Sabrina Jacobs (Gastautorin)
10.05.2021

Schwer zu vergleichen Das Problem mit ESG-Ratings – was ist wirklich nachhaltig?

Flugzeugturbine von General Electric auf der China International Import Expo
Flugzeugturbine von General Electric auf der China International Import Expo: Es scheiden sich die Geister bei der Frage, wie nachhaltig der US-Mischkonzern ist
© IMAGO / VCG

Kaum ein Vermögensverwalter kommt mehr an der Berücksichtung der ESG-Kriterien vorbei. Zugleich verlangt die immer weiter verschärfte Regulatorik von den meisten Unternehmen die Veröffentlichung von ESG-Daten für ihre Emissionen. Diese Daten gilt es hinsichtlich möglicher Risikofaktoren zu kategorisieren und zu bewerten, um Investoren Anhaltspunkte zu liefern. Daneben können Ratings den Dialog mit den Firmen eröffnen.

Mit den verschärften regulatorischen Anforderungen hat sich das Reporting seitens der Unternehmen und somit auch die Transparenz deutlich verbessert. Im Gegensatz zu vor einigen Jahren ist ESG zwar heute stets ein Thema für Investoren bei der Kapitalanlage. Doch Nachhaltigkeit steckt als fester Bestandteil der Risikoanalyse praktisch noch in den Kinderschuhen – und wirft damit Probleme auf. So gibt es weder einen pauschalen ESG-Analyseansatz noch konsistente Daten, die in standardisierte Ratings oder Bewertungen einfließen könnten. Die Folge: Die ESG-Bewertungen verschiedener Ratingagenturen fallen für ein und dieselbe Gesellschaft oft sehr unterschiedlich aus.

ESG-Bewertungen können sich je nach Ratingagentur stark unterscheiden

Ein Grund für diese Heterogenität ist die mitunter sehr unterschiedliche Gewichtung der ESG-Kriterien im Rahmen einer neuen Wertpapier-Emission. Entscheidend in diesem Kontext sind die Sektoren. Spielt etwa bei Tech-Firmen der Datenschutz eine zentrale Rolle, sind in der Automobilbranche die Themen Qualität und Sicherheit wichtiger. Daher erscheint es geboten, die unterschiedlichen Kriterien bei der Unternehmensbewertung entsprechend zu gewichten, um Investoren Anhaltspunkte zu liefern.

Doch dies ist nicht immer offensichtlich. Vielmehr können die zugrundeliegenden Daten und auch die Methodik voneinander abweichen. So kommen die drei großen Ratingagenturen MSCI ESG, Vigeo Eiris mit dem deutschen Partner Imug Rating und Sustainalytics oft zu unterschiedlichen Ergebnissen hinsichtlich ihrer ESG-Bewertungen.

Viele Investoren haben daher eigene ESG-Ratings initiiert, die potenzielle Risiken genauer und zuverlässiger widerspiegeln. Dies kann mittels separater Scores für eine breite Palette von wichtigen ESG-Themen erfolgen. Die Scores werden unter Verwendung von Eingaben zahlreicher ESG-Datenanbieter generiert und von Kredit- und Datenexperten hinsichtlich Qualität und Relevanz angepasst und entsprechend ihrer Bedeutung für verschiedene Sektoren gewichtet. Das Ziel ist es, ihre Entscheidungsfindung und ihr Engagement zu unterstützen und Portfolios für Kunden zu ermöglichen, die spezifische ESG-Kriterien wünschen.

Governance mit Dominoeffekt auf andere Bereiche

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Interne ESG-Ratings basieren oft auf einem Notensystem von 1 bis 5. Dabei ist die schlechteste Note jedoch nicht gleichbedeutend mit einem Nicht-Kauf der bewerteten Anleihe. Anstatt ein komplettes Verbot auszusprechen, ist es ratsam, den am schlechtesten bewerteten Emittenten von Fall zu Fall zu betrachten und zu überlegen, ob es Spielraum für ein Engagement mit dem Unternehmen gibt. Nur auf das Scoring zu reagieren, kann zu rückständig sein und Gelegenheiten zu Verbesserungen verpassen, die einen bedeutenden Einfluss auf den Status Quo haben könnten. Generell sollte der Fokus auf der Governance-Säule liegen, da eine schlechte Corporate Governance oft einen Dominoeffekt auf andere Bereiche hat.

Es gibt keine einheitliche Definition von „guter“ und „schlechter“ ESG-Performance

Beim Vergleich interner ESG-Bewertungen mit denen der relevanten Rating-Agenturen können sich gravierende Unterschiede ergeben. Eine Agentur bewertete ALD, einen Anbieter aus der Mietwagenbranche, mit der Note 5, während ein anderer Anbieter eine positivere Note von 2 vergab. Dieselbe Agentur bewertete General Electric mit einer positiven Note von 2, während die eigene Analyse und eine weitere Agentur eine niedrigere Note von 4 vergaben (die spezifischen Wertpapiere, die identifiziert und beschrieben wurden, können sich ändern. Sie dienen nur zur Information, um wichtige ESG-Risikothemen zu demonstrieren, und es sollte nicht davon ausgegangen werden, dass die identifizierten und beschriebenen Wertpapiere profitabel waren oder sein werden).

Diese Diskrepanz zeigt, dass es aktuell keinen perfekten ESG-Datenanbieter gibt. Auf der Ebene der Gesamtnoten sind die Werte der verschiedenen Datenanbieter sogar oft gegensätzlich und bisweilen leider auch falsch. Klar scheint, dass es künftig weiterhin unterschiedliche Provider geben wird und verschiedene Aspekte unterschiedlich gewichtet werden. Daher ist es für Investoren wichtig, sich nicht auf einen Anbieter zu verlassen und sich im Zweifel die zugrundeliegenden Daten im Detail anzusehen und mit dem Unternehmen in Kontakt zu treten – sei es, um zusätzliche Informationen und Details zu sammeln oder Änderungen zu bewirken, die zu einem späteren Zeitpunkt zu einem besseren Rating führen können.

Über die Autorin

Sabrina Jacobs ist Fixed Income Spezialistin beim globalen Asset Manager Insight Investment.

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