Gemischtes Bild Nachhaltige Fonds mit Renditevorteilen?

Die Agentur Scope hat die Performance nachhaltiger Aktienfonds gemäß Artikel 9 der EU-Offenlegungsverordnung untersucht. Das Ergebnis ist erstaunlich, hat aber weniger mit dem Fokus auf ESG-Faktoren zu tun als vielmehr mit der Sektor-Allokation.

16.03.2022 - 10:1517.03.22 - 09:39
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Naturschutzgebiet in Österreich
Naturschutzgebiet in Österreich: Langfristig gesehen haben Artikel-9-Fonds besser abgeschnitten als ihre nicht nachhaltigen Pendants. Auf kurze Sicht sieht es anders aus© Imago Images / Westend61

Die Zahl der nachhaltigen Investmentfonds wächst: Von den rund 12.000 Anlageprodukten, die in Deutschland per Ende Februar 2022 zum Vertrieb zugelassen sind, waren 3.572 als Artikel-8-Fonds und weitere 541 als Artikel-9-Fonds klassifiziert. Das hat eine Untersuchung des Analysehauses Scope ergeben. Damit sind 33 Prozent der in Deutschland zugänglichen Investmentfonds nachhaltig ausgerichtet.

Tabelle 1: Anzahl und verwaltetes Vermögen nachhaltiger Fonds in Deutschland

Quelle: Scope

Die schnell zunehmende Zahl der nachhaltigen Fonds zeigt, dass die Dynamik in diesem Segment ungebrochen ist. Unterdessen steht die Frage nach der Performance dieser Portfolios mehr und mehr im Zentrum des Interesses. Das gilt vor allem für die Artikel-9-Fonds, die als „dunkelgrün“ bezeichnet werden – im Gegensatz zu den „hellgrünen“ Artikel-8-Fonds.

Erstere verstehen sich als Impact-Fonds, die ein konkretes Nachhaltigkeitsziel verfolgen – beispielsweise die Verringerung von CO2-Emissionen oder die Förderung zukunftsfähiger Investitionen – und entsprechend auf die Unternehmen einwirken, in die sie investiert sind.

Als Ergebnis eines Performance-Vergleichs sind drei Szenarien möglich:

  • Anleger:innen bezahlen das gute Gewissen bei der Geldanlage mit Verzicht auf Rendite. Denn: ESG-Anleger verkleinern ihr Anlageuniversum und schließen dadurch potenzielle Performance-Treiber grundsätzlich aus.
  • ESG-Fonds haben ein höheres Renditepotential. Denn: Eine Titelselektion nach ESG-Kriterien führt zur Auswahl von besonders gut geführten Unternehmen, die geringere Risiken bergen als Konzerne, die ESG-Standards nicht einhalten.
  • ESG-Kriterien haben keinen Einfluss auf die Rendite – weder negativ noch positiv.

Welches Szenario besteht den Praxistest? Dafür hat Scope die Performance von Artikel-9-Fonds mit den übrigen Fonds ihres jeweiligen Segments verglichen. Untersucht wurden die zwei wichtigsten Aktienfondsgruppen globale und europäische Aktien. Per Ende Februar 2022 waren in der Scope-Datenbank für diese Peergroups 169 Artikel-9-Fonds aufgeführt.

Nachhaltige Fonds auf lange Sicht mit Performance-Vorteilen

Die Auswertung zeigt ein differenziertes Bild – je nach betrachtetem Zeitraum. Auf längere Sicht, also über drei und fünf Jahre, schneiden Artikel-9-Fonds besser ab als die restlichen Fonds der beiden Vergleichsgruppen. Besonders deutlich ist der Vorsprung der Impact-Portfolios bei europäischen Aktien in den vergangenen drei Jahren. Sie legten um 9,75 Prozent per annum zu, während Fonds, die nicht unter Artikel 9 fallen, nur auf 8,26 Prozent kamen.

Auch in der Kategorie „Aktien Welt“ gewannen Artikel-9-Portfolios auf Dreijahressicht einen Prozentpunkt p.a. mehr hinzu als die übrigen Produkte. Im Fünfjahreszeitraum fällt der Vorsprung etwas geringer aus.

Auf kürzere Sicht haben sich Impact-Fonds dagegen wesentlich schwächer entwickelt als die übrigen Produkte. Rund 2,5 Prozentpunkte liegen auf Sicht eines Jahres zwischen Artikel-9-Fonds und den restlichen Portfolios.

Tabelle 2: Durchschnittliche Wertentwicklung

Quelle: Scope

Sektorallokation als wesentlicher Teil der Erklärung

Die Ergebnisse der Analyse deuten darauf hin, dass sich ein Fokus auf Nachhaltigkeit langfristig auszahlen kann. Zugleich zeigt sich eine klare Underperformance der Impact-Fonds über einen kürzeren Zeitraum. Wie sind diese signifikanten Renditeunterschiede einzuordnen?

Bei der Beantwortung dieser Frage ist Vorsicht geboten, schreiben die Scope-Experten. Zum einen muss auf die noch geringe Anzahl der Artikel-9-Fonds hingewiesen werden. Zwar hat sich deren Zahl jüngst stark erhöht, doch absolut betrachtet liegt sie immer noch sehr deutlich unter der Zahl der Nicht-Artikel-9-Produkte. Einzelne (Performance)-Ausreißer wirken sich daher stark auf die Gesamtentwicklung der Gruppe der Impact-Fonds aus. Das erschwert eine Verallgemeinerung der Ergebnisse.

