Ausschlusslisten werden immer häufiger und der Markt für grüne Anleihen wächst kontinuierlich. Fast überall entwickeln die Aufsichtsbehörden genauere Vorgaben für nachhaltiges Investieren. Sie führen neue Richtlinien ein, fordern mehr Transparenz und ermutigen Portfoliomanager zum Wohlverhalten.

All das ist sehr erfreulich, für das Asset Management und für die Gesellschaft. Aktives Management kann viel bewirken. Investoren haben Einfluss auf die Emittenten von Aktien und Anleihen. Allerdings ist das nicht frei von Risiken. ESG ist nützlich, aber Anleger müssen sich vor falschen Versprechungen und Anlagekonzepten hüten, die letztlich wenig bewirken. Ein weiteres Problem sind ungewollte Folgen aufsichtsrechtlicher und politischer Maßnahmen.

EZB: Stärkere Berücksichtigung von Klimaschutzfragen

Gerade erst trat ein neuer Akteur am ESG-Markt auf: Die Europäische Zentralbank. Ich finde, dass sich Investoren mit den Absichten und dem Einfluss der Notenbank auseinandersetzen sollten. Die jüngste Strategiediskussion der EZB ließ keine Fragen offen: Die Geldpolitik wird demnächst Klimafragen berücksichtigen. Das ist nicht meine Interpretation, sondern eine Aussage der EZB. Auch die Zitate stammen direkt von der Notenbank.

Konkret teilten die Währungshüter mit: „Der EZB-Rat hat einen umfassenden Aktionsplan beschlossen, einen ehrgeizigen Plan, um Klimaschutzfragen bei der Geldpolitik noch stärker zu berücksichtigen. Damit macht er deutlich, dass die Geldpolitik Fragen der ökologischen Nachhaltigkeit systematischer aufgreifen will.“

Unter dem Titel „Makroökonomische Modelle und Beurteilung der Implikationen für die geldpolitische Transmission“ heißt es, dass die EZB die Entwicklung neuer Modelle vorantreiben will. Mit theoretischen und empirischen Analysen will sie die Auswirkungen von Klimawandel und Klimaschutz auf Wirtschaft, Finanzsystem und Transmission der Geldpolitik überprüfen. Doch was bewirken geldpolitische Maßnahmen auf dem Weg über die Finanzmärkte und das Bankensystem bei Haushalten und Unternehmen?

Unter der Überschrift „Statistische Daten für Risikoanalysen zum Klimawandel“ liest man, dass die EZB neue experimentelle Indikatoren entwickeln will. Sie sollen grüne Finanzinstrumente sowie den CO2-Fußabdruck und die Klimafolgen für Finanzinstitute abbilden.

Schließlich, und das ist vielleicht am interessantesten, erfährt man unter „Ankäufe von Wertpapieren des Unternehmenssektors“, dass die EZB bei der Prüfung geldpolitisch motivierter Unternehmensanleihekäufe bereits Klimarisiken berücksichtigt. Geplant ist, im Rahmen ihres Mandats die Richtlinien für den Kauf von Unternehmensanleihen um Klimakriterien zu ergänzen. Das Mindeste ist, dass die Emittenten die EU-Vorschriften zur Umsetzung der Pariser Klimavereinbarung einhalten, etwa durch klimarelevante Kennziffern und Selbstverpflichtungen.

Investoren haben Grund zur Skepsis

Das sind klare Ansagen, die Investoren und Unternehmensvorstände ernst nehmen sollten. Ich schätze es, dass die EZB die Risiken des Klimawandels erkennt und ihren Einfluss geltend machen will, um Veränderungen zu bewirken.

Und doch haben Investoren allen Grund zur Skepsis. Sind neue Modelle, theoretische Analysen und experimentelle Indikatoren wirklich die richtige Grundlage für die Geldpolitik? Soll sie sich wirklich mit Klimafragen befassen?

Engagement geeigneter als Ausschlüsse

Keineswegs möchte ich die Bedeutung des Klimaschutzes herunterspielen. Ignoranz und Untätigkeit sind fehl am Platz. Die Risiken sind nicht zu leugnen, und man muss handeln, gestützt auf empirische Analysen und wissenschaftliche Erkenntnisse und – noch viel wichtiger – mit klimafreundlichen Anlageentscheidungen.

Wenn der Marktzugang und die Kapitalbeschaffung von Unternehmen und Regierungen davon abhängen, wie klimafreundlich sie sind, kann das viel bewirken. Langfristig dürfte das für Investoren eine Alphachance sein und zugleich dem Klimaschutz dienen. Für die Geldpolitik scheint diese Aufgabe aber ein wenig zu groß. Sie könnte sich übernehmen.

Vielmehr schlägt jetzt die Stunde der aktiven Investmentmanager. Engagement, also die Einflussnahme auf Portfoliounternehmen, bringt deutlich mehr als eine Ausschlussliste. Das ist eine zentrale Erkenntnis des aktiven Managements. Wenn Unternehmen verantwortungsvoller werden sollen, müssen wir auf sie zugehen und nicht einfach nur Wertpapiere an einem Markt verkaufen, dem das Thema vielleicht vollkommen gleichgültig ist.

Lösungen komplexer Probleme sind ihrerseits komplex. Sie erfordern umfangreiche Analysen und ein gutes Urteilsvermögen. Für aktive Anlageentscheidungen braucht es Engagement, Know-how und Risikomanagement. Anders als passive Strategien können sie auch Klimarisiken berücksichtigen. Die Kapitalallokation und die Preisbildung am Markt können dazu beitragen, den Klimawandel zu stoppen.