Börse und Bundestagswahl, Teil 1 Wie die Bundestagswahl die Kapitalmärkte beeinflussen könnte

Am 26. September wählen die Deutschen ein neues Parlament. Welche Regierung daraus hervorgehen wird, ist aktuell noch vollkommen offen. Wir haben Experten gefragt, welche Reaktionen die Abstimmung an den Börsen hervorrufen könnte.

23.09.2021, aktualisiert 24.09.2021 - 09:5824.09.21 - 09:58
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Der Deutsche Bundestag
Der Deutsche Bundestag: Aktuell sind zahlreiche Regierungskoalitionen denkbar. © imago images / Xinhua

Nach drei Triellen, Dutzenden Wahlkampfauftritten und unzähligen Umfragen ist es am 26. September soweit: 60,4 Millionen Wahlberechtigte wählen den 20. Deutschen Bundestag. Fest steht bisher nur, dass der Kanzler oder die Kanzlerin danach nicht mehr Angela Merkel heißen wird. Darüber hinaus scheint alles offen – auch wenn es aktuell nach einem Zweikampf von Olaf Scholz, SPD, und CDU-Mann Armin Laschet aussieht, während die Grünen-Kandidatin Annalena Baerbock nur noch Außenseiterchancen haben dürfte.

Bis die neue Regierung steht, dürfte es ohnehin eine Weile dauern. Denn Stand jetzt sind zahlreiche Koalitionen denkbar. Das macht die Wahl für Dr. Christian Jasperneite, Chef-Anlagestratege bei M.M.Warburg & CO, spannend: „Im Vorfeld von Bundestagswahlen neigt man gerne dazu, die Bedeutung der Wahl ein wenig zu überfrachten, indem man von einer historischen Wahl, einer Richtungswahl oder sogar Schicksalswahl spricht. Im konkreten Fall der nun anstehenden Bundestagswahl scheint es aber tatsächlich gerechtfertigt zu sein, die Bedeutung als überdurchschnittlich einzustufen.“ Neben zahlreichen anderen möglichen Koalitionen bestehe zum ersten Mal die realistische Option, dass es zu einer Rot-Grün-Roten-Koalition kommen könnte.

Rot-Rot-Grün könnte für Irritationen sorgen

„Vermutlich würden die Märkte zunächst ein wenig positiv reagieren, wenn es zu einer Koalition aus CDU/CSU, Grünen und FDP kommen würde“, sagt Jasperneite. Prinzipiell sei aber jede denkbare Konstellation ohne die Partei Die Linke zunächst weitgehend unkritisch, zumal auch ein nicht unerheblicher Anteil der Gewinne von Dax-Unternehmen außerhalb von Deutschland anfällt und die Bedeutung von deutschen Wahlen nicht überschätzt werden sollte. „Eine Rot-Rot-Grüne Koalition würde aber Märkte irritieren: So gibt es bei allen drei Parteien in unterschiedlichen Ausprägungen gewisse Präferenzen für Enteignungen, Mietpreisdeckelung, Vermögensbesteuerung, EU-Transferunion sowie eine Aufgabe des EU-Stabilitätspaktes und der deutschen Schuldenbremse.“ Dass insbesondere die Einführung einer bundesweiten Mietpreisdeckelung für Investoren ein kritisches Signal wäre, das auch den deutschen Aktienmarkt für sich genommen eher negativ tangiert, ist für Jasperneite ziemlich offensichtlich. „Auch die Einführung einer Vermögenssteuer, die aus der Substanz des Unternehmens zu zahlen ist, selbst wenn gar keine Erträge anfallen, dürfe keine Begeisterungsstürme an den Märkten auslösen.“

Jasperneite sagt aber auch: „Auf der anderen Seite könnten vor allem angelsächsische Investoren einer solchen Konstellation auch etwas Positives abgewinnen. Denn eine zu erwartende Aufweichung der deutschen Schuldengrenze und eine Zustimmung zu einer EU-Transferunion würde aufgrund des gewaltigen Potenzials zur weiteren Schuldenaufnahme erst einmal die Nachfrage und damit auch Umsätze und Gewinne steigern.“

Langfristig wäre Deutschland dann ebenso hoch verschuldet wie die anderen Länder der Eurozone, aber auf dem Weg dahin gäbe es für die Märkte aus Jasperneites Sicht „unter Umständen sogar einige positive Impulse, wenn die Europäische Zentralbank trotz rasant steigender Schulden die Refinanzierung sicherstellt. Auf lange Sicht wäre ein solches Szenario aber hochgradig kritisch zu beurteilen.“ Ansonsten seien aus seiner Sicht vermutlich alle denkbaren Konstellationen mehr oder weniger ein Non-Event.

Parteien müssen Zugeständnisse machen

Die Bundestagswahl als Non-Event, außer das Regierungsbündnis ist Rot-Rot-Grün gefärbt – das sieht auch Thomas Kruse, CIO Amundi Deutschland, so: „Die wahrscheinlichsten Koalitionsmöglichkeiten scheinen die Jamaika- oder die Ampelkoalition zu sein. In beiden Fällen wären die Grünen und die FDP vertreten und die jeweils Kanzler stellende Partei müsste verstärkt Zugeständnisse machen, um beide an Bord zu bekommen. Insofern wären die Unterschiede zwischen diesen beiden Koalitionen begrenzt und die Wahl hätte kurzfristig kaum Einfluss auf die Märkte“, erläutert Kurse. „Sollte es aber zu einer Rot-Rot-Grünen Koalition kommen, wäre dies sicherlich anders.“

Zwar werde es je nach Koalition Unterschiede geben, die deutschen Unternehmen seien aber für jedwede politische Zukunft gut aufgestellt. Für die mittel- bis langfristige wirtschaftliche Entwicklung in Europa ist aus seiner Sicht die Wahl in Frankreich 2022 ausschlaggebender: „Je nach Ausgang der Wahl und der sich daraus ergebenden Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Frankreich können positive wirtschaftliche Signale gesetzt werden. Voraussetzung hierfür ist, dass wir die europäischen Kräfte bündeln können, so dass Europa nicht den Anschluss im Wettrennen mit China und den USA verliert.“

Überraschungen können zu Unruhe führen

Dass sich der Einfluss der Bundestagswahl auf die Kapitalmärkte eher in Grenzen halten dürfte, erwarten auch andere Experten. „Der Einfluss ist relativ überschaubar. Mit radikalen Umbrüchen in der deutschen Politik ist kaum zu rechnen, da im Zusammenspiel von Bundestag und Bundesrat die großen, also zustimmungsbedürftigen Gesetze letztlich das Plazet vieler Parteien benötigen“, sagt Dr. Martin Moryson, Chefvolkswirt Europa der DWS. Internationale Investoren betrachteten die Wahl vor allem aus einer Blickrichtung: Wie wird die neue Regierung zu einer weiteren europäischen fiskalischen Integration stehen? Moryson sieht allerdings „selbst unter einer rot-grün-roten Regierung die Chancen als gering, dass die Deutschen ihre Schatullen weit – im Sinne einer Transferunion – öffnen würden.“

Ein radikaler Politikwechsel ist aus Morysons Sicht unwahrscheinlich. „Ein Großteil der Anleger hätte die größten Vorbehalte bei einem rot-grün-roten Bündnis und die geringsten Sorgen bei einer schwarz-gelben Koalition. Ansonsten könnten natürlich Überraschungen zu temporärer Unruhe führen. Etwa die erstmalige Bildung einer Minderheitsregierung oder der Ruf nach Neuwahlen.“