Aktienmärkte im zweiten HalbjahrWeiteres Renditepotenzial – aber weniger als 2020

Die Kapitalzuflüsse in den europäischen Aktienmarkt dürften anhalten, Schwellenländeraktien sind günstig bewertet und in den USA ist das Gegenteil der Fall: Nadège Dufossé, Global Head of Multi-Asset bei Candriam, über die weiteren Aussichten an den Börsen und strukturelle Veränderungen infolge der Pandemie.

09.07.2021 - 12:59 Uhr09.07.21 12:59
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Solaranlage in der italienischen Toskana
Solaranlage in der italienischen Toskana: Von den im Rahmen des EU-Maßnahmenpakets „European Green Deal“ geplanten Investitionen dürften klimabezogenen Sektoren profitieren © IMAGO / robertharding

Die Weltwirtschaft dürfte weiter Fahrt aufnehmen – die konjunkturelle Erholung aber nicht überall in gleichem Tempo stattfinden. Damit rechnet der Vermögensverwalter Candriam für das zweite Halbjahr 2021. Während die Erholung zunächst in China und anschließend in den USA ihren Lauf nahm, seien Europa und Lateinamerika immer noch nicht über den Berg.

Die Aktienmärkte würden gute Nachrichten bereits einpreisen und hätten die kräftige Erholung nach der Pandemie gut aufgenommen, was an der deutlichen Outperformance zyklischer Werte seit dem Tief im März 2020 abzulesen sei. „In diesem Umfeld erwarten wir jetzt positive, aber niedrigere Renditen als im letzten Jahr“, sagt Nadège Dufossé, Global Head of Multi-Asset bei Candriam.

Potenzial in Europa, hohe Bewertungen in den USA

In Europa betrachtet Candriam das Paket „Next Generation EU“ und die Aussetzung des Stabilitätspakts bis Ende 2022 als Haupttreiber der positiven Stimmung, auch wenn die Wahlen in Deutschland und Frankreich kurzfristig für Unsicherheiten sorgen könnten. „Da sich die Wirtschaft außerdem immer noch von der Krise erholt, gehen wir davon aus, dass relativ höhere Einkaufsmanagerindizes gegenüber den USA die anhaltende Umschichtung von Kapital in die Region unterstützen würden.“

In Japan rechnen die Candriam-Experten vor dem Hintergrund der globalen Erholung, der bald beginnenden Olympischen Spiele und der Beschleunigung des Impfprozesses ebenfalls mit einer positiven Performance am Aktienmarkt.

Lässt man China außen vor, wurden die Börsen in den Schwellenländern und insbesondere in Lateinamerika von der Krise sehr hart getroffen. Die aktuellen Bewertungen würden attraktiv erscheinen und die Rally der Rohstoffpreise dürfte Rückenwind geben.

„Dagegen scheinen US-Aktien bereits eine Menge guter Nachrichten eingepreist zu haben“, sagt Dufossé. „Zu den ausgereizten Bewertungen kommt hinzu, dass die USA eines der ersten Länder waren, die die Krise hinter sich gelassen haben.“ Da die Erholung nahezu abgeschlossen sei, rechne Candriam damit, dass der Einkaufsmanagerindex sinke und nur sehr wenig Spielraum für positive Überraschungen biete. Daher bevorzugt der Vermögensverwalter nach wie vor kleinere und mittlere Unternehmen gegenüber Large Caps, die relativ unterbewertet erscheinen und von einer stärkeren Binnennachfrage profitieren dürften.

