Investmentansatz Die Faustregel 60/40 für Portfolios hat ausgedient

Das traditionelle Konzept 60 Prozent Aktien und 40 Prozent Anleihen gehört der Vergangenheit an, erklärt Pascal Blanqué, Investment-Chef bei Amundi. Doch welche Argumente sprechen für seine These? Und wie sollten Anleger ihre Portfolios jetzt aufstellen?

18.06.2021 - 14:1518.06.21 - 14:15
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in  Fonds
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Frühjahrsputz
Frühjahrsputz: Anleger sollten ihre Portfolios umschichten, da der klassische 60/40-Ansatz künftig weniger Rendite erzielen dürfte© IMAGO / agefotostock

Die Covid-19-Pandemie hat die Weltwirtschaft erheblich beeinträchtigt. Auch langfristiger betrachtet sind die Volkswirtschaften anfälliger geworden. Zudem haben sich die Bilanzen von Haushalten, Unternehmen und Regierungen auf globaler Ebene verschlechtert. Zwar unterstützen viele Staaten mit expansiver Geld- und Fiskalpolitik Wirtschaft und Gesellschaft – aber das kann nicht ewig so weitergehen.

Die Krise wird zu einem System führen, das von Natur aus anfälliger für politische Fehler sein dürfte und in dem die Erwartungen der Anleger möglicherweise zunehmend unerfüllt bleiben. „Die Inflation könnte zukünftig höher und das reale Wachstum niedriger ausfallen“, erläutert Pascal Blanqué, Investment-Chef bei Amundi.

Diese Veränderungen hätten tiefgreifende Konsequenzen für die Asset Allokation der Anleger – sowohl was die Risikoprämien als auch was die gesamte Portfoliokonstruktion betrifft. Der traditionelle 60/40-Ansatz, also 60 Prozent Aktien und 40 Prozent festverzinsliche Papiere, dürfte im Vergleich zum vergangenen Jahrzehnt risikobereinigt weniger Rendite erzielen. Der Investment-Chef sieht vier Auswege aus dem Dilemma der Asset-Allokation.

1. Ansatz: 60/40-Portfolio neu überdenken

„Der 60/40 Ansatz ist ein Konzept der Vergangenheit, das sich wohl nicht mehr halten lassen wird“, erklärt Blanqué. Zum einem dürften Aktien künftig niedrigere Erträge liefern als früher. Zum anderen wird die Korrelation zwischen Anleihen und Aktien bei steigender Inflation und höheren Schwankungen wohl deutlich zunehmen. „Das risikoadjustierte Profil eines traditionellen ausgewogenen Portfolios wird sich daher verschlechtern“, warnt Blanqué.

Daher könnten Anleger ihr Aktienengagement erhöhen und diversifizierte Portfolios aufbauen, die über die traditionelle Benchmark-Allokation hinausgehen, einschließlich alternativer sowie hochverzinslicher Investments wie Schwellenländeranleihen. Dadurch wird die Portfoliokonstruktion komplexer.

2. Ansatz: Anleiheinvestitionen über die Benchmark hinaus

Anleihen sind in einer Welt der positiven Korrelation bei höherer Inflation nicht mehr die besten Diversifizierer global ausgerichteter Portfolios. Zudem gibt es das Benchmark-Durationsproblem. „Festverzinsliche Indizes weisen derzeit extrem niedrige Renditen auf, während sich ihre Duration auf historischen Höchstständen befindet“, erklärt Blanqué. Daher könnte bereits ein kleiner Anstieg der Zinsen zu großen Kapitalverlusten führen.

3. Ansatz: Aktien als strukturelles Muss

„Vor dem Hintergrund einer höheren und volatileren Inflation ist ein Engagement in Aktien sinnvoll“, sagt Blanqué. Es kann Schutz vor Blasen und Marktexzessen bieten. Anleger sollten aber vorsichtig bei zinssensiblen Aktien sein, während dividendenstarke Titel und solche, die in Realwerten engagiert sind, bevorzugt werden könnten.

„Die Rotation von Growth zu Value ist ein langjähriger Trend“, so der Amundi-Experte. Aktuell befinden wir uns in einem frühen Stadium mit höherer Inflation, steigenden Rohstoffpreisen und anziehenden Zinsen. Diese Faktoren sind ein gutes Zeichen für Value-Aktien. Anleger könnten also den Aktienanteil erhöhen und dabei das Inflationsrisiko einkalkulieren. Auch Diversifizierung ist angebracht.

4. Ansatz: Dauerbrenner ESG

Viele Regierungen haben im Zuge der Covid-19-Krise den Fokus auf den Kampf gegen Ungleichheit gelegt. So wird das „S“ in ESG aufgrund von neuen Finanzinstrumenten wie Sozialanleihen immer interessanter. Bei dem „E“ ist der grüne Übergang bereits voll im Gange. Neue Instrumente wie Temperatur-Scores können die Ausrichtung von Investmentportfolios auf das Netto-Null-Ziel messen. „Wenn wir diese Scores über Anleihe- und Aktienindizes hinweg berechnen, stellen wir fest, dass nur sehr wenige Unternehmen einen Temperatur-Score von unter 2 Grad Celsius vorweisen können – insbesondere in den Schwellenländern“, sagt Blanqué.

Der Klimawandel wird sich in den kommenden Jahren verschärfen. Daher sind neue Anlageklassen entstanden und es werden weitere folgen. In Zukunft wird es bei ESG-Investments eine stärkere Unterscheidung zwischen Themen, Sektoren und Aktien geben. „Für Anleger, die Überschussrenditen erzielen wollen, wird es entscheidend sein, die Chancen zu erkennen, bei denen die ESG-Prämie noch nicht vollständig eingepreist ist“, erklärt Blanqué.