Kapitalmarkt und Technologie Wie Wale und Wellen die Kryptopreise prägen

Während einige Anleger Kryptowährungen bereits als das neue Gold bezeichnen, fühlen sich andere sich von den starken Kursschwankungen abgeschreckt. Warum die Einbrüche mit der Zeit jedoch weniger massiv ausfallen dürften und welche Gründe für einen langfristigen Aufwärtstrend von Kryptowerten sprechen, erklärt Hartmut Giesen, Digitalisierungsexperte der Hamburger Sutor Bank.

10.09.2021 - 14:1410.09.21 - 14:21
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Bitcoin-Automat in Hongkong
Bitcoin-Automat in Hongkong: Mit dem verbesserten Zugang steigt auch die Nachfrage nach dem Bitcoin und anderen Kryptowährungen © IMAGO / NurPhoto

Die Kurse des Bitcoins und anderer Kryptowerte sind zu Beginn der Woche stark eingebrochen. Nach Ansicht von Hartmut Giesen, Digitalisierungsexperte der Hamburger Sutor Bank, werden sie von verschiedenen Kräften bewegt. Diese sollten Anleger verstehen, bevor sie in die Anlageklasse investieren. Während kurzfristige Marktereignisse wie das Freisetzen von Kryptobeständen durch Großeigner, sogenannte Wale, kurzfristig immer wieder für höhere Ausschläge sorgen können, werden die Wellentäler immer flacher, wie der Bitcoinkurs zeige. Dies spreche laut Giesen für einen langfristigen, technologiegetriebenen Aufwärtstrend beim Bitcoin und bei Kryptowerten insgesamt.

Kryptowährungen: Finanzmarktkräfte treffen Technologie

„Kryptowährungen beziehen ihren Wert aus der Blockchain-Technologie, aus der sie entstehen. Das Neue und Besondere sind daher, dass diese Technologie Finanzinstrumente quasi selbst emittiert und deren Kurs von ihrer technologischen Durchsetzung beeinflusst wird. Aber eben nicht nur: Auch Finanzmarktkräfte beeinflussen die Kurse, was anhand der Volatilität von Kryptowerten deutlich wird“, erklärt Giesen.

Plötzliche Einbrüche und andere extreme Volatilitätsbewegungen lassen sich nach Ansicht des Krypto-Experten kurzfristigen Finanzmarktereignissen zuordnen: „Man vermutet, dass sogenannte Wale – also Marktakteure, die auf hohen Beständen sitzen – den mit dem Start des Bitcoins als staatlich anerkannte Währung von El Salvador verbundenen Preis-Peak genutzt haben, um Kasse zu machen und dadurch den Preis nach unten gerissen haben.“

Adaptionswellen statt Spekulationswellen

Der Innovationsmanager sieht zwei verschiedene Arten von Wellen in der Kursentwicklung von Kryptowerten: Kurzfristige Spekulationswellen (Oberflächenwellen), die von Gefühlen, Trends oder dem Verhalten von Marktteilnehmern beeinflusst werden, sowie langfristige Wellen (Tiefenwellen), die die Adaption der Blockchain-Technologie reflektieren.

Um die Wellenthese zu untermauern, hat die Sutor Bank eine Auswertung des Bitcoin-Kurses vorgenommen, weil dieser historisch am weitesten zurückreicht. Der Fokus lag dabei auf zwischenzeitlichen Hochs und Tiefs. Dauerte es beispielsweise vom ersten Allzeithoch im November/Dezember 2013 (1.100 US-Dollar) bis zum nächsten Hoch im Dezember 2017 (19.000 US-Dollar) noch 60 Monate, haben sich fortan die Zeiträume von Hoch zu Hoch seither verkürzt (siehe Tabelle).

Tabelle: Bitcoin-Kurs (Hoch/Tief) im Zeitverlauf, Zeitraum von Hoch zu Hoch bzw. Tief zu Tief

Quelle: Sutor Bank, coinmarketcap

Bei den Rückschlägen lässt sich feststellen, dass diese über die Zeit weniger massiv ausfallen. Demnach lag der Unterschied zwischen dem jüngsten Hoch im April 2021 und dem jüngsten Tief im Juli 2021 bei rund 47 Prozent, davor waren es zwischen Juni 2019 (Hoch) und März 2020 (Tief) noch 58 Prozent.

„Lässt man die kurzfristigen Ups und Downs einmal außer Acht, erkennt man, dass die Kurstäler tendenziell kürzer und weniger tief werden. Der auf ein Tief folgende Wellenberg ist hingegen höher als der vorige“, stellt Giesen fest. Diese fundamentaleren Wellen seien somit eher Adaptions- als Spekulationswellen – was für eine deutlich fortschreitende Marktadaption des Bitcoins und damit auch eine zunehmende Bedeutung als Diversifikator in Anlegerportfolios spricht.

Indizien für einen technologiegetriebenen Aufwärtstrend

Für den langfristigen, technologiegetriebenen Aufwärtstrend spielen für Giesen vor allem der Zugang zu sowie die Entwicklung von innovativen Anwendungsblockchains eine Rolle. Mit Blick auf den Marktzugang habe sich gerade in Deutschland in den vergangenen Monaten sehr viel getan. „Ein Teil der Preisentwicklung des Bitcoins lässt sich damit erklären, dass immer mehr Menschen Zugang zu Kryptowährungen bekommen und die Nachfrage in Deutschland und anderen Ländern weiter steigt“, sagt Giesen. Noch im vergangenen Jahr habe kaum ein Broker Kryptowährungen im Angebot gehabt. Interessierte mussten auf Spezialplattformen oder ausländische Kryptobörsen ausweichen. Im Oktober 2020 ging mit JustTrade das erste Krypto-Broker-Angebot an den Markt. Inzwischen sei der Kauf von Kryptowährungen so einfach wie der Erwerb von Aktien oder Fonds. „Weitere neue Produkte, etwa die Kryptowerte-Portfolio-Sparpläne des Anbieters coindex, werden die Adaption auch von langfristig orientierten Anlegern weiter beschleunigen“, ist Giesen überzeugt.

Ein zweiter Faktor, der für eine langfristig stabile Entwicklung spricht, ist aus Giesens Sicht das Auftreten neuer Kryptowährungen wie Polkadot, Cardano oder Solana. „Die Preise für diese Währungen werden in natürlicher Weise weiter steigen, wenn sich die jeweiligen Technologieansätze durchsetzen.“