Verantwortungsbewusstes Investieren Wie lassen sich Klimarisiken im Portfolio verringern?

Es erscheint einfach, klimarelevante Risiken zu vermeiden und die sich aus der Klimawende ergebenden Chancen zu nutzen. Die Wirklichkeit ist aber komplexer: Warum das Absenken des CO2-Fußabdrucks eines Portfolios nicht ausreicht, erklärt Christian Jasperneite, Investmentchef bei M.M.Warburg & CO.

25.10.2021 - 11:3026.10.21 - 11:03
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Junge Eisbären
Junge Eisbären: Die klimaspezifischen Herausforderungen werden die Finanzbranche noch Jahrzehnte beschäftigen© Imago Images / Cavan Images

Der Klimawandel spielt nicht erst seit der Bundestagswahl eine zentrale Rolle. Während viele andere relevante Themen mit der Zeit an Bedeutung verlieren, dürfte die globale Erwärmung in den kommenden Jahrzehnten dauerhaft oben auf der Agenda stehen. So überrascht es nicht, dass auch Investoren klimarelevante Themen immer mehr in den Mittelpunkt rücken und sie somit zu einer wichtigen Komponente der Portfoliokonstruktion werden. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf der Frage, inwieweit und in welcher Weise die Möglichkeit besteht, auf den Klimawandel zu reagieren.

Wie sich der Klimawandel auf Aktien auswirkt

Der Klimawandel wirkt sich in unterschiedlicher Hinsicht auf Portfolios aus. Zum einen gibt es Aktien oder sogar ganze Branchen, die direkt unter den steigenden CO2-Preisen leiden. Das betrifft vor allem die Regionen, in denen der CO2-Emissionshandel den Kohlendioxid-Ausstoß begrenzt. Dazu gehört insbesondere Europa, aber auch China. Zum anderen gibt es Aktien und Branchen, die indirekt unter Klimaeffekten leiden. Darunter sind zum Beispiel Versicherungen, deren Schadensfälle durch Extremwetterereignisse zunehmen. Zu anderen können einzelne Aktien oder Branchen vom Klimawandel und den damit einhergehenden staatlichen Eingriffen, Subventionierungen sowie einer geänderten Nachfrage profitieren. 

Auf den ersten Blick erscheint es einfach, klimarelevanten Risiken auszuweichen und die Chancen, die sich aus der Klimawende ergeben, zu nutzen, indem man den CO2-Fußabdruck seines Portfolios senkt. Das ist jedoch zu kurz gegriffen – schließlich weisen beispielsweise Versicherungen einen vergleichsweise kleinen CO2-Fußabdruck auf – bergen allerdings ein größeres mittelfristiges „Klimarisiko“.

Im Prinzip müsste deshalb jede Aktie mit einem „Klimarisikoscore“ versehen werden, der sich aus einer CO2-Preis-Sensitivität und anderen weniger gut quantifizierbaren Größen zusammensetzt. Mithilfe dieser Informationen ließe sich ein Portfolio aufbauen, das gegenüber seiner Benchmark deutlich weniger Klimarisiken aufweist.

Wer allerdings denkt, dass die Lösung damit schon gefunden ist, täuscht sich gewaltig. Denn: Ein derart optimiertes Portfolio würde andere, neue Risiken in Form einer deutlich von der Benchmark abweichenden Sektorallokation oder aber in Form einer massiv von der Benchmark abweichenden Faktorskyline mit sich bringen. Kontrolliert man diese Parameter, sinkt wiederum die Attraktivität hinsichtlich der Klimarisiken.

Gutes tun mit EU-Emissionsrechten?

Geht man davon aus, dass ein gewisser Teil der tatsächlichen Klimarisiken mit der Entwicklung des CO2-Preises zusammenhängt, erscheint eine direkte Absicherung über den Kauf von EU-Emissionsrechten möglich. Zwar können EU-Emissionsrechte nicht direkt ins Depot gebucht werden. Doch es gibt inzwischen Vehikel, die den Preis von diesen gut abbilden und die einem Portfolio beigemischt werden können.

