Trump und BidenZwei Szenarien für die Zukunft der Aktienmärkte

Wie es nach der US-Wahl an den Finanzmärkten weiter geht und worauf Anleger unbedingt achten sollten, erklärt Gonzalo Pradas, Chief Investment Officer bei Openbank.

27.10.2020 - 14:33 Uhr27.10.20 14:33
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Der Gang zur Wahlurne in New York
Der Gang zur Wahlurne in New York: Ist es nur der Zweikampf Trump gegen Biden, der die globalen Aktienmärkte beeinflussen wird?© imago images / ZUMA Wire

Kurz vor dem Wahltag in den USA können wir die Achterbahnfahrt der Meinungen, Artikel und Emotionen in ihrer ganzen Bandbreite beobachten. Angefangen bei der Frage wie klar, schnell und komfortabel der Sieg für die Demokraten sein wird, bis hin zu der Frage, warum es im Grunde klar ist, dass das Comeback von Präsident Trump immense Ausmaße annehmen wird.

Doch am Ende dreht sich das Universum immer wieder nur um Florida, Pennsylvania und Iowa – den wichtigsten Swing-Staaten bei den US-Wahlen.

Wer wird gewinnen? Ehrlich gesagt: Keine Ahnung. Doch ist es nur der Zweikampf Trump gegen Biden, der die globalen Aktienmärkte beeinflussen wird (und beeinflusst)?

Wenn es um die Finanzmärkte geht, sind die Zusammensetzung des US-Senats, möglicherweise verspätete Wahlergebnisse und die Anhörung des Obersten Gerichtshofs zum Affordable Care Act nur eine Woche nach den US-Wahlen Meilensteine, die genauso Beachtung verdienen, wie der Name des sechsundvierzigsten Präsidenten der USA.

Vier Themen, über die es zu diskutieren gilt

1) Außenpolitik
2) Technologieunternehmen, ihre Regulierung und darüber hinaus
3) Klimapolitik und Nachhaltigkeit
4) Fiskalpolitik

Beim ersten Punkt könnte das Tauziehen zwischen China und den USA weitergehen, da hier die Zusammensetzung des US-Senats eine größere Rolle spielt als das Ergebnis der Präsidentschaftswahl selbst. Von diesem wichtigen Bereich der Außenpolitik abgesehen, würde eine Biden-Administration eine verlässlichere und weniger volatile Herangehensweise verfolgen, während eine zweite Amtszeit von Donald J. Trump eher einen Schub für „America First“ bedeuten würde.

Wenig überraschend steht die Technologie-Branche im Jahr 2020 jede Woche im Fokus des öffentlichen Interesses. Und am Vorabend der US-Wahlen umso mehr. Aktuell beschäftigen zwei Einflüsse diesen Sektor, und ein weiterer wird folgen: Datenschutz- und Kartellregulierungen sowie eine mögliche Steuerreform. Technologie-Riesen werden sich an die ersten beiden anpassen – in Europa haben sie das bereits getan. Die kartellrechtlichen Bemühungen wären bei Biden umfangreicher, genauso wie eine Steuerreform (im Rahmen der Fiskalpolitik). Das ist klar.

Aber eine stärker zukunftsorientierte Frage ist, ob dies über die Technologie-Branche hinausgeht. Unter Biden und einem demokratischen Senat wäre eine branchenweite Durchsetzung des Kartellrechts wahrscheinlicher, was eine Bedrohung für die Aktienmärkte darstellen könnte. Gleichwohl kann all der Lärm um die Tech-Unternehmen ihrer beispiellosen Outperformance schaden.

Beim Blick auf Klimaschutzmaßnahmen dürfte eine Rückkehr in das Pariser Klimaabkommen der größte politische Unterschied zwischen einer Biden- und einer Trump-Administration sein. Konkrete Maßnahmen stehen bei Biden in Aussicht: Steuererleichterungen für Nullemissionen, Dekarbonisierung von Energiequellen, Emissionsverringerung im Verkehr, Verbesserung der Energieeffizienz in Gebäuden, Offshore-Windenergie, strengere Regulierung bei Öl (was auf mögliche Preiserhöhungen zielt – umso mehr, falls die Nachfrage nach Covid-19 wieder anziehen sollte).

Was die Fiskalpolitik betrifft, so ist es überraschend, wie die beiden Extremszenarien mit Biden als Präsident aussehen könnten: Entweder ein sehr starker fiskalischer Stimulus (mit Priorität für Nachhaltigkeit) plus eine solide Erhöhung der Steuern für Unternehmen und wohlhabende Einzelpersonen, sollten die Demokraten den Senat kontrollieren. Oder ein eher gemäßigter Fiskal-Stimulus, lediglich mit einer Feinjustierung der Steuerpolitik.

Die Auswirkungen der gegensätzlichen Kräfte des ersten Szenarios dürften in der Summe einen Effekt haben, der sich nicht so sehr von dem des zweiten Szenarios unterscheiden würde – jedoch würde es natürlich Gewinner (saubere Energie, nachhaltiger Verkehr und Wohnungsbau) und Verlierer geben.

Um auf die Achterbahnfahrt der Meinungen, Artikel und Emotionen zurückzukommen, die wir aktuell beobachten, gab es kürzlich zwei Nachrichten, die beispielhaft für die seltsamen Zusammenhänge stehen, die wir bis zum 3. November (und danach) sehen werden: Biden führt die Umfragen zweistellig an – der Nasdaq ist um mehr als 2,5 Prozent gestiegen.