Zum anderen muss für eine Erklärung der Out- bzw. Underperformance die unterschiedliche Sektorallokation berücksichtigt werden. Impact-Fonds sind häufig kaum in den Energiesektor investiert, weil klassische Öl- und Gasunternehmen als wenig nachhaltig gelten. Das hat den Wertzuwachs in den vergangenen zwölf Monaten (Stichtag: 28. Februar) spürbar gebremst, denn der Energiesektor hat in dieser Zeit gemessen am MSCI World Energy Index um rund 55 Prozent zugelegt.

Auch die für Artikel-9-Fonds typische Untergewichtung von Titeln aus dem Finanzwesen – Stand Ende Februar einer der besten Sektoren auf Jahressicht – hat die Entwicklung zuletzt verlangsamt. Zudem war das traditionell starke Engagement in Industriewerten ein Hemmnis: In den vergangenen zwölf Monaten zählte der Sektor zu den drei schwächsten Wirtschaftszweigen.

Blickt man dagegen auf die langfristige Entwicklung, war das geringe Gewicht von Energieaktien für die Artikel-9-Fonds vorteilhaft. Trotz der aktuellen Hausse gewann der Sektor in den vergangenen fünf Jahren nur 2,7 Prozent p.a. hinzu und belegte damit abgeschlagen den letzten Platz aller Branchen. Der langfristigen Entwicklung von Impact-Fonds geholfen hat außerdem das Übergewicht der Sektoren Gesundheit, Technologie und Industrie. Mit einer Performance von fast 23 Prozent p.a. auf Fünfjahressicht war vor allem die Technologiebranche das Zugpferd für die überdurchschnittliche Entwicklung dieser Fondsgruppe.

Quelle: Scope

Weitere Unterschiede bei Unternehmensgröße und Investmentstil

Nicht nur bei der Gewichtung der Sektoren unterscheiden sich Artikel-9-Fonds von den übrigen Portfolios. Auch in puncto Marktkapitalisierung gibt es Auffälligkeiten. So sind Impact-Fonds stärker in Nebenwerten investiert als die restlichen Produkte. Bei Fonds nach den Artikeln 6 und 8 stecken im Durchschnitt 25 Prozent des Vermögens in mittleren, kleinen und sehr kleinen Unternehmen. Bei Artikel-9-Fonds sind es hingegen 31 Prozent. Diese erhöhte Allokation in Nebenwerte geht vor allem zulasten von Megacaps, also Unternehmen mit einer Marktkapitalisierung von mehr als 200 Milliarden US-Dollar. Diese spielen in Impact-Fonds eine geringere Rolle als in den übrigen Portfolios.

Darüber hinaus zeigen sich Differenzen bei den verfolgten Investmentstilen. Unter Artikel-9-Fonds ist eine Growth-Strategie weitaus stärker verbreitet als unter den übrigen Produkten: Die Impact-Fonds in der Vergleichsgruppe Aktien Welt haben fast 40 Prozent ihres Vermögens in Wachstumstitel investiert, während dieser Anteil bei den sonstigen Portfolios nur bei 34 Prozent liegt. Auf der Value-Seite ist die Situation umgekehrt. Artikel-9-Produkte halten deutlich weniger Substanztitel als die anderen Fonds: Im Mittel stecken nur 15 Prozent ihres Vermögens in Value-Aktien.

Die gute Leistung von Impact-Fonds über Mehrjahreszeiträume ist damit auch ein Spiegelbild der Vorlieben der Anleger:innen. Sich auf wachstumsstarke Unternehmen zu konzentrieren war viele Jahre lang eine erfolgversprechende Strategie, wohingegen Value-Investoren wenig Freude mit ihren Investments hatten. Impact-Fonds haben damit im Mittel stärker von der Growth-Rally profitiert als der Durchschnitt der übrigen Fonds.

Das vergangene Jahr sah hingegen ein Comeback von zyklischen Titeln, die wegen ihrer niedrigen Bewertung von Value-Anlegern geschätzt werden. Diese Entwicklung hat dem durchschnittlichen Artikel-9-Fonds weniger geholfen als den übrigen Fonds.

Artikel-9-Fonds glänzen nicht in jeder Marktsituation

Die Scope-Auswertung zeigt, dass Artikel-9-Fonds auf mittlere bis lange Sicht eine höhere Rendite erzielt haben als die übrigen Produkte. Besonders vor und während der Corona-Krise 2020 konnten die Impact-Fonds einen deutlichen Vorsprung herausarbeiten. Im derzeitigen Umfeld, das unter anderem von der Hausse bei Energieaktien geprägt ist, laufen diese Fonds allerdings hinterher. Das zeigt: Nicht in jeder Marktsituation können Artikel-9-Fonds glänzen.

Wer sich auf Impact-Fonds einlässt, gibt seinem Investment für gewöhnlich eine Tendenz, die sich besonders auf die Sektorallokation auswirkt. Auch bei der Marktkapitalisierung der gehaltenen Titel und beim Investmentstil präsentieren sich Artikel-9-Fonds im Durchschnitt anders als die übrigen Portfolios.

Das Fazit der Scope-Experten: Ein Beweis, dass Impact-Fonds prinzipiell Performance-Vorteile haben, lässt sich aufgrund der erhobenen Daten nicht führen. Dazu sind die Anzahl der nachhaltigen Fonds und der Betrachtungszeitraum noch zu klein. Die hier präsentierten Ergebnisse sind aber als Indikation zu verstehen, dass Artikel-9-Fonds langfristig in der Lage sind, die Konkurrenz zu übertreffen.