Aktienkurse unter Druck Was Chinas Regulierungsoffensive für Anleger bedeutet

Chinas Behörden griffen zuletzt stärker in die Wirtschaft ein, insbesondere den Technologiesektor haben sie im Visier. Viele Anleger sind verunsichert. Experten zeigen sich jedoch wenig überrascht und sehen keinen Grund, das Land jetzt von der Investment-Liste zu streichen.

13.08.2021 - 10:0012.08.21 - 16:10
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China International Big Data Industry Expo 2021
China International Big Data Industry Expo 2021: Die Regulierungen Pekings sehen auf den ersten Blick negativ aus, könnten sich bei näherer Betrachtung aber als durchaus Positiv erweisen© IMAGO / Xinhua

Im vergangenen Jahr schien die viel beschworene „asiatische Dekade“ am Aktienmarkt rasant Fahrt aufzunehmen: Gemessen am MSCI China legten chinesische Papiere auf Jahressicht rund 25 Prozent zu. Seit dem Jahreswechsel prägen jedoch grüne Zahlen die Kurstafeln – und das ist keine gute Nachricht für Investoren. Denn anders als im Rest der Welt steht die Farbe an Chinas Festlandbörsen für sinkende Kurse: Seit Jahresbeginn hat der MSCI China rund 11 Prozent an Wert verloren.

Zahlreiche Regulierungsmaßnahmen der chinesischen Regierung, insbesondere mit Bezug zum Technologiesektor, haben den Optimismus der Anleger zuletzt gebremst. Bereits im April hatten die Behörden dem Internetriesen Alibaba eine Strafe von umgerechnet rund 2,3 Milliarden Euro wegen Verstößen gegen das Wettbewerbsrecht aufgebrummt. Im Juli folgten kurz nach dem Börsengang von Didi Chuxing in New York Maßnahmen gegen den Fahrdienstleister wegen Datenschutzverstößen. Und zuletzt sorgten die Regulierer mit strengen Regeln für Nachhilfeunternehmen für Aufsehen: Ihnen ist es ab sofort untersagt, Gewinne zu erzielen.

Maßnahmen passen zum Fünfjahresplan

Was ist der Hintergrund dieser Maßnahmen? Dass es sich dabei um Willkür und die Abkehr vom marktwirtschaftlichen Modell handelt, denkt Mark Dowding nicht. Der Investmentchef des Asset Managers BlueBay erklärt: „Die ergriffenen Maßnahmen stimmen sehr gut mit den im jüngsten Fünfjahresplan dargelegten strategischen Zielen überein – und diese haben die chinesischen Entscheidungsträger allen, die es hören wollten, gerne erläutert.“ Weit oben auf der Agenda stünden der Abbau der hohen Immobilien-, Bildungs- und Gesundheitskosten, die die Bevölkerung belasten – auch, weil diese für den Rückgang der Geburtenrate verantwortlich sein könnten.

„Kein Unternehmen ist zu groß, um zu scheitern“, sagt Dowding. „Und in China gilt: Je größer man ist, desto mehr soziale Verantwortung muss man übernehmen. Außerdem kann es für Unternehmen schwierig werden, wenn sie den chinesischen Regulierungsrahmen verlassen und zum Beispiel in New York an die Börse gehen.“ Darüber hinaus setze sich Peking für den Schutz kleiner und mittlerer Unternehmen vor monopolistischen Tendenzen ein.

Ben Sheehan, Spezialist für Aktien aus dem Raum Asien/Pazifik bei Aberdeen Standard Investments, pflichtet dem bei: „Peking hat allen strategischen Hindernissen auf dem Weg des Landes zu ‚allgemeinem Wohlstand‘ den Kampf angesagt. Dieses Ideal bedeutet im Wesentlichen eine stärkere Fokussierung darauf, dass es dem Normalverbraucher gut geht.“ Der allgemeine Wohlstand sei eine Säule der chinesischen Wirtschaftsstrategie. Deren Ziel sei eine gerechtere Wirtschaft, bei der Binnenkonsum, Digitalisierung, eine moderne Industrie- und Dienstleistungsbranche flankiert von einem erfolgreichen grünen Wandel im Fokus stehen.