Wer EU-Emissionsrechte im Portfolio hält, könnte auf die Idee kommen, dass er allein schon damit der Umwelt etwas Gutes tut. Die Argumentation dahinter: Dadurch, dass man Emissionsrechte kauft, steigt deren Preis, so dass die Zertifikate knapper werden und damit weniger emittiert wird. Und weil man zudem selbst Rechte hält, können diese für die Legitimation von Emissionen nicht mehr genutzt werden. Man hätte also zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Doch diese Argumentation ist nicht korrekt. 

Zum einen werden Emissionsrechte nicht automatisch weniger genutzt, wenn sie kostspieliger werden. Denn der EU-Emissionshandel setzt konzeptionell am Mengen- und nicht am Preiseffekt an. Das bedeutet: Die Politik legt fest, wie viele Emissionsrechte zur Legitimation zur Verfügung stehen, und der Preis bestimmt am Ende darüber, wer diese Rechte hält und nutzt. Wenn nun die Kosten steigen, werden einige Unternehmen, die Rechte halten, diese verkaufen. Es dürfte sich dennoch ein Käufer finden lassen, für den es sich weiterhin lohnt, auch zu einem höheren Preis Emissionen damit zu legitimieren – schließlich handelt es sich per Definition um einen markträumenden Preis, also für jeden Verkäufer gibt es auch einen Käufer.

Es ist dabei unvorstellbar, dass teure Rechte dauerhaft nur gehalten und nicht genutzt und auch nie verkauft werden – das wäre ökonomisch vollkommen widersinnig. Am Ende wird jedes gültige Recht in den Händen einer ökonomisch handelnden Firma auch für die Legitimation von Emissionen genutzt werden. Festzuhalten bleibt also, dass eine Veränderung des CO2-Preises kaum einen Einfluss auf den Reduktionspfad von CO2-Emissionen hat. 

Zum anderen hilft es der Umwelt auch nicht, wenn Rechte temporär dem Markt entzogen werden, indem sie für einige Jahre in einem Depot gehalten werden. Nicht zuletzt, da es beim Klimaschutz um Emissionen geht, die sich über viele Jahrzehnte erstrecken. Dem Klima ist es vergleichsweise egal, ob Emissionen jetzt oder aber in sieben oder zehn Jahren entstehen. Entscheidend ist allein die Gesamtemissionsmenge – deren zeitliche Verteilung ist weitgehend sekundär.

Es gibt keine einfache Lösung

Wie man es auch dreht und wendet: Das Management von Klimarisiken ist kein einfaches Unterfangen. Man sollte nicht glauben, dass hier einfache Antworten und Lösungen existieren. Die Thematik ist komplex und herausfordernd. Trotzdem gibt es keinen Grund, den Kopf in den Sand zu stecken. Die klimaspezifischen Herausforderungen werden uns Jahrzehnte begleiten. Dieser Weg mag steinig sein, aber gleichzeitig ist die damit einhergehende Lernkurve nicht zu unterschätzen. Es spricht vieles dafür, dass die Herausforderung auch gemeistert wird – so wie viele andere Herausforderungen der letzten Jahrzehnte.

Über den Autor

Dr. Christian Jasperneite studierte an der Universität Passau VWL und promovierte anschließend an der Universität Passau am Lehrstuhl für Wirtschaftspolitik. Nach einem Forschungsaufenthalt an der Harvard University begann er im Jahr 2000 als Analyst im Makro-Research von M.M.Warburg & CO. Seit Anfang 2009 ist Dr. Jasperneite Chief Investment Officer bei M.M.Warburg & CO und verantwortet dort u.a. Fragen der strategischen und taktischen Allokation sowie der Portfoliokonstruktion und der Produktentwicklung.