Trotz der insgesamt positiven Aussichten für Konjunktur und Kapitalmärkte sollten Anleger jedoch auch die Risiken nicht außer Acht lassen. Insbesondere gelte es fünf potenzielle Unsicherheitsfaktoren im Auge zu behalten:

  • Unkontrollierter Anstieg der Anleiherenditen: Einige US-Indikatoren deuten bereits auf einen stärkeren Arbeitsmarkt hin. Sollten die kommenden Beschäftigungsberichte positiv überraschen, könnten die Renditen sowohl real als auch nominal steigen.
  • Einschränkungen auf der Angebotsseite: Unternehmen warnen vor Schwierigkeiten bei der Personaleinstellung und beim Aufbau von Lagerbeständen, um der Erholung der Nachfrage gerecht zu werden. Sollte dies anhalten, könnten Preiserhöhungen ohne höheres Wachstum folgen, die Margen unter Druck geraten und die Erholung belastet werden.
  • Das Virus: Das mutierende Coronavirus könnte immer wieder ein Thema werden.
  • Geopolitische Spannungen: Spannungen zwischen China und beziehungsweise oder Russland und den USA stehen auf der Tagesordnung, wie die Nachrichten von den G7- und NATO-Gipfeln gezeigt haben.
  • Politische Unsicherheit: Die soziale Kluft zwischen den Verlierern und den Gewinnern der Corona-Krise vergrößert sich. Darüber hinaus stehen in den kommenden zwölf Monaten in mehreren Ländern Wahlen an – darunter im September in Deutschland.

Paradigmenwechsel infolge der Krise

Das Portfoliomanagement von Candriam ziele auch darauf ab, langfristige Trends zu erkennen. „Wir gehen davon aus, dass es infolge der Krise einen Paradigmenwechsel geben wird, bei dem neue Chancen entstehen“, sagt Dufossé. Die Coronavirus-Pandemie habe die Grenzen des aktuellen Wirtschaftsmodells aufgezeigt. „Der Wiederaufbau ist aus unserer Sicht eine Chance, eine nachhaltigere, gerechtere und robustere Wirtschaft zu schaffen.“

Die im Rahmen des EU-Maßnahmenpakets „European Green Deal“ geplanten massiven Investitionen in Europa, insbesondere in Italien, und der Infrastrukturplan in den USA dürften eine erhebliche Nachfrage nach klimabezogenen Sektoren schaffen. „Der Übergang zu einer nachhaltigeren Wirtschaft hat gerade erst begonnen und dürfte das Wachstum in diesem Bereich in den kommenden Jahren stützen“, sagt die Multi-Asset-Spezialistin.

Außerdem habe in den vergangenen Jahrzehnten die Ungleichheit zugenommen, was durch die Hilfsmaßnahmen im Zuge der Finanzkrise 2008/09 noch verstärkt worden sei. Für die liberalen Demokratien und das demokratische Modell scheine es unerlässlich zu sein, die unteren und mittleren Klassen zu unterstützen. In den USA sehe das „Building Back Better“-Programm wesentliche Veränderungen zugunsten der Armen vor, zum Beispiel Krankenversicherungen für alle oder Maßnahmen zur Förderung der Gleichstellung von Frauen und ethnischen Minderheiten. Nach Jahren der steuerlichen Optimierung durch den Unternehmenssektor und der Vermögenden sei es vielleicht an der Zeit, etwas vom Kuchen abzugeben.

Darüber hinaus sieht Candriam eine neue Ära der Deglobalisierung. Dafür verantwortlich seien drei Haupttreiber:

  • Der ökologische Wandel dürfte den lokalen Konsum und kleinere sowie mittlere Unternehmen fördern, die sensibler auf das Wachstum des lokalen Bruttoinlandsprodukts (BIP) reagieren und weniger vom internationalen Handel betroffen sind.
  • Ein Wechsel von einem Effizienz- zu einem Resilienzmodell dürfte die empfundene übermäßige Abhängigkeit von einer sehr kleinen Anzahl von Ländern und Unternehmen verringern. Dies könnte Industrie- und Robotikunternehmen den Weg ebnen, um zur Reindustrialisierung der Industrieländer beizutragen. Große Infrastrukturpläne dürften diesen Trend ebenfalls unterstützen, was sich positiv auf die Rohstoffpreise auswirke.
  • Die Entkopplung zwischen den USA und China werde wahrscheinlich zwei Einflussbereiche entstehen lassen, die nach monetärer, industrieller, technologischer und wirtschaftlicher Unabhängigkeit streben. Dieser Wettlauf um den Spitzenplatz sollte Forschung und Entwicklung sowie Innovationen fördern.

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