„Tatsächlich ist der Internetsektor im Reich der Mitte derart erfolgreich und schnell gewachsen, dass die Regierung bei der Regulierung ins Hintertreffen geraten war und eine ‚Aufholjagd‘ starten musste“, analysiert Sheehan.

Kein Schlag gegen die Privatwirtschaft

Zunächst klinge das Vorgehen der Kommunistischen Partei nach einem Schlag gegen die Privatwirtschaft, sagt Carsten Gerlinger, Managing Director und Head of Asset Management bei Moventum AM. Aber: „Das Gegenteil ist der Fall.“ Es handele sich vielmehr um eine Anpassung an westliche Standards, was die Regulierung angeht. „Internetplattformen und E-Commerce konnten in China über Jahre fast unreguliert und unbeaufsichtigt wachsen“, so Gerlinger. Jetzt würden Schlupflöcher geschlossen, die auch viele westliche Nationen lange bemängelt haben.

Insgesamt werde der Wettbewerb innerhalb Chinas, aber auch im internationalen Vergleich, fairer. „Das ist eine Entwicklung, die auf lange Sicht eher positiv wirken wird“, so Gerlinger. „Langfristig ist die Region als Wachstumsmotor der Weltwirtschaft wichtig, allein der chinesische Konsum ist wahrscheinlich noch Jahrzehnte von seinem Höhepunkt entfernt.“

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Langfristige Aussichten bleiben gut

Sheehan zeigt sich ebenfalls weiterhin optimistisch für Investments in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt. „Wir bleiben zuversichtlich, was die langfristigen Aussichten für chinesische Aktien anbelangt.“ China brauche zum Ankurbeln seines Wachstums auch weiterhin gut funktionierende Kapitalmärkte. „Unseres Erachtens nach bleiben die Aussichten für Unternehmen gut, die sich den veränderten regulatorischen Anforderungen und den Zielen der Politik anpassen können.“ Dazu gehörten digitale Innovation, grüne Technologien, Zugang zu erschwinglicher Gesundheitsversorgung und verbesserte Lebensbedingungen.

„Um die Innovationsfähigkeit zu erhalten und zu fördern, ist Feingefühl bei der Regulierung erforderlich“, sagt Sheehan. „Wir erwarten, dass China die Gratwanderung zwischen der Förderung von Innovationen und angemessener Regulierung gelingt.“ Ein allgemein hartes Durchgreifen in Privatsektoren der New Economy sei eher unwahrscheinlich angesichts ihrer Rolle im Rahmen der Vision Chinas von einer modernen, produktiven und konsumorientierten Wirtschaft.

Wer auf China verzichtet, könnte sich Chancen entgehen lassen

Es gelte aber, die künftige Regulierung und die damit einhergehenden Risiken und Chancen aufmerksam zu verfolgen. „Klar ist, dass die Regulierer auch weiterhin vor allem Bereiche wie das Internet, die Bildung, Immobilien und das Gesundheitswesen im Visier haben werden“, erwartet Sheehan. Das bedeute aber nicht per se, dass Anleger diese Sektoren meiden sollten. Es könne sich durchaus lohnen, auch in diesen Bereichen mithilfe einer sorgfältigen Auswahl fehlbewertete Anlagechancen zu nutzen. „Anleger, die wahllos alles mit Bezug zu China abgestoßen und die möglichen Folgen auch auf andere Branchen übertragen haben, könnten sich gute Chancen entgehen lassen.“

Der Aktienexperte und sein Team bevorzugen Qualitätsunternehmen mit starkem Bezug zum Konsum und insbesondere zum Binnenkonsum. „Dieser Sektor ist gut auf die strategischen Ziele der Regierung abgestimmt. Und damit dürfte er besser aufgestellt sein, um dem Gegenwind vonseiten des Regulierers standzuhalten und weiter zu florieren.“

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