Neutrale Technologie Die Rolle von Kryptowährungen im Ukraine-Krieg

Kryptowährungen wie der Bitcoin sind unabhängig von sämtlichen Institutionen. Das macht sie für russische Oligarchen interessant, die die wirtschaftlichen Sanktionen der Europäischen Union umgehen und ihr Vermögen sicher parken wollen. Aber auch die Ukraine kann von ihnen profitieren.

Kryptobörse in Kiew
Kryptobörse in Kiew: Im Krieg zwischen Russland und der Ukraine zeigt sich die Neutralität von Kryptowährungen© Imago Images / NurPhoto
Hartmut Giesen, Sutor Bank

Nach der russischen Invasion in der Ukraine am 24. Februar fiel der Preis von Bitcoin zunächst, während der Goldpreis zu steigen begann. Danach folgten mehrere Tage mit kräftig steigenden Kursen von Kryptowährungen.

Der Bitcoin kletterte bis auf mehr als 44.000 US-Dollar am 2. März, seinem bisherigen Höchststand in diesem Jahr. Zum Vergleich: Am 24. Februar lag der Kurs laut CoinMarketCap noch bei 34.900 US-Dollar.

Den Aufwind bei den Kryptowährungskursen sieht Hartmut Giesen, Digitalisierungsexperte bei der Sutor Bank, klar im Zusammenhang mit dem Ukraine-Russland-Konflikt. Das macht der Experte an den folgenden fünf Gründen fest:

  • Kryptowährungen machen den Geldtransfer einfacher, der durch die Swift-Sanktionen schwieriger geworden ist.
  • Kryptowährungen sind der verbleibende sichere Hafen für Rubelvermögen. Fiat-Währungen wie US-Dollar oder Euro stehen als Ausweichwährungen für den unter den Sanktionen zusammenbrechenden Rubel nicht mehr zur Verfügung.
  • Vielleicht spielen auch Sanktionsvermeidungsaktivitäten eine Rolle. Ob diese eine preisbewegende Größenordnung haben, ist aber reine Spekulation.
  • Nichtrussische Kurzfristinvestoren sind der Meinung, dass die Punkte 1 bis 3 zutreffen und investieren entsprechend, um von der Entwicklung zu profitieren.
  • Der Wert und Nutzen eines staatenunabhängigen Währungs- und Zahlungsnetzwerks lässt, wenn auch unter sehr unschönen Bedingungen, erkennen, was auch langfristige Investoren anziehen könnte.
Sören Hettler, DZ Bank

Flüchten vermögende Russen in Kryptowährungen?

„Sehr wahrscheinlich werden Bitcoin & Co. aktuell verstärkt von Institutionen und Personen eingesetzt, die sich auf Sanktionslisten wiederfinden“, schreibt Sören Hettler, Analyst der DZ Bank. „Schließlich bieten Kryptowährungen die Möglichkeit, Vermögen außerhalb des üblichen Zugriffsgebiets von Behörden und bis zu einem gewissen Grad anonym anzulegen. Zudem kann von überall auf der Welt auf die Bestände zugegriffen werden.

Was für Hettlers Vermutung spricht: Die Anzahl der Wallets, also der digitalen Bitcoin-Konten, mit einem Wert im Millionenbereich ist von Anfang Februar bis Anfang März 2022 stark gestiegen.

Im Monatsvergleich gab es bei Wallets im Wert von über einer Million US-Dollar einen Anstieg um 3.000 auf jetzt 88.500. Wallets, die Bitcoin im Wert von über 10 Millionen US-Dollar bunkern, gibt es jetzt rund 7.900. Das ist ein Plus von rund 500 Wallets.

Es gibt aber keine Informationen darüber, aus welchem Land die Wallets stammen.

Quelle: Twitter

Das Fachportal BTC Echo berichtet derweil, dass sich Russinnen und Russen anders als von westlichen Entscheidungsträger:innen befürchtet nicht in Bitcoin flüchten, um dem Sanktionsregime zu entkommen. Es zitiert Daten von der Blockchain-Analysefirma Chainalysis, die zeigen, dass das Krypto-Handelsvolumen mit Rubel am Donnerstag, 3. März, lediglich 34 Millionen US-Dollar betragen hat. Zum Vergleich liege der Rekord vom 21. Mai 2021 bei 158 Millionen US-Dollar. Der jüngste Anstieg des Bitcoin-Kurses sei also nicht auf ein gesteigertes Interesse aus der Russischen Föderation zurückzuführen.

Die Experten von Bloomberg schätzen, dass die russische Bevölkerung Kryptowährungen im Wert von mehr als 214 Milliarden US-Dollar besitzt. Das entspricht knapp 11 Prozent der Gesamtkapitalisierung in Höhe von 1,9 Billionen US-Dollar.

Spendenaufrufe für Kryptowährungen

Auch die Ukraine nutzt Kryptowährungen: Auf Twitter folgten kurz nach der Invasion Spendenaufrufe für digitale Währungen. Laut Professor Roman Matkovskyy von der Rennes School of Business gingen Krypto-Spenden in Höhe von mehr als 5 Millionen US-Dollar in Bitcoin, Ethereum und anderen Token ein.

Quelle: Twitter

Eliezer Ndinga, 21shares AG

Welcher der beiden Kriegsparteien helfen Kryptos nun mehr? „Ironischerweise scheinen Kryptowährungen beiden Seiten des Konflikts zu dienen, was im Grunde ein lebender Beweis dafür ist, dass die Krypto-DNA keine Voreingenommenheit in sich trägt und vielmehr eine neutrale, unparteiische Technologie darstellt“, sagt Eliezer Ndinga, Director of Research beim Krypto-ETP-Anbieter 21shares AG.

Auch Matkovskyy sagt: „Kryptowährungen sind ihrer Natur nach neutral. Wie jedes andere Instrument können sie sowohl für gute als auch für schlechte Zwecke verwendet werden.“ Sie hätten aber großes Potenzial, als Zahlungs- oder Wertaufbewahrungsmittel eingesetzt zu werden.

Die digitalen Währungen stecken Matkovskyy zufolge jedoch „noch in den Kinderschuhen und müssen sich erst noch zu einer brauchbaren Alternative zum traditionellen Finanzwesen entwickeln“.

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